Bei Operationen werden häufig Antibiotika gegeben. Wirken diese nicht, kann auch eine Blinddarmentzündung zum Risiko werden. Foto: dpa

Jahrzehntelang halfen Antibiotika den Menschen verlässlich bei gefährlichen Infektionen. Doch im Kampf gegen den Keim verliert der Mensch an Boden. Im Stuttgarter Klinikum ist es Anfang des Jahres noch einmal gut gegangen.

Stuttgart - Unter dem Elektronenmikroskop sieht der Acinetobacter baumannii ähnlich aus wie eine Ansammlung aneinandergeklebter Bonbons. Das Bakterium ist einen bis 2 Tausendstelmillimeter breit, hält sich gern auf Lebensmitteln und auf der menschlichen Haut auf – und sollte besser nicht in den Körper gelangen. Denn dort kann es ­Erkrankungen wie eine Lungenentzündung verursachen, gegen die die Menschheit nicht mehr viel ausrichten kann. Das Acinetobacter baumannii zählt zu den multiresistenten Keimen, die aus dem Wettlauf zwischen neuen Medikamenten und den Anpassungs­prozessen der Natur bisher als Sieger hervor­gegangen sind.

Im Stuttgarter Klinikum ist es Anfang des Jahres noch einmal gut gegangen. Nachdem auf der Intensivstation des Krankenhauses Bad Cannstatt bei einem Patienten dieser Keim festgestellt wurde, wurde der Betroffene sofort isoliert – dennoch wurde das ­Bakterium wenig später bei vier weiteren Patienten entdeckt. Am Ende aber wurde niemand mit dem gefährlichen Keim infiziert. Doch das Bakterium existiert weiter – und mit ihm immer mehr Mikroorganismen, die sich allen Behandlungsmethoden erfolgreich widersetzen.

Der Acinetobacter baumannii ist so klein, dass man mehr als zweihundert der bonbonartigen Gebilde bräuchte, um ein menschliches Haar zu umrunden. Doch der Mensch tut sich schwer mit diesen Widersachern. „Wirklich gewinnen wird man den Wettlauf nie“, sagt Emil Reisinger, Chef der Infektions- und Tropenmedizin an der Uni Rostock und bis vor Kurzem Präsident der Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie. Ein Sieg sei ungefähr so aussichtsreich wie der Versuch, sich als Mensch mit Lichtgeschwindigkeit zu bewegen.

Ein Versehen führte zu einem der größten Fortschritte der Medizin

Dabei ist der Mensch schon ziemlich weit gekommen. Noch vor hundert Jahren konnten selbst kleine Verletzungen tödlich verlaufen. Doch ein Versehen des Londoner Bakteriologen Alexander Fleming im Jahr 1928 führte zu einem der größten Fort­schritte in der Geschichte der Medizin. Der Wissenschaftler züchtete auf einer Nährbodenplatte Staphylokokken, die er vor seinem Urlaub vergaß und danach verschimmelt vorfand. In der unmittelbaren Nähe dieser Schimmelpilze hatten sich die Bakterien aber nicht vermehrt – sie waren abgetötet. Fleming hatte das Penicillin entdeckt.

Doch Antibiotika sind keine normalen Medikamente. Sie wirken nicht auf den Menschen ein, sondern sie töten Organismen ab, die ihn besiedeln. Diese Organismen geben sich der Medizin allerdings nicht so schnell geschlagen. So wie kein Mensch dem anderen gleicht, reproduzieren sich auch diese Organismen in immer neuen Variationen. Das erschwert den Einsatz von Antibiotika, denn es besteht immer das Risiko, dass sich gerade Varianten gebildet haben, die nicht erfasst werden. Und weil genau diese Varianten überleben, bewirken die Anti­biotika selbst eine Selektion zugunsten von Organismen, gegen die sie machtlos sind. „Je häufiger Antibiotika eingesetzt werden, desto schneller bilden sich Resistenzen“, sagt der Österreicher. Besonders sogenannte Breitband-Antibiotika, die viele Erreger gleichzeitig bekämpfen, begünstigen die Entstehung von Keimen, gegen die nichts mehr hilft.

Jahrzehntelang bestand zwischen den Bakterien und der Medizin eine Art Gleichgewicht. Erst Ende der 1980er Jahre gab es dann einen „zum Teil starken Anstieg der Resistenzhäufigkeit gegen zahlreiche Antibiotika“, sagt Reisinger. Nach 2007 änderte sich das Bild erneut – bei ­einigen Bakterienstämmen bekam der Mensch die Oberhand, andere eilten ihren Bekämpfern davon. Dazu gehören auch sogenannte multiresistente gram-negative Bakterien, gegen die bei Infektionen „nur noch sehr wenige und in manchen Fällen gar keine Optionen mehr zur Verfügung stehen“. Die Welt­gesundheitsorganisation (WHO) hat bereits vor Jahren vor einem „post-antibiotischen Zeitalter“ gewarnt, in dem selbst eine Blasenentzündung oder eine Blinddarmoperation zum tödlichen Risiko werden kann.

