Bitte Platz nehmen: Entlang der Bernhäuser Hauptstraße steht ein halbes Dutzend blau angemalter Metallbänke, an der Bushaltestelle gibt es nochmal drei. Foto: Michael Werner

Falls wieder ein Lockdown ausgerufen wird, bedarf es Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum. Was kann geschehen, wenn man auf ihnen Platz nimmt? Heute: Filderstadt-Bernhausen.

Filderstadt-Bernhausen - Das halbe Dutzend blau angemalter Metallbänke an der Bernhäuser Hauptstraße ist voll, aber oben an der Bushaltestelle stehen nochmal drei. Sie sind überdacht, leider mit Glas. Und unten, wo man die Füße abstellt, befinden sich vor allen drei Bänken seltsame dunkle Flecken, die man vielleicht mal wegkärchern könnte.

Auch sonst erweisen sich die Bushaltestellen-Bänke als Wasserbänke. Denn unter ihnen liegt ein Teich, aus dem ein Rinnsal entspringt, das fast die ganze Hauptstraße entlang fließt, genauer gesagt bis zum Gully. Die Streckenlänge beträgt vier Häuser: Die Ausdehnung des Zen­trums von Filderstadt-Bernhausen ist überschaubar, vor allem von den Wasserbänken aus, die mit ein bisschen Fantasie auf so etwas Ähnlichem wie Kletterkunst thronen. Jedenfalls klettern Kinder auf der Steinskulptur herum, in der ein kleines Mädchen mit Wasserflasche in der Hand eine „Piratenhöhle“ ausgemacht zu haben glaubt. Seine Mutter ruft: „Du hast keinen Deckel, und wenn du jetzt hinfällst, ist das Wasser weg!“

Wie in den Tiroler Bergen

Aus dieser Warnung sprechen erstens eine eindeutige Priorität und zweitens eine klare Logik. Andererseits muss es ja nicht immer Wasser sein. Neben der Bushaltestelle und ihren Bänken gibt es einen Bäcker, der die Kunden duzt wie in den Tiroler Bergen, wenn sie den Kühlschrank nicht aufkriegen, in dem die kalten Brausegetränke lagern: „Warte, ich helf‘ dir.“ Dann kommt der Bäcker (oder der Bäckereiverkäufer) hinter seinem Tresen hervor und vollführt Handgriffe an seinem Kühlschrank, auf die Kunden nicht ohne Weiteres kommen würden. Wer will, der kann fast überall auch Sympathisches finden, sogar von diesen Bänken aus, die dennoch nicht zwangsläufig zum Daueraufenthalt einladen.

Also nochmal die vier Häuser lange Strecke am Lauf des Rinnsals entlang bis zum Gully: Ah, noch eine Bank, aber sie scheint zum Tattoo-Studio zu gehören. Also ab in die Gegenrichtung, zum Bus- und S-Bahnhof, also zum Dr.-Peter-Bümlein-Platz, wo hinter dem Bürgeramt mehrere Metallbänke stehen. Zwischen dem Bürgeramt und drei Fahnenmasten sitzen zwei Frauen und ein Mann, die ein Eis essen, also genau genommen drei Portionen Speiseeis in drei Waffeln. Auf der Bank gegenüber beschleicht einen unterdessen womöglich das Gefühl, dass Fahnen an diesen Fahnenmasten seltsam deplatziert wirken würden, schon mangels Publikum.

Am Ende eine Wischbewegung

Jedenfalls fällt ein Tropfen flüssig gewordenes dunkles Eis auf die helle Hose einer der beiden Damen, was die andere Dame zu der Feststellung veranlasst: „Du hast dich bekleckert.“ Der Mann, der in der Mitte sitzt, sagt nichts, aber reicht der Dame mit dem dunklen Fleck auf der hellen Hose ein Papiertaschentuch. Eingeübt wie eine Zirkusnummer wirkt die Kette aufeinander aufbauender Handlungen, an deren logischem Ende die Wischbewegung der Dame steht. Dann hält sie das Papiertaschentuch in der Hand, während unweit der Bänke das Grollen eines Busses vom Aufbruch kündet. Es ist anzunehmen, dass die Frau das Taschentuch noch vor dem Einbruch der Dunkelheit in einem Mülleimer versenkt hat.

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