Ein Paar in perfekter Balance: Miriam Kacerova und Matteo Crockard-Villa begeistern im Opernhaus mit einem Auszug aus John Crankos Debussy-Ballett „Brouillards“. Foto: Stuttgarter Ballett

Zum 37. Mal tanzen Ballettstars und Nachwuchstalente bei der Ballett-Matinee im ausverkauften Stuttgarter Opernhaus für den guten Zweck – und bezaubern das Publikum. Wir haben die schönsten Eindrücke in einer Bildergalerie zusammengestellt.

Stuttgart - Für viele Stuttgarter ist es eine lieb gewonnene Tradition geworden, in der Vorweihnachtszeit die Ballett-Matinee zugunsten der Aktion Weihnachten zu besuchen. „Tradition kann etwas Wichtiges sein“, betont auch Jan Sellner, Lokalchef unserer Zeitung, bei seiner Begrüßung am Sonntag im ausverkauften Stuttgarter Opernhaus. So gibt es die Aktion Weihnachten, die Benefizaktion der Stuttgarter Nachrichten, bereits seit 47 Jahren. Seit 37 Jahren tragen die John-Cranko-Schule und das Stuttgarter Ballett mit ihrer Matinee dazu bei, hilfsbedürftigen Menschen in und um Stuttgart zu helfen.

Sehen Sie im Video: Lokalchef Jan Sellner zur Bedeutung der Ballett-Matinee.

Zeit des Umbruchs

Wie in den Jahren zuvor verzichten die Tänzer auf ihre Gage. Belohnt werden sie mit dem tosenden Applaus des Publikums und mit Sträußen in rot-weißen Farben, gestiftet von den Württembergischen Gärtnern. Doch neben den Traditionen steht die Ballett-Matinee auch immer für Neues, Überraschendes, zum Beispiel wenn den Zuschauern Erstaufführungen präsentiert werden. Auch dem Stuttgarter Ballett steht derzeit viel Neues bevor. Der Dank von Lokalchef Sellner richtet sich deswegen auch besonders an Intendant Reid Anderson, der das Stuttgarter Ballett im September 2018 nach 22 Jahren verlässt: „Reid Anderson hat diesen Vormittag, an dem Spitzentänzer und Nachwuchstalente gemeinsam auf der Bühne stehen, zu einer festen Institution gemacht.“

Durch die Jahreszeiten

Ein Wiedersehen gibt es gleich zu Beginn mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, die vier Absolventen der Cranko-Schule anlässlich des 20-Jahr-Dienstjubiläums von Reid Anderson choreografiert haben. Während draußen die Schneeflocken tanzen, blühen im Stuttgarter Opernhaus beim „Frühling“ die Tänzer wie Blumenknospen auf. Auch die ganz jungen Tänzer dürfen hier ihr Talent zeigen und bringen die Zuschauer zum Staunen. Die Tänzerinnen biegen sich sanft hin und her und werden von ihren Partnern in die Höhe gehoben. Anschließend verleihen sie mit wilden Sprüngen ihrer Lebensfreude Ausdruck. Die Tänzer im „Sommer“ lassen die Zuschauer mit ihrem Temperament und ihrem kraftvollen Tanz von wärmeren Zeiten träumen. Im „Herbst“ bäumen sich die Tänzer mit Regencapes bewaffnet noch einmal gegen den nahenden Winter auf. Doch letztlich müssen sie JiSoo Park und Hendrik Erikson weichen, die mit ihrem leidenschaftlichen Tanz eindruckvoll beweisen, dass der „Winter“ alles andere als unterkühlt sein muss.

Hoffnung auf Zukunft

In diesem Jahr unterstützt die Aktion Weihnachten Kinder und ihre Familien, die sich in schweren Lebenssituationen befinden. Dass sich an diesem Morgen besonders viele junge Tänzer engagieren, ist ein schönes Zeichen der Solidarität – und der Hoffnung. Der Zukunft bei der Arbeit zusehen zu dürfen, ist überhaupt eines der besonderen Erlebnisse, das die Aktion Weihnachten bietet. Erst tanzen die Schüler, dann zeigen Stars des Stuttgarter Balletts die Möglichkeiten, die Talente hier haben: Die Koreanerin Hyo-Jung Kang und der Brasilianer Adhony Soares da Silva haben den Sprung von der Schule in die Kompanie als Chance genutzt – und veredeln nun in ihrem „Schwanensee“-Debüt den großen Klassiker mit der gerade richtigen Portion schmelzender Sehnsucht – schließlich erzählt dieser Pas de deux von einem Liebesversprechen, das für immer halten soll. Als Hyo-Jung Kang mit extremer Beweglichkeit ihren Körper tatsächlich vogelähnlich macht, als ihr Partner sie wie ein zerbrechliches Gut hält, gelingt der Matinee ein märchenhafter Moment.

In feurigem Rot

„Jeder Tag zählt“, gab Jan Sellner in seiner Begrüßung dem Publikum mit auf den Weg. Tänzer, denen für ihre Karriere nur wenig Zeit zur Verfügung steht, wissen um ihre Kostbarkeit. Soll man Muskeln spielen lassen? Die Dinge beschleunigen? Oder dem eigenen Rhythmus folgen? Alicia Amatriain, Solistin des Stuttgarter Balletts mit baskischen Wurzeln, hört in „Egurra“ auf ihre innere Stimme. Gekleidet wie ein Folklore-Tänzer ihrer Heimat mit Baskenmütze und Gürtel in feurigem Rot, verbeugt sie sich mit Hilfe des Choreografen Fabio Adorisio vor ihrer Heimat. Die Drehungen, die wiegenden Schritte, die erhobenen Arme der baskischen Tänze denken sie weiter für ein Solo, das mit sehr präzisen Gesten auf die hölzernen Schläge der Perkussionsmusik reagiert.

Harmonische Balance

Wie einem das Leben so spielen kann, davon erzählt dieser Morgen in vier Bildern aus John Crankos Ballett „Brouillards“. Da ist die wählerische Frau, von Sinéad Brodd kühl und schön getanzt, die von drei Männern umgarnt wird, sich nicht entscheiden kann – und allein zurückbleibt. Da ist der Träumer, der auf die Falsche setzt; Friedemann Vogel lässt ihn Liebesschwüre und Gefühlsausbrüche so poetisch in Bewegung umsetzen, dass man auf ein Happy End hofft. Da sind die drei Komiker, die chaplinesk watscheln, wanken, wippen – und kippen; und die mit ihrem tollen Timing alle Lacher auf ihrer Seite haben. Und da ist das Paar, das Miriam Kacerova und Matteo Crockard-Villa in harmonischer Balance zwischen Tief- und Höhepunkten halten.

Gewappnet für alle Stürme

Darf auf Debussy bayerische Folklore folgen? Können ein Amerikaner und ein Brite sich in süddeutsche Seelen denken? Darf auf der Bühne des Stuttgarter Balletts Schuhplattler-Gaudi herrschen? Bei dieser Gala ist alles möglich – und das Verbindende steht Weihnachten gut. So kommt es, dass David Moore und Alexander McGowan mit dem Duett „Wer ko der ko“ ein witziger Rausschmeißer gelingt. Volkstanz hat der Choreograf Dustin Klein nicht hemdsärmlig parodiert, er lässt zwei Charaktere aufeinandertreffen. Das ist herzerwärmend – und wappnet für alle Stürme, die vor der Tür des Opernhauses auf die Zuschauer warten.

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