Manche, die Blumen niederlegen wollten, hatten Probleme, die etwas versteckte Trauerstelle an der Forststraße zu finden. Foto: /Andreas Rosar

Nachdem ein 37-Jähriger offenbar rein zufällig eine 77 Jahre alte Frau mitten auf der Forststraße im Stuttgarter Westen erstochen hat, ist die Betroffenheit unter den Anwohnern groß. Angst, auf die Straße zu gehen, haben die meisten dennoch nicht.

Stuttgart - Es ist ein grauer, windiger Wintertag. Immer wieder halten Paketboten am Straßenrand, um bei den Bewohnern der Forststraße im Stuttgarter Westen etwas abzuliefern. Aus wenigen Metern Entfernung ist Kinderlachen zu hören. Der Abenteuerspielplatz West ist kurz vor der Mittagszeit gut besucht. Nichts deutet zunächst darauf hin, dass sich einige Meter weiter vor nicht einmal 24 Stunden ein tödlicher Messerangriff auf eine 77-Jährige ereignet hatte. Bis auf vier Kerzen der Anteilnahme, die vor einem Fenster in der Forststraße stehen. Spurlos vorbei an den Anwohnern ging der 8. Dezember trotzdem nicht.

Das war zuvor geschehen: Am Sonntagmittag, gegen 12.30 Uhr attackierte ein Mann eine 77-jährige Frau und stach mitten auf der Forststraße mehrfach mit einem Messer auf sie ein. Als die Frau schwer verletzt zusammenbrach, eilte der Täter davon. Zwar wurde die Frau von Notarzt und Rettungsdienst in eine Klinik gebracht, doch dort verstarb sie wenig später an ihren Verletzungen. Der Täter selbst stellte sich der Polizei und ließ sich in einem nahegelegenen Café festnehmen.

Entsetzen über wenig Anteilnahme

Die Stuttgarterin Ursula Limbach-Mayer aus der Nachbarschaft des Tatorts ist gekommen, um eine Blume niederzulegen. Fast hätte sie die Stelle nicht gefunden. „Ich dachte, das erkenne ich gleich an vielen Kerzen und Blumen. Aber hier ist ja, bis auf die vier Kerzen, nichts“, sagt die 66-Jährige. Sie sei „entsetzt und traurig über so wenig Anteilnahme“ der Nachbarn. Still steckt sie eine orangenfarbene Rose in das Fenstergitter. „Das geht mir sehr zu Herzen. Man liest zwar immer wieder Schlagzeilen über so schreckliche Taten, aber wenn es in der eigenen Nachbarschaft geschieht, ist man doch besonders bestürzt.“

„Ich finde dazu keine Worte. Es wird immer grausamer hier. Und ich muss sagen, dass ich mich nach dem Ereignis doch etwas unsicher fühle. Es hätte schließlich jeden treffen können“, sagt eine 73-jährige Anwohnerin. Die 22-jährige Lea Matejka wohnt ebenfalls in der Nähe des Tatorts. „Bei uns in der Hausgemeinschaft herrscht gedrückte Stimmung. Es ist ein Schock, dass so etwas gerade hier passiert. Angst habe ich aber nicht, da der Täter ja gefasst ist“, sagt die Studentin. Als die Tat bekannt wurde, habe man sich in einer WhatsApp-Gruppe der Hausgemeinschaft darüber informiert und ausgetauscht.

Die meisten haben keine Angst

Auch wenn die Messerattacke die Anwohner schockierte – Angst durch ihre Straße zu gehen, haben die meisten dennoch nicht. „Ich habe generell ein Grundvertrauen in die Menschen und fühle mich hier nicht unsicher“, sagt Anwohnerin Karin Büttner. So geht es auch Jutta Handloser, die in der Forststraße wohnt: „Unsicher fühle ich mich nicht. Aber es ist schon ein komisches Gefühl, denn es waren ja unsere Nachbarn“, sagt die 55-Jährige.

Dass es prinzipiell wenige Gründe gibt, sich im Stuttgarter Westen zu ängstigen, legt auch die Crimemap unserer Zeitung nahe. Die Auswertung der polizeilichen Kriminalstatistik seit 2018 dort zeigt, dass es in dem Stadtbezirk seitdem nur vier Fälle von Körperverletzung im öffentlichen Raum gegeben hatte. Zum Vergleich: In Stuttgart-Mitte sind im selben Zeitraum 144 Fälle verzeichnet.

Nachdem der 37-jährige Tatverdächtige am Montag gestand, zeichnet sich ab, dass er ohne erkennbares Motiv gehandelt hatte. Nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei standen Täter und Opfer in keiner Beziehung zueinander, sodass die tödliche Attacke wohl reiner Zufall war. Nach der Vernehmung verdichten sich die Hinweise darauf, dass er die Frau aufgrund einer psychischen Erkrankung attackiert haben dürfte.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: