Immer mehr Menschen wenden sich an die Telefonseelsorge. Die Coronapandemie und die Einschränkungen des öffentlichen Lebens belasten viele Menschen. Foto:  

Die zweite Welle der Coronapandemie schlägt vielen Menschen aufs Gemüt. Berater warnen vor einer Zunahme von psychischen Krisen gerade mit Blick auf das Weihnachtsfest.

S-Mitte/-West - Bei der evangelischen Telefonseelsorge seien derzeit beide Leitungen ständig im Einsatz, erzählt die Leiterin Martina Rudolph-Zeller: „Wir haben eine höhere Anruferfrequenz als üblicherweise.“ Vieles sei derzeit anders als sonst, schildert sie. In diesem Jahr scheinen ihren Erzählungen zufolge die Wellen der Pandemie zu beeinflussen, wie stark der Bedarf nach dem niedrigschwelligen Angebot der Telefonseelsorge ist.

Viele verkraften zweite Welle schwerer

Die Verschärfung der Lage im Oktober und die erneuten Einschränkungen des öffentlichen Lebens im November werde von manchen schwerer verkraftet, als der Beginn der Pandemie in Deutschland im März, berichtet die Telefonseelsorgerin.

Die Ursache sieht Rudolph-Zeller darin, dass sich nun Resignation eingestellt habe. Rudolph-Zeller spricht von einem „kollektiven Kontrollverlust“ und allgemeiner Erschöpfung, während im Frühjahr noch die Angst vor dem Virus im Vordergrund stand. Diese habe die Menschen zusammengeschweißt und aktiviert, meint Rudolph-Zeller. „Damals hingen überall Zettel, dass Menschen beim Einkaufen helfen wollten. Es gab diese große Solidarität. Das sieht man jetzt nicht mehr“, sagt die Leiterin der Telefonseelsorge.

Viele sind frustriert

Es habe im Frühjahr die Befürchtung gegeben vor einem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung und der Versorgung, erklärt sie. „Viele akzeptieren jede Einschränkungen als notwendig. Jetzt ist da viel Frustration, weil die Menschen ihre Bedürfnisse nicht mehr befriedigen können“, sagt Rudolph-Zeller.

Der Ärger über leere Fußballstadien oder abgesagte Urlaubsreisen sei dabei nicht banal, stellt die Telefonseelsorgerin klar. „Es geht um Nähe und Kontakt, um die Freiheit, selbst Entscheidungen treffen zu können.“

Berufstätige fürchten um Job

Menschen, die ihr Leben gern aktiv in die Hände nehmen, fühlten sich aus der Bahn geworfen. Berufstätige mit Plänen fürchteten etwa um ihren Job. „Die Jungen, die auf alles verzichten müssen, was sonst in ihrer Lebensphase ansteht, haben es besonders schwer“, meint die Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge.

Derzeit melde sich ein Querschnitt der Bevölkerung bei den Beratern, berichtet Rudolph-Zeller. Die Isolation wirke wie ein Brennglas auf Konflikte in Familien und Partnerschaften. Älteren Menschen setze der fehlende Kontakt zu Enkeln zu. Alleinstehende, die sich nie einsam gefühlt haben, lernten das Gefühl nun kennen. Die Ungewissheit, wann die Krise ende, schlage zusätzlich aufs Gemüt.

Gereiztheit nimmt zu

Das verbreitete Gefühl der Ohnmacht führe zu zunehmender Gereiztheit, bemerkt Rudolph-Zeller. „Die Nerven liegen bei vielen blank“, sagt sie. Sie befürchtet, dass die allgemeine Stimmung noch tiefer in den Keller rauscht, wenn die Pandemie ein normales Weihnachtsfest unmöglich macht. „Weihnachten ist jedes Jahr ein großes Thema bei uns, weil es ein so aufgeladenes Fest ist. Die Angst, allein unter dem Weihnachtsbaum zu sitzen, belastet die Menschen“, sagt sie.

Auch in den Sitzungen der Psychosozialen Beratungsstelle des Evangelischen Kirchenkreises an der Augustenstraße rückt der Coronaherbst in den Vordergrund. Das sei im Frühjahr anders gewesen, meint die Leiterin Dorothee Wolf. Im Moment seien Termine für ein Erstgespräch erst Ende Dezember wieder frei. „Wir haben aber immer eine hohe Nachfrage vor Weihnachten“, betont Wolf. Auch sie konstatiert eine Erschöpfung vieler durch die Dauer der Krise. „Es scheint mehr Probleme zu geben, mit den Maßnahmen klarzukommen“, sagt sie. Wer zu Beginn der Pandemie die komfortablen Seiten des Homeoffice entdeckt hatte, klage nun über eine fehlende Struktur im Alltag und mangelnde Kontakte. „Vielen fehlt das Informelle, die Gespräche“, sagt sie.

Homeoffice gilt oft als Stressfaktor

Die Müdigkeit schlage bei vielen in Ärger um, dem aber der Adressat fehle. „Auf einen Virus kann man ja nicht böse sein“, sagt sie. Als Folge entstehe eine diffuse Gereiztheit, erklärt Wolf.

Während die Telefonseelsorge schnelle Hilfe anbietet, bei denen die Anrufer unterstützt werden sollen, eigene Ressourcen zu erkennen, ermöglicht die Beratungsstelle an der Augustenstraße eine längere Begleitung. Sie ist allerdings kürzer als eine Therapie. Sowohl Martina Rudolph-Zeller als auch Dorothee Wolf sind sicher, dass in den kommenden Pandemiemonaten weitere Angebote zur psychologischen Unterstützung sinnvoll wären. Denn eine derart angespannte Stimmung sei keine gute Nachricht für den sozialen Frieden, befürchten sie.

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