Die Leiden des jungen Sigmund: Robert Finster in „Freud“ Foto: Netflix

Die Berlinale macht Lust auf neue Serien: Während sich der berühmteste Psychoanalytiker der Welt als Verbrecherjäger verdingt, verwirrt einen Jason Segel aus „How I met your Mother“ ganz wunderbar mit kuriosen Psychotricks in „Dispatches from Elsewhere“.

Berlin - Dürfen die das? Sigmund Freud, den man bisher nur als den weißbärtigen Zigarrenraucher mit der Couch kannte, ist ein junger Mann, der in der Badewanne Unanständiges träumt, mit Arthur Schnitzler um die Wette kokst und mit seinem Arztköfferchen in der Hand als Geister- und Verbrecherjäger im Wien des Jahres 1886 unterwegs ist.

Marvin Kren („4 Blocks“) steckt hinter der Serie „Freud“, die das Berlinale-Serien-Special eröffnet hat. Sie ist definitiv kein braves Biopic, sondern ein etwas überdrehter Mystery-Thriller, der das Wien des späten 19. Jahrhunderts als einen dekadenten Melting Pot, als das Babylon Berlin der k. u. k. Monarchie vorführt. Kren macht es Spaß, Traum und Wirklichkeit durcheinander zu bringen. Er lässt auch mal einen Mörder eine Arie aus Heinrich Marschners Oper „Der Vampyr“ singen oder Sigmund Freud Robert De Niros Gestik in „Taxi Driver“ nachahmen.

Zwischen ORF und Netflix, zwischen Über-Ich und Es

So etwas dürfen Fernsehserien im Jahr 2020. Und während vor einem Jahr in den Podiumsdiskussionen des Berlinale-Serien-Specials noch vor allem darüber diskutierte wurde, wie sich die traditionellen Sender gegen die Übermacht der Streamingdienste wie Netflix behaupten können, ist jetzt eine neue Ungeheuerlichkeit das große Thema: die Kooperation zwischen den alten und den neuen Serienproduzenten. Bei „Freud“ haben zum Beispiel der ORF und Netflix erstmals gemeinsame Sache gemacht. Auf die Frage, ob bei so einer Koproduktion das ORF das Über-Ich, Netflix das Es und die Filmemacher das dazwischen hin und hergerissene Ich sind, sagt Marvin Kren: „Nein, ich bin auf jeden Fall das Es!“ und ergänzt dann ernsthaft: „Ich hatte vorher ja schon sowohl für einen Streamer als auch für das öffentlich-rechtliche Fernsehen gearbeitet und war mir tatsächlich nicht sicher, was ich erwarten sollte. Wir wissen ja, dass die ganz unterschiedliche Ansätze haben und dass das Öffentlich-Rechtliche gerne großen Einfluss haben möchte, mitreden will, wenn es etwa um die Darsteller geht. Aber das Verrückte war: Beide haben mein Konzept gekauft, sie mochten die Drehbücher und haben mir den kreativen Raum gegeben, den ich brauchte.“

Zwischen „Matrix“ und „Die fabelhafte Welt der Amélie“

Welche Sonderstellung Netflix aber noch hat, machen die acht Serien deutlich, die für die Berlinale-Series-Reihe ausgewählt wurden: Drei von ihnen zeigt in Deutschland Netflix, neben „Freud“ sind das Cate Blanchetts australisches Flüchtlingsdrama „Stateless“, für das Netflix während der Berlinale die Ausstrahlungsrechte kaufte, und der Achtteiler „The Eddy“, bei dem Damien Chazelle („La La Land“) Regie geführt hat und der aus einem Pariser Jazzclub erzählt. In die Auswahl haben es zudem die dänische Lovestory „Sex“, das britische Beziehungsdrama „Trigonometry“, die kanadische Krimigroteske „Happily Married“, die zweite Staffel des australischen Thrillers „Mystery Road“ und – als absurd-komisches Highlight – Jason Segels „Dispatches from Elsewhere“ geschafft.

