Karla Borger (li.) und Britta Büthe Foto: dpa

Die Trainingsbedingungen für die Beachvolleyballer in Stuttgart werden besser und besser. Zufrieden ist Jörg Ahmann dennoch nicht: „Es gibt schon noch einiges zu tun“, sagt der Beachvolleyball-Bundestrainer.

Stuttgart - Die Trainingsbedingungen für die Beachvolleyballer in Stuttgart werden besser und besser. Zufrieden ist Jörg Ahmann dennoch nicht: „Es gibt schon noch einiges zu tun“, sagt der Beachvolleyball-Bundestrainer.
 
Herr Ahmann, stört es Sie, dass Sie stets als deutscher Beachvolleyball-Pionier bezeichnet werden?
Nein, es gibt schlimmere Attribute. Und es entspricht ja auch der Realität.
Wie haben Sie die Anfänge erlebt?
Axel Hager und ich haben 1994 mit dem Hallenvolleyball aufgehört und danach professionell Beachvolleyball gespielt. Wir waren die Ersten, die in Deutschland auf Sand trainiert haben und nicht nur am Wochenende zu den Turnieren gefahren sind. Außerdem waren wir die Ersten, die Turniere im Ausland gespielt haben. Das Problem war allerdings, dass wir uns selbst trainieren mussten, einen Coach hatten wir nur bei den Saisonhöhepunkten dabei.
Konnten Sie vom Beachvolleyball leben?
Ja, und ich konnte es mir 1998 sogar leisten, meine Freundin zu heiraten (lacht).
Ihr größter Erfolg . . .
. . . war der Gewinn der Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 2000. Bis zu diesem Zeitpunkt waren wir klar das beste deutsche Duo, und in Sydney kam dazu, dass alle anderen deutschen Ballsportler verkackt haben. Wir standen voll im Fokus, die Stimmung am Bondi Beach war fantastisch, und das wurde bei den TV-Übertragungen auch so transportiert. Danach haben sich sogar Sponsoren für uns interessiert. Damals hat alles gepasst, vergleichbar mit London 2012, als Julius Brink und Jonas Reckermann Gold geholt haben.
Wie hat sich Beachvolleyball seit Ihrer aktiven Zeit entwickelt?
Alles ist professioneller geworden. Die Teams betreiben einen viel höheren Aufwand, sie haben Trainer, Psychologen, Physiotherapeuten, Spielbeobachter. Beachvolleyball ist athletischer und schneller geworden, heute geht nichts mehr, wenn der Blockspieler kein Riese ist. Dazu kommt, dass Spielfähigkeit und Variabilität immer wichtiger werden. Kurzum: Höher, schneller, weiter – das gilt auch für Beachvolleyball.
Wie eng geht es in der Weltspitze zu?
Enorm eng. Früher mussten wir uns auf der deutschen Tour im Halbfinale zum ersten Mal anstrengen. Heute gibt es kein einfaches Los mehr, erst recht nicht auf der World Tour. Bei den Männern spielen rund 40 Teams auf Weltniveau, bei den Frauen 25 bis 30. Wer da nicht immer Vollgas gibt, bekommt schnell mal eins auf die Mütze.
Welche Rolle spielen die Stuttgarterinnen Karla Borger und Britta Büthe?
Sie mischen voll mit. 2013 wurden sie Vize-Weltmeisterinnen, vor einer Woche erstmals deutsche Meisterinnen. Sie spielen eine tolle Saison, entwickeln sich konstant weiter und haben die Chance auf eine Olympia-Medaille 2016 – wenn sie sich qualifizieren.
Das wird schwer?
Es gibt drei deutsche Teams in der Weltspitze, aber nur zwei Tickets nach Rio. Die Qualifikation wird richtig hart. Eine Verletzung, und schon kann alles vorbei sein.
Ab Freitag spielen Karla Borger und Britta Büthe bei den Stuttgart Beach Open. Was bedeutet ihre Zusage für das Turnier?
Sie sind natürlich das absolute Zugpferd, und es gibt ja nicht oft die Chance, sie in Stuttgart spielen zu sehen. Aber auch sonst ist die Besetzung richtig gut.
Wie ist das Niveau des Turniers einzuschätzen?
Natürlich nicht so hoch wie bei einem Grand-Slam-Turnier oder der deutschen Meisterschaft, aber auch nicht viel schlechter. Höchstes nationales Niveau, würde ich sagen, darauf lässt sich für die Zukunft etwas aufbauen. Dazu kommt: Für die vielen Stuttgarter Teams ist das Turnier die perfekte Gelegenheit, um sich Zuschauern und Sponsoren zu präsentieren.
