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Sieht man sie einmal, vergisst man sie nicht, diese 1977 in Linz geborene Schauspielerin. Dimiter Gotscheffs Tschechow-Inszenierung „Iwanow“ zum Beispiel.

Stuttgart - Vor fünf Jahren lief ein Film im Kino, "Liegen lernen". Eine Literaturverfilmung mit einem Helden, der – obwohl uninteressant und unsexy – eine Menge Freundinnen hatte. Erinnern kann man sich nur noch an die eine. Eine resolute kleine, nicht besonders schöne, aber interessante Frau mit schmalen Augen und vollen Lippen, die den Typen mit einem liebevollen, spöttischen Blick ansah. Die Frau war Birgit Minichmayr.

Auch im Theater ergeht es einem so: Sieht man sie einmal, vergisst man sie nicht, diese 1977 in Linz geborene Schauspielerin. Dimiter Gotscheffs Tschechow-Inszenierung "Iwanow" zum Beispiel. Unvergessen ist vor allem Birgit Minichmayrs heiseres Schluchzen, Schreien und Weinen, weil sie an der Liebe leidet.

Wie fast alle klugen und besonders begabten Schauspieler spricht sie sehr bescheiden über sich und lässt den Dichtern den Vortritt. Auf "Iwanow" angesprochen, zitiert sie Sätze über die Liebe und erzählt dann, als sei es das Leichtere, von der Fantasie. "Es reicht, in der Situation zu sein, um das zu empfinden, worum es geht."

Im Theater hat Minichmayr, die nach ihrer Schauspielausbildung ans Burgtheater Wien engagiert wurde, früh die großen Rollen gespielt, mehrere Preise erhalten, den Nestroy-Preis gleich zweimal. Kritiker lieben sie, das Publikum auch. "Birgit, bleib in Wien!", hat ein Zuschauer nach ihrer letzten Premiere in Wien gerufen, bevor sie nach Berlin ging. Das zeichnet ihre Beweglichkeit aus: sowohl an der energetisch hitzigen Volksbühne in Inszenierungen wie Frank Castorfs "Schuld und Sühne" oder in Stücken von René Pollesch zu bestehen als auch in Wien, wo sie mit auf psychologische Feinheiten achtenden Regisseuren wie Luc Bondy oder Andrea Breth arbeitet.

Bis die Filmwelt ihr Talent erkannte, dauerte es länger. In kleineren Rollen war sie immer wieder zu sehen, in "Das Parfüm" als Mutter des Mörders Grenouille oder in "Abschied - Brechts letzter Sommer". In diesem Jahr aber ist die 32-Jährige gleich auf drei wichtigen Festivals gefeiert worden - und wie. Sie erhielt den Darstellerpreis bei den Filmfestspielen von Berlin für Maren Ades Film "Alle anderen". In Michael Hanekes Film "Das weiße Band", der in Cannes zum Siegerfilm gekürt wurde und im Oktober ins Kino kommen soll, hat sie ebenfalls gespielt. Und dann kam im Mai beim Berliner Theatertreffen noch der Preis für ihr Spiel in Karl Schönherrs "Weibsteufel" dazu.

Es ist vor allem ihre Intensität, die klare und nachdrückliche durchdachte Artikulation, die alle Feinheiten, Subtilitäten und Denkbewegungen einer Figur auslotet.

"Alle anderen" ist ein Film über eine scheiternde Liebesbeziehung. Birgit Minichmayr schweigt kurz und sagt: "Es geht um ein Erwachen, bei ,Weibsteufel' noch mehr als bei ,Alle anderen'. Gittis Verhalten in ,Alle anderen' bewegt sich mehr in Richtung Ohnmacht. Sie versucht den Verrat von Chris aufzufangen. Vor lauter Verständnis verliert sie sich immer mehr, versucht weiblicher und zurückhaltender zu werden, bis die Situation durch Missverständnisse und Aneinandervorbeireden eskaliert." Für das Scheitern findet sie ein schönes Bild: "Ich habe mir immer vorgestellt, dass die beiden auf einer Eisscholle standen, sie wollten den Urlaub genießen - bewegten sich aufeinander zu und fingen an, sich voneinander wegzubewegen."

Die meiste Zeit sieht man sie in dem Film in pink glänzenden Shorts durch das Ferienhaus hüpfen, immer in Bewegung, aufgeregt, überdreht. Wie Lars Eidinger, der ihren introvertierten Freund Chris spielt, allein beim Zuschauen kaum mitzukommen scheint, ergibt das auch sehr lustige Szenen. Sie müsste vielleicht ganz anders sein, überlegt Minichmayrs Gitti einmal. In ihren Versuchen, mit damenhaftem Kleid und korrekt geschminkt umherzugehen, sieht sie doch aus wie ein Kind, das die Klamotten ihrer älteren Schwester trägt.

Minichmayr kann jungenhaft wirken, wenn sich ihr Mund langsam zu einem breiten Grinsen formt und wenn sie komplizenhaft zwinkert. Einen Moment später schmollt sie, ihr Mund sieht aus wie eine reife Kirsche, man möchte sie sofort für alle Lolitarollen besetzen. Das ist etwas Seltenes, dass sie sowohl die Leidenden, die vermeintlich Schwachen spielen kann als auch die harten Frauen - und in beiden beides findet: das Starke in Ophelia (in Klaus Maria Brandauers "Hamlet"-Inszenierung) und das Verletzliche in Lady Macbeth (bei Stephan Kimmigs "Macbeth"). Birgit Minichmayr wird nach dem Erfolg von "Alle anderen" weiter Filme machen, und doch bleibt sie am Theater. An der Burg wird sie "Struwwelpeter" spielen. Überhaupt sieht sie zwischen beiden Künsten Parallelen: "Zum Beispiel die Frage: Wie geht man mit der berühmten Wiederholung um. Im Theater ist jeder Abend, den man spielt, ein anderer. Ebenso wie jeder Take beim Film verschieden ist. Immer fragt man, wie schafft man es, den Impuls aus dem Moment heraus zu nehmen, immer wieder frisch und neu zu spielen. Es gibt auch im Theater nicht die Wiederholung der Wiederholung. Zwei Theaterabende derselben Inszenierung mögen für Außenstehende identisch wirken, aber für den, der den Abend spielt, gilt es immer wieder, einen neuen Zugang zu finden."

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