Segel, den man vor allem als Marshall aus der Sitcom „How I met your Mother“ kennt, hat sich die Serie ausgedacht, ­geschrieben, produziert und ist einer der Hauptdarsteller. Mehrere Menschen werden von einem seltsamen Institut auserwählt, kuriose Aufgaben zu erledigen. Und während sie sich noch fragen, ob sie sich in einem Spiel oder Experiment befinden, oder ob sich vielleicht jemand nur einen Streich mit ihnen erlaubt, stellen sie fest, dass ihr Leben plötzlich viel farbenfroher, magischer, lebenswerter geworden ist. „Dispatches from ­Elsewhere“ kommt einem ein bisschen so vor, als ob sich Charlie Kaufman und Michel Gondry gemeinsam an einem Mash-up aus „Matrix“ und „Die fabelhafte Welt der Amélie“ versucht hätten.

Mutiger als bei der legendären Nacktszene

Im Interview behauptet Segel sogar, dass ihm diese Serie noch mehr Mut abverlangt hätte als die Nacktszene in „Nie wieder Sex mit der Ex“. Allerdings sei heute auch eine gute Zeit für gewagte Serien. 1999, als seine Karriere mit der Serie „Freak & Geeks“ begann, hätte man abends Serien nur eingeschaltet, um sich entspannen zu können. „Wenn du heute dagegen eine Serie einschaltest, musst du immer auf alles gefasst sein.“

Das Berlinale-Serien-Special kann das auch abseits der offiziellen Reihe beweisen. Während sich gerade in Australien ein neues Genre namens Outback noir etabliert, wollen die Skandinavier vorführen, dass sie mehr als düstere Nordic-noir-Krimis zu bieten haben, für die sie berühmt und die längst zum Klischee geworden sind. Zum Beispiel in der Comedyserie „Bad­­­rumsliv“ (Badezimmergeschichten) aus Finnland, die ausschließlich im Bad der WG zweier junger Frauen spielt, weil sie nur dort das Wi-Fi der Nachbarn anzapfen können. Oder die schwedische Komödie „Dreaming of England“, die von einem Teenagermädchen erzählt, das der schwedischen Provinz und ihrer im Pornogeschäft aktiven Oma entfliehen will.

Was Freud kann, kann Gogol schon lange

In Osteuropa hat man derweil andere Sorgen. Während im Serienparadies Skandinavien der Anteil der Bevölkerung, die Streamingdienste nutzt, bei 70 Prozent liegt, sind es in Osteuropa gerade einmal drei Prozent. Und das Klischee, gegen das hier mit Serien gekämpft wird, ist, dass es zwischen der Tschechischen Republik und der Ukraine immer nur um Drogen und Prostitution geht. Das Image dieser Länder sollen jetzt Serien aufpolieren wie der estnische Finanzthriller „The Bank“ oder das russische Horror-Fantasy-Spektakel „Gogol“, in der der Schriftsteller Nikolai Gogol – ganz ähnlich wie Sigmund Freud in „Freud“ – zum Helden seiner eigenen Storys werden darf.

Berlinale-Serien: Verkaufsshow und Weltpremieren

Serienmarkt Die Berlinale ist nicht nur ein Publikumsfestival, sondern auch eine Verkaufsshow, bei der Filme und inzwischen auch Serien gehandelt werden. Der Berlinale Series Market ist im Zoo Palast zu Hause. Die meisten dort gezeigten Serien bekommen zunächst nur potenzielle Käufer und weder Presse noch Publikum zu sehen.

Weltpremieren Acht Serien wurde im Zoo Palast erstmals öffentlich gezeigt. Starttermine haben bereits „Freud“ (15. März im ORF, 23. März auf Netflix) und „Dispatches form Elsewhere“ (8. Mai bei Amazon Prime). „The Eddy“ und „Stateless“ werden bei Netflix zu sehen sein, der Startermin ist allerdings noch nicht bekannt. „Mystery Road 2“ dürfte wie Staffel eins bei Arte landen. Die Serien „Trigonomy“, „Happily ­­Married“ und „Sex“ müssen erst noch deutsche Käufer finden.

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