Konzentriert: Beachvolleyballerin Chantal Laboureur bei der WM Foto: Tom Bloch

Chantal Laboureur und Julia Sude sind bei der Weltmeisterschaft in den Niederlanden kein Nationalteam. Und trotzdem spielen die Beachvolleyballerinnen nicht nur eine höchst erfolgreiche Saison, sondern bringen sogar die Hackordnung durcheinander.

Amsterdam - Gruppensieg! Chantal Laboureur (MTV Stuttgart) und Julia Sude (VfB Friedrichshafen) haben bei der Beachvolleyball-WM in Amsterdam im letzten Spiel der Vorrunde Juliana Felisberta da Silva (Weltmeisterin 2011, siebenfache World-Tour-Siegerin) und Maria Antonelli aus Brasilien im Tiebreak geschlagen – zum zweiten Mal in diesem Jahr. „Ich glaube, die haben nun wirklich keinen Spaß mehr mit uns“, sagt Chantal Laboureur und lacht herzlich. Derart schöne Siege lassen die Militär-Weltmeisterinnen von 2014 leicht vergessen, dass sie der Deutsche Volleyball-Verband (DVV) nicht auf der Liste hat – und dass sie gewissermaßen als „Außerirdische“ agieren.

Drei Nationalteams führt und fördert der DVV: Karla Borger/Britta Büthe (Stuttgart), Laura Ludwig/Kira Walkenhorst (Hamburg) und Katrin Holtwick/Ilka Semmler (Essen). „Wir haben nur eine Tasche und zehn Bälle vom Verband bekommen“, sagt Chantal Laboureur und grinst vielsagend. Die 25-jährige Medizinstudentin mit erstem Staatsexamen, deren französischer Name väterlicherseits in die Familie einzog und auf einen Dolmetscher am Hofe der Stieftochter Napoleons I. zurückgeht, beantwortet Fragen zu diesem Thema lieber auf dem Platz. Ihre Partnerin Julia Sude (27, Zahnarzthelferin und Tochter des früheren Volleyball-Nationalspielers Burkhard Sude) sieht sogar einen Vorteil darin, nicht zum Establishment zu gehören: „Mit uns rechnet niemand. Vielleicht haben wir es deshalb einfacher.“

Allerdings nicht immer: Für die WM qualifizierten die beiden sich nicht über die Weltrangliste, sondern über die Erfolge bei zusätzlichen Turnieren in Baku und Biel. Die Erfolge auf der World Tour 2015 waren ebenfalls hart erarbeitet. Über die Qualifikation, teilweise sogar über Country-Quota-Spiele, bei denen der letzte Teilnahmeplatz für eine Nation ermittelt wird, mühten sie sich regelmäßig ins Hauptfeld und schafften immer wieder Top-Platzierungen. Vielleicht auch deshalb, weil sie sich im Winter dazu entschlossen, in die eigene Tasche zu greifen.

Laboureur und Sude investierten in einen Coach. Der Grieche Spiros Karachlios trainiert zwar gleichzeitig das einzige griechische Nationalteam, doch immer wieder weilt er in Württemberg. Gemeinsam gearbeitet wird am Olympiastützpunkt Stuttgart oder in Friedrichshafen – oder eben getrennt. „Wenn wir uns mal eine Weile nicht sehen wollen“, scherzt Julia Sude.

Bei der WM und der EM in Klagenfurt (28. Juli bis 2. August) übernimmt der DVV immerhin die Kosten, und er stellt auch einen Scout und einen Physiotherapeuten. Mehr nicht. „Ich glaube, der Status als Nationalteam lässt sich bei der Vermarktung viel besser nutzen“, meint Laboureur. Doch die genauen Vorteile kennt sie nicht. Die deutschen Teams sprechen nicht über dieses Thema, aber sie achten sich immerhin. Die Nationalduos beobachten die Leistung der Verfolgerinnen mit Argusaugen. Schließlich melden sie Ansprüche an. „Wir wollen zu den Olympischen Spielen“, sagt Laboureur. Und Sude fügt hinzu: „Dafür müssen wir zwei Nationalteams raushauen.“

Nur zwei deutsche Frauen-Duos dürfen 2016 nach Rio. Der Weltmeister ist direkt qualifiziert, ansonsten zählen die Ergebnisse der Turniere und die Punkte in der Weltrangliste. Und auf dieser stehen Laboureur/Sude derzeit auf Rang sechs – als zweitbestes deutsches Team hinter Borger/Büthe (4.).

Alle vier Duos haben bei der WM die Gruppenphase als Erstplatzierte beendet. Laboureur/Sude treffen in der K.-o.-Runde der besten 32 an diesem Mittwoch um 12 Uhr auf Tatyana Mashkova/Irina Tsimbalova (Kasachstan). Dann soll der Aufstand der Außerirdischen weitergehen.

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