15,8 Millionen mal ist die Corona-Warn-App der Regierung schon von den entsprechenden Plattformen heruntergeladen worden. Foto: picture alliance/dpa/Kay Nietfeld

Seit einem Monat gibt es die Corona-Warn-Software für das Handy. Die bisherigen Zahlen sprechen für einen Erfolg. Auch weil die Smartphone-Anwendung laut Experten präventive Wirkung hat.

Berlin - Am 16. Juni ist es endlich soweit gewesen. Nach langem Vorlauf und einer Reihe von Verzögerungen präsentierte die Bundesregierung an jenem Tag mit großem Brimborium die deutsche Corona-Warn-App. Im Mittelpunkt stand damals das Werben um möglichst viele Nutzer, indem der datenschutzrechtliche Vorbildcharakter betont wurde. Die Software, deren Programmierung veröffentlicht wurde, erstellt keine Bewegungsprofile, sondern misst nur per Bluetooth die Abstände zu anderen Handys, auf denen die App ebenfalls installiert ist. Falls eine solche Begegnung mit weniger als zwei Metern Distanz länger als 15 Minuten gedauert hat, werden die Smartphone-Besitzer rückwirkend informiert, wenn einer der Nutzer zu einem späteren Zeitpunkt seine eigene Corona-Infektion in das System einspeist.

Bisher ist dieses Konzept aufgegangen. Einen Monat nach der Veröffentlichung ist die App bereits 15,8 Mal Millionen heruntergeladen worden. Wie viele Gerätebesitzer die Software schlussendlich aktiviert haben, lässt sich aus Gründen der Privatsphäre nicht sagen, wegen der einfachen Bedienweise gehen Experten jedoch von einem hohen Anteil aus. Die Zahl der Downloads entspricht einem Anteil von 19 Prozent der Bevölkerung – auch wenn davon wegen der Nicht-Nutzung sicherlich noch etwas abgezogen werden muss.

Ein Lob von der Universität Oxford

„Aus unserer Sicht ist die App ein großer Erfolg“, sagt deshalb Lucie Abeler-Dörner von der Universität Oxford, „sie hat eine Schwelle erreicht, bei der sie eine Wirkung entfaltet, und hoffentlich wird sich die Zahl der Nutzer in den nächsten Wochen weiter erhöhen.“ Sie und ihre Forschergruppe hatten die maßgebliche wissenschaftliche Simulation zur Wirksamkeit sogenannter Tracing-Apps vorgelegt. Sie waren dabei zu dem Schluss gekommen, dass eine Bevölkerungsdurchdringung von 60 Prozent nötig ist, falls bei der Pandemiebekämpfung allein auf die App gesetzt wird, wenn auch andere Maßnahmen wie Abstands- und Hygieneregeln oder eine Maskenpflicht hinzukommen, bereits bei einer Quote von 15 Prozent ein positiver Effekt einsetzt.

Ein Anzeichen dafür bietet auch eine andere Nutzungszahl. So sind bisher 513 sogenannte Tele-Tans ausgegeben worden – diese verschlüsselten Codes sind der elektronische Nachweis, dass ein Testlabor tatsächlich eine Corona-Infektion festgestellt hat. „Das heißt, dass rund 500 Menschen, die positiv auf das Sars-Cov-2-Virus getestet wurden, die Möglichkeit hatten, das über die App an andere zu melden – sie konnten die anderen Nutzer der App warnen“, sagte Lothar Wieler, der Chef des Robert-Koch-Instituts, dem offiziellen Herausgeber der Software, zu Beginn dieser Woche. „Wieviele Menschen dann allerdings konkret gewarnt haben, können wir nicht sagen“. In dem dezentralen und freiwilligen System bleibt es dem Einzelnen überlassen, ob er die Warnung vor sich selbst einspeist.

Von den bisher rund 200 000 Infizierten in Deutschland sind, Stand Mittwoch, 9068 gestorben und geschätzt 185 500 wieder genesen. Daraus ergibt sich eine Zahl von aktuell etwa 4500 aktiven Corona-Fällen in Deutschland. Bedenkt man, dass sich die 513 ausgegebenen Tans ebenfalls nur auf die vergangenen Wochen beziehen, ergibt sich ein nicht unbedeutender Anteil erfasster Fälle.

Wirksamer als es die Downloadzahlen ausdrücken

Die Forscherin Abeler-Dörner hält den Wirksamkeitsgrad der App sogar noch für deutlich höher, weil die unterschiedliche Verteilung und epidemiologische Lage in Stadt und Land weder in ihrer Simulation noch in den Statistiken erfasst ist. „Die meisten Menschen haben selbst ein gutes Sicherheitsgespür, weshalb die Downloadzahlen auf dem Land in Brandenburg wahrscheinlich nicht so hoch sind wie in Berlin, wo die Menschen dicht an dicht im Bus oder in der Bahn stehen“, so die Oxforder Wissenschaftlerin gegenüber unserer Zeitung: „Die App wirkt also möglicherweise vor allem dort, wo man sie am dringendsten braucht, und somit noch stärker als die reinen Downloadzahlen das nahelegen.“

Sie geht davon aus, dass die App bei einer erneuten Zuspitzung des Infektionsgeschehens eine noch größere Rolle spielen könnte, es sei „eine gute Grundlage für eine mögliche zweite Welle gelegt, im Zuge derer sie sicher noch mehr Menschen herunterladen würden“.

An Problemen der App wird derweil weiter gearbeitet – unter anderem laufen von Seiten der Bundesregierung Gespräche mit Apple und Google darüber, die App auch auf Handys mit älteren Versionen ihrer Betriebssysteme funktionstüchtig zu machen. Ein Defizit aus Sicht der Wissenschaftler wird freilich kaum behoben werden können. „Die Konstruktion der App ist aus datenschutzrechtlicher Sicht vorbildlich – aber macht die Evaluierung schwieriger“, so die Immunologin Abeler Dörner, die Umfragen zum Nutzungsverhalten fordert: „Beispielsweise wäre sehr nützlich zu wissen, ob mit Corona infizierte Personen, die durch eine traditionelle Kontaktnachverfolgung gefunden wurden, auch durch die App gewarnt wurden.“ In der Bundesregierung wird überlegt, die App in einer neuen Version mit der Möglichkeit einer freiwilligen „Datenspende“ an die Wissenschaft auszustatten.

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