Rustikale Überwältigung: Bonnie Tyler im Beethovensaal der Liederhalle Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Die Frau, die mit Reißnägeln gurgelt: Bonnie Tyler lässt in der Stuttgarter Liederhalle gut vierzig Jahre ihrer Karriere Revue passieren und zeigt dabei viele unterschiedliche Gesichter.

Stuttgart - Gut vierzig Jahre dauert die Karriere von Bonnie Tyler inzwischen, mittlerweile ist ihre Stimme tatsächlich so alt, wie sie schon seit Jahrzehnten klingt. Oder hat sich die Waliserin 1978 auf „It’s A Heartache“ etwa ernsthaft so angehört, als wäre sie siebenundzwanzig Jahre jung?

Mit einem Timbre, so raspelrau, als habe sie bereits ein halbes Leben lang mit Reißnägeln gegurgelt und mit Bourbon nachgespült, sang sich die blonde Bergmannstochter damals ins Rampenlicht. Doch nicht zum Handicap geriet Bonnie Tyler ihr durch eine unzureichend auskurierte Stimmbandoperation derangiertes Organ, sondern zum Kapital für eine Laufbahn, die noch immer für gut gefüllte Hallen sorgt – mit eintausendachthundert Fans ist die Stuttgarter Liederhalle am Dienstagabend mehr als ordentlich besucht. Nervös, fast etwas ungelenk startet die bald Siebenundsechzigjährige in einen Abend, der den unsteten Verlauf ihrer Karriere in ganzer Breite widerspiegelt.

Mit Widmung an Janis Joplin

Die Interpretin von schlagerhaftem Siebziger-Jahre-Pop, seichten Countryliedern und belanglosen Balladen aus der Resterampe eines Dieter Bohlen gibt es im Beethovensaal ebenso zu erleben wie die resolute Bluesrock-Shouterin im Janis Joplin gewidmeten „Turtle Blues“, zu hören ist die Komponistin großer Soulrock-Hits wie „Simply the Best“ oder die Vokal-Berserkerin, die dem Bombastrock des Meat-Loaf-Komponisten Jim Steinman vokale Grandezza entgegenzusetzen wusste. Mehr noch als Steinmans cinemascopischer Schmachtfetzen „Total Eclipse of the Heart“ wird aber der Titelsong des dazugehörigen Albums „Faster than the Speed of Night“ zum Höhepunkt des Konzerts – hier beweist auch das meist unterforderte Quartett an Tylers Seite, dass es mehr zu bieten hat als bollernden Mainstreamrock und brave Gitarre-Keyboard-Dialoge.

Vor allem aber zeigt dieser Auftritt, wie sehr Tylers rustikale, manchmal hemdsärmelig-derbe Gangart im Lebensstil ihrer von Kupferhütten und Kohleminen geprägten Heimatstadt Neath wurzelt. Konsequent donnernd-plakativ endet mit „Holding out for a Hero“ denn auch der Abend einer Künstlerin, die mit burschikosem Trotz einen langen Weg gegangen ist.

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