Fachfrauen an der Fleischtheke sind knapp. Das macht kleinen Läden zu schaffen. Foto: dpa

Die Landtags-CDU macht sich zum Fürsprecher des Handwerks. Ihr Fraktionschef Wolfgang Reinhart will, dass Lehrer ihren Schülern Handwerksberufe schmackhaft machen.

Stuttgart - „Immer mehr klassische Handwerksbetriebe machen dicht, da entweder die Nachfolge nicht gegeben ist, oder – viel öfter – aus dem Grund, dass es überhaupt niemanden mehr gibt, der das Handwerk noch erlernt hat“, klagt Wolfgang Reinhart, der Chef der Landtags-CDU, gegenüber unserer Zeitung. Das sei „eine dramatische Entwicklung“.

Josef Hecht, Geschäftsführer der Fleischerinnung Ludwigsburg, geht einen Schritt weiter. Er spricht von einer „Katastrophe“, was die Fachkräfte in seinem Handwerk angeht. „20 bis 30 Prozent der Mitglieder klagen, dass ihnen Fachverkäuferinnen oder Metzger fehlen“, sagte Hecht auf Anfrage. Manche verlängern den Betriebsurlaub, die ersten schließen sogar ihre Filialen ganz. Oder sie behelfen sich wie Matthias Velte in Sersheim (Kreis Ludwigsburg).

Es fehlt am Fachkräftenachwuchs

Dort haben die Kunden zeitweise einen weiteren Weg, und sie müssen vielleicht auch noch Schlange stehen. Das Stammhaus im Ortszentrum hat Velte seit dem vergangenen Sommer fünfmal phasenweise geschlossen, aus Mangel an Mitarbeitern. Höchstens eine Woche lang war zu; die einen Kilometer entfernte Filiale hatte stets geöffnet. „Das verärgert die Kunden schon, aber die Mitarbeiter brauchen ihren Urlaub“, sagt Velte; sonst laufe das Personal vollends davon. Das Problem sieht der preisgekrönte Metzgermeister darin: „Es kommen keine jungen Fachkräfte nach.“ Das ist in seiner Branche extrem, sieht in anderen Bereichen aber nicht viel anders aus. Ob das besser wird, bezweifelt er. Nur noch in Stuttgart, Heilbronn und Brackenheim gibt es Berufsschulen für den Nachwuchs im Fleischerhandwerk. Der weite Weg schrecke viele Jugendlichen ab.

Die Schule soll bei der Berufsorientierung Handwerksberufe stärker in den Fokus rücken. „Wir nutzen die Haupt- und Werkrealschulen viel zu wenig, um dem zunehmenden Mangel an Nachwuchs in den Handwerksberufen entgegenzuwirken“, sagt der CDU-Fraktionschef Reinhart. Das Kultusministerium hat in diesem Schuljahr einen Leitfaden zur beruflichen Orientierung an der Hauptschule/Werkrealschule vorgestellt. Reinhart begrüßt diesen Leitfaden seiner Parteifreundin Kultusministerin Susanne Eisenmann zwar, fordert aber mehr.

Realschulen und Gymnasien in den Blick nehmen

Er beklagt die zunehmende Akademisierung als Fehlentwicklung: „Was nützen uns Heerscharen von Akademikern, wenn niemand mehr eine undichte Leitung reparieren oder eine Fassade dämmen kann?“ Der Jurist Reinhart fordert: „Es muss wieder stärker in den Vordergrund gestellt werden, dass ein Handwerksberuf echte Karrierechancen beinhaltet.“ Er will dabei auch die Realschulen stärker in den Blick nehmen: „Nach dem Abschluss sollte nicht das berufliche Gymnasium als naheliegende nächste Karrierestufe angesehen werden“, sagt er. Das Motto „Karriere mit Lehre“ müsse die gleiche Bedeutung haben.

Rainer Reichhold, der Landeshandwerkspräsident, geht noch einen Schritt weiter. „Für uns ist eine fundierte berufliche Orientierung mitentscheidend, um mehr Jugendliche für eine berufliche Ausbildung zu gewinnen“, erklärte er gegenüber unserer Zeitung. „Vor allem an den Gymnasien haben wir großen Nachholbedarf.“ Das Wissen über Berufe müsse noch systematischer in der Aus- und Fortbildung der Lehrer verankert werden. Der Handwerkstag plane zusammen mit dem Kultusministerium ein entsprechendes Angebot.

Kultusministerin: berufliche und akademische Bildung sind gleichrangig

Bei Susanne Eisenmann rennt Fraktionschef Reinhart offene Türen ein. „Wir brauchen gut ausgebildete Fachkräfte mehr denn je“, sagte sie auf Anfrage. Man könne „nicht oft genug betonen, dass eine berufliche Ausbildung ein hervorragender Einstieg ins Arbeitsleben und in eine berufliche Karriere sein kann.“ Bei der beruflichen Orientierung an den Schulen werde darauf geachtet, die berufliche und akademische Bildung gleichrangig dazustellen. Seit dem vergangenen Schuljahr gibt es an allen weiterführenden Schulen einen verpflichtenden Tag der beruflichen Orientierung, bei dem Betriebe und Eltern eingebunden werden. „Die berufliche Bildung ist ein Königsweg und keine zweite Wahl“, unterstreicht Eisenmann.

Reinhart denkt auch an finanzielle Unterstützung für aufstrebende Handwerker: „Eine Meisterprämie kann einer von vielen wirksamen Bausteinen sein“, sagte er unserer Zeitung. Schließlich sei es so: „Studierende werden mit Bafög gefördert, für die Meisterausbildung gibt es nichts.“

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