Unter anderem fahndete die Polizei nach einem Sarg, auch dies vergeblich. Foto: Jürgen Holzwart

Nebenbei offenbart der Prozess um eine erstochene 81-Jährige, dass die Polizei in schwierigem Umfeld ermittelte. Nicht nur manche Zeugenaussage wirkte denkwürdig.

Sindelfingen - Den letzten Irrweg verfolgte die Polizei lang nach dem Ende der eigentlichen Ermittlung. Vorvergangene Woche meldete sich eine Frau im Böblinger Revier. Das Landgericht verhandle gegen die Falsche, sagte sie. Sie kenne den wahren Mörder der 81-Jährigen, die in einem Sindelfinger Hochhaus erstochen worden war.

Ermittler der Sonderkommission Hochhaus besuchten die Entlastungszeugin zuhause. Die Umgebung im sechsten Stock eines Wohnblocks mutete gespenstisch an. An Türen fehlten Namensschilder. Nur eine Nachbarin öffnete den Beamten. Sie kam aus der Dusche und erklärte, dass sie niemanden hier kenne. Die Vernehmung der Zeugin verlief denkwürdig. „Sie wurde immer weinerlicher und brach schließlich zusammen“, sagt einer der Beamten. Die Aussage ergab keinen Ansatz dafür, dass die Anschuldigung gerechtfertigt wäre.

Womöglich wurde auf die 81-Jährige mit mehreren Messern eingestochen

Tatsächlich verdächtig ist eine 63-jährige ehemalige Nachbarin des Opfers. Das Landgericht verhandelt seit Februar gegen sie, nicht wegen Mordes, wegen Totschlags. Ursprünglich sollte Ende April das Urteil gesprochen werden, aber das Gericht hält weitere Verhandlungstermine für nötig. Der Prozess soll nun am 16. Mai enden. Die 81-Jährige war erst mit einem Laptop misshandelt, dann mit etlichen Messerstichen getötet worden. Womöglich waren mehrere Klingen im Einsatz. Dies legt die Obduktion nahe. Die Polizei fand keine Tatwaffe, obwohl sie die Müll- und Glascontainer in der Umgebung leeren ließ und das Hochhausgelände kameraüberwacht ist.

Die 63-Jährige leugnet die Bluttat, aber die Indizien gegen sie wiegen schwer. An ihrer Brille fanden die Ermittler DNA, an einem Uhrarmband Blutspuren des Opfers. Danach wurde die Verdächtige verhaftet. Davor war sie aus Rücksicht darauf frei geblieben, dass sie kurz zuvor einen Herzinfarkt erlitten hatte. Am vorerst letzten Verhandlungstag versuchten ihre Verteidiger, den Ermittlern einen Verfahrensfehler nachzuweisen. Eine Serie von Fragen zielte auf den Verdacht ab, dass bei der Vernehmung von Verwandten des Opfers in Kroatien nachlässig übersetzt worden war.

In der Wohnung des Opfers soll ein Sarg gehangen haben

Nebenbei offenbart der Prozess, dass die Polizei in einem schwierigen Umfeld ermittelte. Die verhinderte Entlastungszeugin war nicht die einzige, die eine fragwürdige Aussage zu Protokoll gab. Eine Nachbarin behauptete, in der Wohnung der 81-Jährigen hänge ein Sarg an der Wand. Die Polizisten hatten weder einen Sarg gefunden, noch fanden sie Handwerker oder Nachbarn, die einen gesehen hatten. Belegt ist hingegen, dass die 81-Jährige eher hauste als wohnte. Ob ihre Wohnung das Messie-Stadium erreicht hatte, empfinden die Zeugen unterschiedlich.

Einer der Ermittler meint, es sei kein Wunder, dass die Frau niemals Besucher empfing. Die Wände waren zugestapelt mit Kartons. Offenbar schlief die 81-Jährige auf ihrem Sofa. Ein Bett besaß sie nicht. Sie selbst beschreiben die Nachbarn als gepflegte Erscheinung von hoher Intelligenz und Höflichkeit – „Typ Nana Mouskouri“, wie eine Nachbarin sagt. Sie kleidete sich stets schwarz, ernährte sich aus Tierliebe vegetarisch und spielte Klavier. Männern fortgeschrittenen Alters fiel die 81-Jährige auf. Ein etwa 60-Jähriger stellte ihr regelmäßig nach und erzwang gar einen Kuss.

Das gepflegte Äußere einte die Angeklagte und das Opfer

Das gepflegte Äußere einte die Angeklagte und das Opfer. Die 63-Jährige trägt künstliche Fingernägel und ließ sich Permanent-Make-up tätowieren. Eine Rechtsmedizinerin vermerkte Narben einer Schönheitsoperation im Untersuchungsbericht. Die Frau ist verheiratet, hegte aber zumindest eine platonische Liebe zu einem Mann, den sie im Internet kennengelernt hatte. Dies belegen Chatprotokolle.

Auch die Aussagen zu ihr sind nicht frei von Merkwürdigkeiten. Bei der Polizei meldete sich ein entfernter Verwandter um mitzuteilen, die 63-Jährige habe schon einmal getötet, einen Mann, mit Schokolade. Das angebliche Opfer war Diabetiker. Nebenbei fand ein Polizist auf dem Computer der Frau Schriften, die er für kinderpornografisch hielt und zeigte sie deswegen an. Ganz anders schätzte in einem Brief an Verwandte die Getötete ihre Nachbarin ein: „Das ist eine sehr nette Familie“.

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