Stuttgart als Beachvolleyball-Hauptstadt?
Zumindest für ein Wochenende. Und für den Rest des Jahres gilt: An Stuttgart führt im Beachvolleyball kein Weg vorbei. Wir sind einer von drei Stützpunkten in Deutschland und nicht nur in der Spitze, sondern auch beim Nachwuchs bestens aufgestellt. In der Altersklasse U 18 stellen wir bei den Mädels die amtierenden Europameister, bei der U 19 den Vizeweltmeister. Und auch die Trainingsbedingungen verbessern sich stetig.
Nun gibt es sogar neuen Sand.
Stimmt, das ist ein erfreuliches Nebenprodukt des Turniers. Bisher war der Sand auf unseren Plätzen viel zu hart. Nun haben wir in Schnaittenbach in der Oberpfalz 500 Tonnen neuen Sand in bester Qualität bestellt, zu 38 Euro pro Tonne. Jetzt fühlt man sich im Neckarpark wie am Strand.
Hört sich an, als lebten Sie in Stuttgart im Beachvolleyball-Paradies.
(Lacht) Es gibt schon noch einiges zu tun.
Zum Beispiel?
Brauchen wir definitiv eine Beach-Halle, die dem Standard entspricht, den es an den Stützpunkten in Berlin und Hamburg gibt. Wir trainieren in einem ehemaligen Fabrikgebäude, die Halle ist nicht hoch genug, hat keinen guten Sand und verursacht enorme Energiekosten. Investoren für eine neue Halle würde es geben, doch wir brauchen, was das Grundstück angeht, auch die Unterstützung der Stadt.
Gibt es noch eine Baustelle?
Ja, ein Problem, das viele Sportarten haben: Derzeit trainieren bei uns am Stützpunkt 16 Athleten, doch es gibt nur einen Trainer, der allein für Beachvolleyball zuständig ist. Im Winter ist meine Bundesstützpunkttrainerin fast ausschließlich für die Halle zuständig. Lediglich im Sommer habe ich ihre volle Unterstützung. Was die Investitionen in Trainer angeht, sind uns andere Länder weit voraus. In der Schweiz zum Beispiel ist es üblich, dass auf acht Athleten zwei Trainer kommen.
Beachvolleyball ist hochattraktiv, rennt Ihnen der Nachwuchs die Bude ein?
Schön wäre es. Wir müssen um jedes Talent kämpfen. Aber das gilt für alle Sportarten – außer den Fußball.
Spüren Sie Auswirkungen des WM-Titels?
Wie das Fußball-Nationalteam in Brasilien aufgetreten ist, das war toll für unser Land. Und dazu kam am Ende sogar noch der WM-Sieg. Doch der Breite im Sport tut dieser Triumph überhaupt nicht gut.
Warum?
Weil der, der ohnehin schon viel Geld, Aufmerksamkeit und talentierten Nachwuchs hat, nun noch mehr bekommt.
Und die anderen?
Tun sich schwer, Jugendliche in den Verein zu bekommen – zumal es ja auch noch das Schulsystem gibt, das nicht wirklich vereinbar ist mit Leistungssport. Die Kinder sind derart überlastet, dass ihnen kaum Zeit für ihre Hobbys bleibt. Ein Sporttalent muss richtig gut in der Schule sein, wenn es Freiraum haben will, um sich auch im Sport weiterzuentwickeln und erfolgreich zu sein. Auch deshalb benötigen wir gute Trainer, die auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen.
Wie groß ist die Konkurrenz zwischen Hallen- und Beachvolleyball?
Beide Sparten buhlen um dieselben Talente. Beide Disziplinen parallel auszuüben, das geht nur bis zu einem gewissen Alter. Spätestens mit 18 oder 19 Jahren muss die Entscheidung fallen.
Wie bei Jelena Wlk.
Richtig. Im Frühjahr habe ich sie gezwungen, Farbe zu bekennen. Leider hat sie sich für die Halle entscheiden.
Leider? Immerhin gehört sie zum Team von Bundesligist Allianz MTV Stuttgart.
Sie war im Beach-Bundeskader, hätte die Chance auf einen Olympia-Start 2020 gehabt. In der Halle sehe ich diese Perspektive für sie nicht. Deshalb war es für sie persönlich nicht die richtige Entscheidung.
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