Der große Erfolg der Antibiotika beeinträchtigt zugleich deren Wirksamkeit

Der Grund für die Verbreitung von ­Resistenzen ist ausgerechnet der große ­Erfolg dieser Medikamente. Wurden im Jahr 2000 noch 54 Milliarden Einzeldosen von Antibiotika verbraucht, waren es zehn Jahre später bereits 74 Milliarden. Nicht nur beim Menschen, auch in der Tiermast werden im großen Stil Antibiotika eingesetzt, vor allem in der Massentierhaltung. Ist ein Tier infiziert, wird in aller Regel der gesamte Stall mit Antibiotika behandelt. Was im konkreten Fall sinnvoll sein mag, wirkt in der ­Summe wie ein Turbo auf die Entwicklung von Resistenzen. Durch Staub und die ­Abluft von Ställen können resistente Er­reger in die Umwelt gelangen – und so vom Tier auf den Menschen überspringen.

In Deutschland ist der Verbrauch von Antibiotika in der Tiermast zwar in den ­vergangenen Jahren gesunken, sei aber mit 1200 Tonnen pro Jahr immer noch viel zu hoch. „Für die Therapie ist der Einsatz in Ordnung – aber Antibiotika werden im großen Stil auch als Wachstumsverstärker oder rein vorsorglich eingesetzt. Das ist nicht zu verantworten“, sagt Reisinger.

Auch beim Menschen ist der Einsatz nicht immer verantwortungsvoll. Im manchen Ländern wie etwa in Indien fehle es an einer „Kultur“ beim Umgang mit diesen Medikamenten. Dort würden Antibiotika teilweise wie „Lutschbonbons“ eingesetzt – und nicht zuletzt bei Virenerkrankungen, gegen die Antibiotika aber ohnehin wirkungslos seien. In Deutschland wie in Europa gingen Ärzte dagegen „verantwortungsbewusst“ mit diesen Mitteln um. Im Moment sei die Lage auch noch nicht besorgniserregend. „Wir haben noch ausreichend Präparate, die wirksam sind.“

Für die Menschheit sind Antibiotika ein Segen, für die Hersteller nur begrenzt

Die Pharmaindustrie hat allerdings seit den 1980er Jahren keine neue Wirkstoffgruppe mehr auf den Markt gebracht. Für Reisinger ist das kein Zufall: „Der wirtschaftliche Anreiz zur Forschung auf diesem Gebiet wird immer geringer.“ Denn aus medizinischer Sicht sollten Antibiotika möglichst sparsam eingesetzt werden. „Die Entwicklung von Medikamenten, die dann möglichst wenig eingesetzt werden sollen, macht wirtschaftlich wenig Sinn.“ Zumal die Entwicklung wirksamer Stoffe mit zunehmenden Resistenzen immer riskanter werde.

Aus seiner Sicht wäre es schon ein Erfolg, wenn bei hundert getesteten Stoffen ein Treffer dabei ist. Es sei daher wünschenswert, die Entwicklung staatlich zu fördern, damit die Rechnung aufgeht. Auch Ökonomen sagen heute, dass Antibiotika im Grunde ein öffent­liches Gut seien, dessen Nutzen für die Menschheit sich im Kalkül privat­wirtschaftlicher Unternehmen nicht ­angemessen widerspiegele. Denn der Nutzen für die Firmen steige mit wachsendem Einsatz dieser Medikamente, der Nutzen für die Menschheit aber sinke dadurch. Ohne öffentliche Finanzierung sei es für die Firmen wirtschaftlicher, ihre Forschungsmilliarden in Medikamente wie Blutdrucksenker zu stecken, die meist ein Leben lang und von sehr vielen Menschen eingenommen werden.

Allerdings gibt es auch jetzt schon Erfolg versprechende Ansätze jenseits der Anti­biotika-Forschung. Wissenschaftler arbeiten bereits an der sogenannten Phagen­therapie – also dem Einsatz spezieller Viren, die bestimmte Bakterien zerstören können. Der Durchbruch lässt allerdings noch auf sich warten; zudem wollen manche Patienten ­lieber nicht wissen, dass solche Viren ­bisher vor allem im Abwasser und in Tier­kadavern zu finden sind. Auch in der ­Gentechnik wird an Lösungen gearbeitet, zudem werden Impfungen gegen bakterielle Erreger ­entwickelt.

Und dann gibt es noch Versuche, mit ganz einfachen Mitteln voranzukommen, sagt Reisinger. „Man könnte zum Beispiel im Wechsel auf bestimmte Antibiotika verzichten. Wenn diese für wenige Jahre nicht mehr eingesetzt werden, können Resistenzen auch ganz von selbst verschwinden.“

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