Alle zwei Wochen geht Wanda Müller mit Tee und Brezeln in der Königstraße auf Tour. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Ausländer aus der EU, die in Stuttgart Hilfe suchen, haben darauf oft keinen Rechtsanspruch. Hilfseinrichtungen sind überlastet. Eine Stuttgarterin will im Alleingang helfen.

Stuttgart - Eigentlich würde Wanda Müller lieber Ohrfeigen verteilen statt Tee und Brezeln aus ihrem Rucksack. „Ich bin der vollen Überzeugung, dass eine Mafia hinter dem Ganzen steckt“, sagt Müller während einer ihrer Brezel-Rundgänge. „Aber ich habe zu viel Angst, um gegen die Drahtzieher vorzugehen.“ Deshalb möchte Müller, die in Wirklichkeit anders heißt, auch nur ihren Künstlernamen lesen. Trotz der Angst ist sie entschlossen, zu helfen. Alle zwei Wochen verteilt sie Tee und Brezeln an Menschen, die nach ihrer Vermutung von Banden zum Betteln geschickt werden.

An diesem Nachmittag sind es ausschließlich Frauen. In Decken gewickelt sitzen sie auf dem kalten Steinboden. „Zu 99 Prozent“, schätzt Müller, kämen die Leute, die sie hier trifft, aus Rumänien. Das scheint auch an diesem Nachmittag der Fall zu sein. Alle, denen Müller Brezeln anbietet, nennen Rumänien als Herkunftsland. „Für den Strich taugen die nichts. Deshalb werden sie hierher gekarrt. Ekelhaft ist das“, sagt Müller und schreitet schnellen Schrittes voran.

358 Menschen aus anderen EU-Ländern haben im vergangenen in der Stuttgarter Winternotübernachtung geschlafen. Rund vierzig Prozent von ihnen kamen aus Rumänien, gefolgt von Polen, Italien, Griechenland und Bulgarien. Im Vergleich zum Winter 2010/2011 hat sich der Anteil der EU-Ausländer in der Winternotübernachtung um rund 14 Prozentpunkte erhöht. Aber bürokratisch gesehen sind diese Menschen meist von staatlichen Hilfsleistungen ausgeschlossen.

„Nur wer belegen kann, dass er in Deutschland schon sozialversicherungspflichtig gearbeitet hat oder schon länger als drei Monate hier ist, hat einen gesicherten Anspruch auf Leistungen“, erklärt Isolde Faller, die verantwortliche Abteilungsleiterin des Sozialamts. Viele der Südosteuropäer in Stuttgarter Hilfseinrichtungen könnten das aber nicht nachweisen. Die Menschen auf der Königstraße zum Beispiel „reisen in der Regel organisiert hier an und müssen ihr Geld an Anführer weitergeben“, sagt Isolde Faller. Ohne entsprechenden Nachweis dürften sie nicht in der Notübernachtung bleiben. Faller fällt die Arbeit nicht immer leicht: „Das ist ein riesiges ethisches Problem.“

Wer hinter den Bettlern auf der Königstraße steckt, würde auch Müller gern erfahren. Aber sie weiß aus Erfahrung, dass sie mit ihren Mitteln nicht weit kommt. Hinzu kommen Sprachbarrieren. Ihr Tun verläuft deshalb ziemlich wortkarg. Zielstrebig geht die kräftige 64-Jährige auf eine junge Frau zu, die Thermoskanne lugt schon aus dem Rucksack. Schnell zieht Müller einen Pappbecher heraus, drückt ihn der Frau entschlossen in die Hand und gießt Tee aus der Kanne ein. Heute gibt es Brombeere. „Tschai“, sagt Müller, denn so spricht man das Wort „Tee“ in Rumänien aus. Dazu gibt sie der Frau eine Brezel, zusammen mit zwei bunt verpackten Süßigkeiten in einen kleinen Gefrierbeutel gewickelt. „Bye-bye“, sagt Müller dann schon, dreht sich um und geht weiter. Nicht mehr als ein oder zwei Minuten vergehen und die Sache ist erledigt. Das macht sie noch fünf Mal an diesem Nachmittag. Dann ist die Kanne leer und Müller auf dem Weg nach Hause.

Statt sich in einer Hilfsorganisation zu engagieren, zieht Müller lieber alleine los. Weil sie sich nach 45 Arbeitsjahren nicht mehr nach einem Zeitplan richten will. Aber auch, „weil man die Politik nicht für jeden Mist verantwortlichen machen kann.“ Müller hat die meiste Zeit in Berlin gelebt. Die Schwaben planen und reden ihr zu viel. Bei ihr gilt: Nicht quatschen, machen. „Überlegen Sie mal, wie viel man erreichen könnte, wenn 1000 Leute so was täten.“

Tatsächlich landen Müllers Brezeln scheinbar zum großen Teil bei Menschen, denen städtische und freie Hilfseinrichtungen in Stuttgart nur begrenzt helfen – weil sie eben keinen Leistungsanspruch haben. Um die Lücke zu schließen, wollen drei Hilfseinrichtungen jetzt EU-Mittel beantragen.Zum Teil soll das Geld EU-Ausländern helfen, die in Stuttgart Hilfe suchen. Aber für den Fonds gibt es bundesweite Konkurrenz – und gezahlt wird erst in Monaten. Wanda Müller wird schon in zwei Wochen wieder unterwegs sein. Als das gute Gewissen der Königstraße.

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