Das drittwärmste Jahr brachte im Sommer wie hier im Freibad Killesberg bestes Badewetter. Foto: Lichtgut/Julia Schramm

2019 war das drittwärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Ein Sprecher des Deutschen Wetterdienstes wird mit Blick auf das Wetter in Stuttgart und Deutschland deutlich: „Der Klimawandel ist auf der Überholspur.“

Stuttgart - Der Mensch sucht ja gerne nach dem Haar in der Suppe, und so richtig passen tut es vielen ja auch nur selten. Das gilt vor allem für das Wetter: zu kalt, zu heiß, zu nass, zu trocken – die einen legen sich gerne bis zur Häutung in die pralle Sonne, die anderen wittern bei zu viel gutem Wetter Gefahr, weil ohne Regen die Ernte auf den Feldern verdorrt. Vor dem Hintergrund ist das meteorologische Jahr 2019 in Stuttgart allerdings nahezu konfliktfrei ins Land gegangen. Es gab von allem genug, aber nicht wirklich zu viel. Was aber nicht heißt, dass es langweilig gewesen wäre.

„Der Klimawandel ist auf der Überholspur“

Vor allem aber war es wieder Mal gut heiß in der Stadt. 2019 geht mit 11,6 Grad Durchschnittstemperatur als das drittwärmste Jahr in Stuttgart seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1951 in die Statistik ein. „Der Rekord von 12,1 Grad stammt aus dem Vorjahr, Platz zwei belegt 2014 mit 11,8 Grad“, sagt dazu Andreas Pfaffenzeller, Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst (DWD) in Stuttgart. 2019 war damit 2,1 Grad wärmer als das langjährige Mittel von 9,5 Grad. Stuttgart liegt damit auf Wellenlänge mit dem gesamten Bundesgebiet. Auch deutschlandweit war 2019 das drittwärmste Jahr, was DWD-Sprecher Andreas Friedrich so kommentierte: „Der Klimawandel ist auf der Überholspur.“ Stuttgarts Zahlen stützen das: Mit Ausnahme des Monats Mai waren alle anderen elf Monate zu warm. 2019 gab es zudem 62 Sommertage über 25 Grad und 18 heiße Tage über 30 Grad, die Durchschnittswerte liegen bei 35 Sommer- beziehungsweise fünf heißen Tagen. Dagegen wurde nur an 48 Tagen Frost gemessen, im Schnitt sinkt die Temperatur an 76 Tagen unter null Grad.

652 Liter Regen als Segen

Meteorologisches Glück hatte die Stadt beim Niederschlag. Nach zwei deutlich zu trockenen Jahren kamen mit 652,2 Liter auf den Quadratmeter 98,3 Prozent des langjährigen Mittels aus Regen und Schnee vom Himmel. Die Austrocknung der Stadt wurde vor allem im Mai gebremst, als gut 105 Liter gemessen wurden. Auch der Oktober war mit knapp 60 Litern sehr nass. Wobei Niederschlagszahlen mit Vorsicht zu genießen sind. Anders als die Temperatur, kann die Regenmenge innerhalb nur weniger 100 Meter stark variieren. Die an der DWD-Station Schnarrenberg gemessenen 652,2 Liter sind für Stuttgart aber normal. Bundesweit ist die Spreizung enorm: An einigen Messpunkten im Thüringer Becken wurden nur 350 Liter Regen pro Jahr gemessen, im Allgäu bis zu 2450 Liter. Also knapp das vierfache des Stuttgarter Werts. Der Natur tat der Regen freilich gut. Sichtbar wurde das Plus an Wasser gegenüber dem Jahr 2018 im Spätsommer, weil die Bäume in der Stadt nicht schon Ende August ihre Blätter abwarfen.

Nur ein Tag echtes Rodelwetter

Das Laubdach konnte man 2019 aber auch gut als Schattenspender gebrauchen. Die Sonne schien über Stuttgart satte 2042 Stunden lang. Das sind in etwa 121 Prozent des langjährigen Mittels und Position fünf seit 1951. Auf den Weinjahrgang 2019 aus Stuttgarts Hanglagen darf man also durchaus gespannt sein. Genug Sonne haben die Trauben auf jeden Fall abgekriegt und ausreichend Wasser auch. Und auch wenn man es nicht glauben mag – 2019 gab es tatsächlich Schnee. Wenn auch nur im Januar. Ordentlich rodeltauglich war dabei aber nur der 12. des Monats als am Schnarrenberg vier Zentimeter gemessen wurden. Die Ursache – Tief Donald hatte mit polarer Kaltluft Hoch Angela (kein Witz) verdrängt. Das war es dann aber mit Schnee für den Rest des Winters und auch für das 2019.

Neuer Basiszeitraum von 2012 an

Das noch junge Jahr 2020 ist übrigens das letzte, in dem als Basis für die langjährigen Mittelwerte die Jahre 1961 bis 1990 genommen werden. Vom kommenden Jahr an nimmt man dann die Mitteltemperatur von 1991 bis Ende 2020. Die beträgt im Moment nach noch nicht offiziell bestätigten Messungen knapp 10,8 Grad, ist also um etwa 1,3 Grad höher als die bisherige Bezugstemperatur von 9,5 Grad. Damit dürften von 2021 an die Abweichungen vor allem nach oben nicht mehr so drastisch sein als aktuell, weil die Erwärmung des Klimas in dem neuen Wert sozusagen eingepreist ist, was das Phänomen allerdings nicht verschwinden lassen wird. 2020 könnte aber durchaus noch einmal ein deutlich zu warmes Jahr werden, zumindest verglichen mit dem letztmals gültigen Zeitraum 1961 bis 1990. Das läge jedenfalls im Trend, wobei beim Wetter eigentlich nur eines sicher ist – jede Prognose über fünf Tage hinaus ist Kaffeesatzleserei. Auch in Zeiten des Klimawandels kann es Ausreißer nach unten geben. Das letzte Mal war das allerdings 2010.

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