Ruf nach Schuldenschnitt bei einer Demonstration in Athen. Foto: dpa

"Ihr seid unsere Lesersoldaten": Eine Boulevardzeitung-Kampagne sorgt dafür, dass das Verhältnis zwischen Deutschen und Griechen im Jahr sechs des Euro-Krisenmanagements zerrütteter denn je ist.

Athen - Kostas Wils ist ein alter Haudegen unter Hellas’ Medienschaffenden. Er sitzt am späten Abend in einem spartanisch eingerichteten Büro eines unscheinbaren Gebäudes im Athener Stadtteil Kallithea.

In der Maske war er schon, ein paar Minuten Plaudern mit den Studiogästen, ein Blick aufs Smartphone-Display, dann steht Wils auf. Ein paar Stockwerke höher beginnt gleich seine wöchentliche Live-Sendung, eine landesweit ausgestrahlte Talkrunde im Athener Fernsehsender „ART TV“. Der Name der Sendung ist Programm: „Wölfe und Schafe.“ Das Thema heute: Die beharrlich harte Haltung Berlins in der Causa Hellas, des ewigen Euro-Sorgenlandes – permanentes Griechen-Bashing inklusive.

Wer Wolf ist und wer Schaf, das wird schon bald klar. Die mediale Steilvorlage hatte die „Bild“-Zeitung Tag geliefert. „NEIN! Keine weiteren Milliarden für die gierigen Griechen!“, polterte das Blatt in riesigen Lettern, demonstrativ in blau und weiß, den hellenischen Nationalfarben.

Die Adressaten: die Abgeordneten des deutschen Bundestags. Doch vergebens. Eine überwältigende Mehrheit votiert für die Verlängerung der Hilfskredite der öffentlichen Gläubiger aus EU, EZB und IWF an die klammen Griechen. Besänftigen kann dies Wils, ansonsten ein eher ruhiger Zeitgenosse, nicht. „Wieder dieses deutsche Drecksblättchen!“, schmettert er ins Mikrofon. Seine Zuschauer denken genauso. Sein Wutausbruch hat Gründe: Seit dem Ausbruch der desaströsen Krise zu Füßen laute die Parole: Alles Verwerfliche habe damit begonnen, dass die Hellenen die Deutschen mit gefälschten Statistiken reingelegt hätten, um der Eurozone beizutreten.

Griechen fehlt Verständnis für mediale Frontalangriffe

Der zum Griechenland-Beauftragen geadelte Paul Ronzheimer, ein 28 Jahre alter „Bild“-Reporter hatte bereits Anfang 2010 auf dem zentralen Athener Omonia-Platz, dem „Platz der Eintracht“, provokant Drachmen-Scheine an Passanten verteilt. Wie an Affen im Zoo, wie Kritiker monierten. Seither macht das Boulevardblatt Stimmung gegen die „Pleite-Griechen“. Listig, faul, korrupt oder alles zusammen: Sie seien einfach „Raffkes“, die dem braven Germanen in unverfrorener Frechheit sein hart erarbeitetes Geld raubten und es zudem wagten, ihre grandiosen Retter mit hässlichen Nazi-Vergleichen zu beschimpfen.

Diesmal ging dass Blatt noch einen Schritt weiter. Seine Leser sollten ein Selfie mit der NEIN-Schlagzeile zurücksenden – aus Protest gegen die Fortsetzung der Griechenland-Hilfen. Motto: „Ihr seid unsere Lesersoldaten, im Feldzug gegen Hellas.“ Der Aufschrei war laut. Der Deutsche Journalistenverband (DJV) forderte den sofortigen Stopp der Aktion. Sie „überschreite die Grenze zur politischen Kampagne“.

Doch das Kind lag schon im Brunnen. Man sei klar für den Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone, hob Chefredakteur Kai Diekmann in einem Kommentar hervor. Er war auch auf Griechisch geschrieben.

Immerhin: Der SPD-Abgeordnete Axel Schäfer hielt in der Debatte besagtes „Bild“-Plakat in Händen – das „NEIN“ symbolkräftig durchgestrichen. Schäfer, gebürtiger Frankfurter mit mediterraner Leidenschaft: „Wir unterstützen keine Kampagnen gegen andere Länder. Raus mit euch und auf die Knie! Das kann in Europa niemals unsere Haltung sein, auch nicht gegen Griechenland!“ Das denkwürdige Foto schaffte es am Samstag auf die Titelseite der konservativ-liberalen „Kathimerini“.

Trotzdem: Die Deutschen, vor Ausbruch der Krise das Lieblingsvolk der Griechen, sind mittlerweile ihr Lieblingsfeind. Wie stark, zeigt der Blick auf „Kontra News“. „Der hitlerische, satanistische und terroristische Plan der Deutschen: ‚Wir werden die Griechen ersticken und sie in die Knie zwingen!“, titelt das Blatt am Samstag.

Unter den Griechen herrscht kein Verständnis mehr für die medialen Frontalangriffe. Da dürfte Alexis Tsipras keine Ausnahme bilden. Gerade er hatte sie früh zu spüren bekommen. In einem 2012 erschienenen Artikel mit dem Titel „Kommunisten, Judenhasser, Halb-Kriminelle. Regieren diese Radikalen bald Griechenland?“ hatte Reporter Ronzheimer behauptet, Tsipras sympathisiere „offen mit gewalttätigen Anarchisten“.

Tsipras, zu jenem Zeitpunkt schon Anführer des „Bündnis der Radikalen Linken“ (Syriza) reichte Klage gegen Bild, bild.de sowie Ronzheimer ein. Bereits der Titel sei „provokativ“ und „brandstiftend“. Die in einem „extrem verleumderischen Ton“ über ihn und Syriza gehaltenen Ausführungen würden den Kläger „als Menschen, Abgeordneten, Präsidenten und Fraktionsführer von Syriza beleidigen“.

Wegen der „illegalen Beleidigung seiner Persönlichkeit, verleumderischen Diffamierung und Beschimpfung“ sei eine Geldstrafe in Höhe von einer Million Euro angemessen. Die Klage des mittlerweile zum Regierungschef gewählten Tsipras ist am Athener Landgericht weiter anhängig.

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