Zuerst ein Stadtbummel und dann ganz entspannt in die Kirche: Die Abendgottesdienste in der Ludwigsburger Schlosskirche machen es möglich. Am Sonntag beginnt die neue Saison. Es ist schon die zehnte – und der ungebrochene Andrang überrascht sogar die Veranstalter.

Ludwigsburg -

Am Anfang war die Ungewissheit: Würde ein Gottesdienst am Sonntagabend überhaupt jemanden anlocken? Die Antwort war eindeutig: Die katholische Kirche im Residenzschloss platzte aus allen Nähten. Inzwischen sind die Abendgottesdienste für den ganzen Landkreis zu einem Selbstläufer geworden. Dass sie trotzdem nur im Sommerhalbjahr stattfinden, hat einen ganz profanen Grund.

Herr König, sind die Ludwigsburger Spätaufsteher – oder warum kommen die Abendgottesdienste so gut an?

Für viele ist es ein zusätzliches Angebot, am Abend einen Gottesdienst zu besuchen. Besonders natürlich dann, wenn man am Samstag spät ins Bett gekommen ist. Und wenn wir an Jesus denken: Er hat mit seinen Jüngern auch das Abendmahl gefeiert – und sie nicht zum Frühstück eingeladen. Mit einem Gottesdienst in die Nacht zu gehen, hat einen besonderen Charme.

Sind die Menschen am Sonntagabend offener für Gottes Wort als am Sonntagmorgen?

Das ist ja der Reiz des Abendgottesdienstes: Er ist entspannter. Man hat am Sonntagabend nichts Großes mehr vor, blickt auf den Tag zurück. Bevor am Montag die Woche wieder beginnt, kann man hier noch mal zur Ruhe kommen, innehalten und in aller Offenheit Gottesdienst feiern, bei dem man eine Predigt hört, die einem vielleicht die Woche über weiter hilft.

Wäre es nicht eine Option, die morgendlichen Gottesdienste zugunsten von abendlichen zu streichen?

Den Wunsch nach einem regelmäßigen Abendgottesdienst gibt es in vielen Gemeinden und natürlich könnte das jeder Pfarrer so machen. Aber ich glaube, den Mut, dafür einen Morgengottesdienst ausfallen zu lassen, hat niemand. Und einen Abendgottesdienst in jeder Gemeinde zusätzlich anzubieten – dafür fehlen Gottesdienstbesucher wie Pfarrer.

Trotzdem sind die Veranstaltungen in der Schlosskirche Mehrarbeit. Gab es keinen Protest bei Ihren Kollegen?

Nein, die Termine sind recht gut aufgeteilt. Wenn jeder Pfarrer ein oder zwei Gottesdienste im Sommerhalbjahr übernimmt, funktioniert das. Dazu ist auch jeder bereit. Und ein, zwei zusätzliche Dienste pro Saison sind auf jeden Fall besser als ein zusätzlicher Dienst jede Woche. Denn natürlich bedeutet so ein Termin, so schön er auch ist, dass diejenigen, die zuständig sind, den ganzen Tag über etwas angespannt sind.

An sechs Sonntagen finden dieses Jahr allerdings keine Abendgottesdienste statt. Personalprobleme?

Nein. Da sind im Schlossinnenhof Konzerte. Da können wir die Kirche nicht nutzen.

Beim ersten Abendgottesdienst war der Andrang so groß, dass gar nicht alle Besucher Platz in den Bänken hatten. Und noch heute kommen im Schnitt 200 Menschen. Was ist das Geheimnis dieses Erfolges?

Ich glaube, es ist das Ambiente. Diese barocke Kirche, umgeben vom Blühenden Barock – das ist schon etwas Besonderes. Viele Menschen verbinden den Besuch des Abendgottesdienstes auch mit einem Ausflug, gehen zuvor oder danach ein Eis essen oder bummeln durch die Stadt. Und ich glaube, viele genießen es auch, an so einem Abend so viele verschiedene Menschen aus dem gesamten Dekanat zu sehen. Man trifft Leute und Pfarrer, die man sonst vielleicht nicht trifft.

Im besonderen Ambiente gibt es keine besondere Predigt?

Nein, der Ablauf ist gleich wie in einem normalen Gemeindegottesdienst. Das erleichtert den Pfarrern auch die Arbeit, sie haben keine zusätzliche Vorbereitung. Was aber anders ist: Wir haben immer wieder Musikangebote. Am 5. Mai etwa spielt ein Akkordeon-Ensemble, in der Woche darauf ein Quartett aus Flöten, Viola und Violoncello. Das kommt immer sehr gut an.

Die meisten Kirchen sind allenfalls an hohen Feiertagen so gut gefüllt wie die Schlosskirche am Sonntagabend. Erstaunt Sie dieser anhaltende Andrang?

Als wir die Abendgottesdienste eingeführt haben, wussten wir tatsächlich nicht, wie das Angebot angenommen wird. Es hätte auch sein können, dass niemand kommt, vielleicht will man am Sonntagabend gar nicht mehr aus dem Haus. Wir haben es ausprobiert – und waren dann ganz überrascht, dass so viele Menschen kamen. Dass der Zuspruch weiterhin so gut ist, freut uns sehr. Inzwischen ist das ein Selbstläufer geworden. Manche fragen sogar, warum es die Abendgottesdienste nur im Sommer gibt.

Genau, warum ist das ein Saisongeschäft?

Weil die Schlosskirche keine Heizung hat. Ich halte oft einen der letzten Abendgottesdienste der Saison im Oktober – da ist es dann echt schon kalt.

Für die Abendgottesdienste teilen sich die Pfarrer aus dem Landkreis quasi eine Pfarrei. Ist das ein Vorgriff auf die Zukunft, wenn doch immer mehr Kirchenbezirke zusammengelegt werden?

Nein. Das ist ja eigentlich schon passiert. Wir haben bereits die großen Seelsorgeeinheiten geschaffen, wo ein Pfarrer drei oder mehr Kirchengemeinden leitet.

Es ist nicht leicht, heutzutage katholisch zu sein, noch dazu in verantwortlicher Position. Ständig gibt es neue Skandale und viele Austritte. Tun Ihnen und Ihren Kollegen die Gottesdienste am Sonntagabend auch gut?

Auf jeden Fall. Vor Beginn einer neuen Woche sind sie für mich am Sonntagabend eine große Kraftquelle.

Die Veranstaltung und ihr Mit-Gründer

Person
Alexander König ist seit 2014 Dekan des katholischen Dekanats Ludwigsburg. Das Gebiet des Dekanats umfasst den gesamten Landkreis Ludwigsburg. Zusätzlich zu diesem Amt leitet der 50-Jährige die Seelsorgeeinheit Südliches Strohgäu, zu der die Kirchengemeinden St.Maria in Ditzingen und Heiligste Dreieinigkeit in Hirschlanden gehören sowie St. Peter und Paul in Gerlingen.

Gottesdienste
Die Abendgottesdienste in der Ludwigsburger Schlosskirche finden vom 28. April bis 27. Oktober statt, sie beginnen jeweils um 18 Uhr. Der Zelebrant des Eröffnungsgottesdienstes am Sonntag ist Roland Deckwart, Vize-Dekan und Pfarrer in Bietigheim-Bissingen. Für die Musik sorgt das Akkordeon-Ensemble Illingen.

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