Grüne Oase in der Stadt: Das Haus der Familien Cramer und Rothfuss im Stuttgarter Westen. Foto: StZN/Jonas Schöll

Wie eine grüne Oase wirkt das Haus der Familien Cramer und Rothfuss im Stuttgarter Westen. Ihr Heim ist rundherum von Wein und Glyzinie bedeckt. Warum sich die Bewohner mehr Nachahmer wünschen.

Stuttgart - Romantisch, verwunschen, fast wie ein Märchenschloss wirkt das Haus der Familien Cramer und Rothfuss im Stuttgarter Westen. Bis an die Dachrinnen ranken sich die grünen Kletterpflanzen vom Boden an den Hauswänden empor. Das Heim ist rundherum von wildem Wein und Glyzinien bedeckt. Wer näher kommt, entdeckt Eidechsen und unzählige Insekten im Grün, überall summt und brummt es. Jetzt im Sommer erstrahlen die Pflanzen im satten Grün, im Herbst fallen die Blätter des Weins dann so richtig ins Auge, sie leuchten wie Flammen in Gelb und Rot. „Für uns ist das ein echtes Paradies“, sagt Rechtsanwalt Gerhard Cramer, der 1982 eine Hälfte des Hauses gekauft – und ganz bewusst so grün bepflanzt hat.

Den Cramers geht es bei ihrer Stadtoase um viel mehr als die Ästethik: „Es geht um die Rettung der Welt sozusagen“, betont der 71-jährige, dem eine Hälfte des Doppelhauses gehört. Ob Klimawandel, Insektensterben oder Luftverschmutzung – für den Rechtsanwalt beginnt Umweltschutz auf den eigenen vier Hauswänden. Eine bepflanzte Fassade habe Vorteile, die den Menschen und der Umwelt das ganze Jahr über zugutekommen. „Wenn alle Häuser so wären wie das hier, würden wir über Probleme wie Feinstaub, CO2-Ausstoß oder das Bienensterben gar nicht mehr reden“, ist Cramer überzeugt.

Die Stadt soll grüner werden – auch ihre Häuser

Der 71-Jährige kann nicht verstehen, warum Stuttgarts Hauswände nicht grüner sind. Wo Platz für Parks und Grünflächen Mangelware ist, könnten die bepflanzten Fassaden ins Spiel kommen. „Wir haben Flächen ohne Ende, wir müssen nur die Wände bepflanzen“, meint Cramer. Eine Förderung durch die Stadt geht ihm dabei nicht weit genug: Wenn man Steingärten verbieten könne, könnte man doch auch die Bepflanzung von Fassaden bei Neubauten verbindlich vorschreiben – „bei öffentlichen Gebäuden allemal“, sagt Cramer. Die Zukunft des grünen Städtebaus habe längst begonnen, aber Stuttgart hinke hinterher.

Grüne Fassaden per Vorschrift? Die Frage, ob das vorstellbar wäre, lässt die Stadtverwaltung unbeantwortet. In der Begrünung von Hauswänden sieht man im Amt für Stadtplanung und Wohnen in Stuttgart allerdings einen großen Nutzen. Den Ausführungen zufolge wirken die Pflanzenwände als Lärmdämpfer, binden Kohlenstoffdioxid, verbessern die Luftqualität und haben im Sommer eine kühlende Wirkung. „Begrünte Häuserfassaden können zur Wertsteigerung der Immobilie und des Stadtteils beitragen“, sagt eine Sprecherin der Stadt. Seit 2014 werden demnach Begrünungsvorhaben in der Kesselstadt gefördert. Eine halbe Million Euro wurden in der Vergangenheit pro Doppelhaushalt bereitgestellt, etwa um das Förderprogramm Urbane Gärten zu finanzieren.

„Kletterpflanzen sind natürliche Staubfilter“

Experten zufolge müssten alle Großstädte im Zeichen des Klimawandels recht flott der Gefahr von zunehmendem Hitzestress in den Sommern vorbeugen. Gunter Mann, der Präsident des Bundesverbands GebäudeGrün, wünscht sich landesweite Zuschüsse für die Begrünung von Häusern. „Natürlich ist es einerseits der optische Aspekt, begrünte Fassaden sehen schön aus und man fühlt sich wohl“, sagt Mann. Doch vielmehr sorgten grüne Fassaden für frische Luft und wirkten urbanen Hitzeinseln entgegen. „Sie kühlen das Gebäude und ihre Umgebung nicht nur durch Verdunstung, sondern bewahren das Gebäude auch durch Verschattung vor der großen Sommerhitze.“

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Thomas Wagner vom Bundesverband Deutscher Gartenfreunde wünscht sich, dass die Begrünung von Häusern künftig verpflichtend ist. „Laub und Zweige der Kletterpflanzen sind natürliche Staubfilter für die Stadtluft.“ Indem sie den Wind bremsten, sorgten sie dafür, dass sich Staubpartikel aus Abgasen absetzen und nicht mehr durch die Luft schweben. Der Gartenexperte nennt noch einen weiteren Grund: „Fassadengrün ist ein Beitrag zur Biodiversität, da es zahlreichen Tieren wie Vögel aber auch Spinnen und Insekten Lebensraum, Rückzugsort, Nahrung, Brut- und Nistmöglichkeiten bietet.“

Das Eigenheim in Eigenregie begrünen

Rechtsanwalt Cramer wünscht sich mehr Nachahmer in Stuttgart. „Das Bepflanzen und die Pflege ist überhaupt kein Aufwand. Das könnte jeder machen“, sagt er. Und auch die Angst vor Schäden am Haus oder einer Invasion von Insekten entkräftet er: „Wir haben weder Mäuse, Wespen noch Eidechsen im Haus.“ Fassadengrün ist relativ pflegeleicht. In heißen trockenen Sommern braucht es ab und zu etwas Wasser. Einmal in der Woche werde vor dem Haus Laub gefegt, und ab und an die Dachrinne gereinigt.

Wer Fassade begrüne, muss die Wahl der Pflanzen von der Bauweise abhängig machen. Sogenannte Selbstklimmer, die sich von alleine an der Fassade emporranken, dürfen nur auf intakte, fugenlose Aufbauten ohne Außendämmung treffen, rät Experte Wagner. „Das Eigenheim oder die Gartenlaube kann man in Eigenregie begrünen, größere Projekte wie städtischen Gebäudefassaden sollten besser von Fachleuten projektiert und begleitet werden.“

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