Zecken traktieren nicht nur den Menschen, sondern auch Nutztiere wie etwa Ziegen und Schafe. Foto: Gottfried Stoppel, Adobe Stock/Brad Pict

Die Erreger der gefährlichen Hirnerkrankung können nicht nur durch Zeckenstiche übertragen werden, sondern auch durch den Genuss von Rohmilch und Rohmilchprodukten, die von infizierten Tieren stammen. Dies zeigen aktuelle Fälle aus dem Land.

Stuttgart - Es liegt Rainer Oehme fern, Angst und Schrecken zu verbreiten. Doch als Laborleiter am Referat Allgemeine Hygiene und Infektionsschutz des baden-württembergischen Landesgesundheitsamts gehört es zu seinen Aufgaben, die Menschen vor möglichen Gesundheitsgefahren zu warnen. Das betrifft insbesondere auch Risiken, die hierzulande bisher kaum bekannt waren – so wie die Möglichkeit, sich mit dem Erreger der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) durch den Verzehr von roher Ziegenmilch oder Ziegenrohmilchkäse zu infizieren.

Üblicherweise wird die Frühsommer-Meningoenzephalitis durch den Stich einer infizierten Zecke übertragen. Gerade in Süddeutschland trägt ein zwar regional unterschiedlicher, aber stellenweise nicht unerheblicher Prozentsatz dieser Spinnentiere FSME-Viren im Körper. Sticht die Zecke zu, können die Erreger aus den Speicheldrüsen in die Wunde und damit in den Körper des Opfers gelangen.

Dort kann es anschließend zum Ausbruch der FSME-Erkrankung kommen: Die Entzündung der Hirnhäute und des Gehirns führt zu Symptomen, die von einer Sommergrippe bis zu hohem Fieber, starken Kopfschmerzen, Bewusstseinsstörungen und Lähmungen reichen können.

Zecken traktieren auch Nutztiere wie Ziegen und Schafe

All das ist inzwischen hinlänglich bekannt: Alljährlich warnen die Gesundheitsbehördenvor möglichen Stichen infizierter Zecken – stets verbunden mit der Empfehlung, sich gegen die FSME-Erreger impfen zu lassen. Bisher wenig beachtet wurde dagegen eine Infektion mit dem Erreger ohne Zeckenstich. Doch auch dies ist möglich, weil die Zecken ja nicht nur den Menschen, sondern auch Nutztiere wie etwa Ziegen und Schafe traktieren. Ist der FSME-Erreger aber erst einmal im Körper des gestochenen Tiers, dann breitet er sich dort aus – und kann bei weiblichen Tieren auch in die Brustdrüsen gelangen. Von dort kann er in die Milch übergehen und die Tierkinder infizieren, wenn sie an den Zitzen saugen.

Auch der Mensch kann die FSME-Viren aufnehmen, wenn er damit belastete Milch trinkt oder entsprechende Rohmilchprodukte verzehrt. Solche Fälle sind zwar äußerst selten, aber sie kommen vor: Bisher wurde vor allem aus Osteuropa über entsprechende Infektionen berichtet. Doch auch im österreichischen Vorarlberg erkrankten 2008 vier Menschen nach dem Genuss von infiziertem Ziegenkäse. Presseberichten zufolge hatten zwei weitere Personen von dem Ziegenkäse gegessen, waren aber nicht erkrankt.

Im vergangenen Frühjahr traf es dann einen Ziegenhof im Landkreis Reutlingen, wo zwei Menschen aufgrund von FSME-infizierten Ziegenmilchprodukten erkrankten. Und nun wird von einem neuen Fall im Landkreis Tübingen berichtet: „Dem Landesgesundheitsamt wurden kürzlich sieben an FSME erkrankte Personen gemeldet, die infizierte Ziegenmilch getrunken und Ziegenkäse gegessen hatten“, berichtet Rainer Oehme. Anzumerken ist, dass die infizierten Ziegen an einer Schule gehalten worden waren.

Männer erkranken doppelt so häufig wie Frauen an FSME

Da auch bei diesen Patienten keine Zeckenstiche festgestellt wurden, war es für die Mediziner gar nicht so einfach, den Ursachen für die zunächst grippeähnlichen Symptome auf die Spur zu kommen. Doch mit einer gezielten Blutuntersuchung lässt sich eine FSME-Infektion nachweisen. Detaillierte weitere Untersuchungen führten dann zur Ziegenrohmilch sowie zum Ziegenkäse. Mithilfe der sogenannten Polymerase-Kettenreaktions-Methode (PCR) lässt sich das Genmaterial des FSME-Virus sogar im Käse nachweisen.

Interessant ist, dass von der vierköpfigen Familie, die 2016 von der Infektion auf dem Zwiefaltener Biohof betroffen war, nur die beiden männlichen Familienmitglieder an FSME erkrankten. Beide haben sich dem Vernehmen nach inzwischen wieder voll erholt.

Für die Hohenheimer Parasitologie-Professorin Ute Mackenstedt könnte dies Zufall gewesen sein – oder auch daran liegen, dass die Männer nicht nur Ziegenrohmilchkäse gegessen, sondern auch rohe Ziegenmilch getrunken hatten. Aber es könnte generell auch an den männlichen Hormonen liegen, denn Männer erkranken ungefähr doppelt so häufig wie Frauen an FSME. Und sie leiden sogar dreimal so oft an einem schweren Verlauf der Erkrankung, wie das Zecken-Informationsportal berichtet.

Selbst Kuhmilch könnte die Erreger enthalten

Wichtig ist, dass beim jüngsten Tübinger Fall keine Personen betroffen waren, die gegen FSME geimpft waren: „Nach gegenwärtigem Kenntnisstand schützt eine normale FSME-Impfung nicht nur vor einer Ansteckung nach dem direkten Stich einer infizierten Zecke, sondern auch nach dem Genuss infizierter Lebensmittel“, betont Rainer Oehme. Außerdem gehen die Experten davon aus, dass nur rohe Milch sowie Rohmilchprodukte ansteckende FSME-Erreger enthalten können. „Wer ganz sicher gehen will, sollte daher nur pasteurisierte Ziegenmilch trinken und auch keinen Käse aus Ziegenrohmilch essen“, rät Oehme.

Anzufügen ist, dass dies im Hinblick auf eine mögliche Infektion mit FSME-Viren auch für rohe Schafmilch gilt. Und selbst Kuhmilch könnte die Erreger enthalten, wenn die Kuh zuvor von einer infizierten Zecke gebissen wurde. All dies ist zwar sehr selten, wie die Experten unisono betonen – aber es ist eben auch hierzulande nicht völlig ausgeschlossen, wie die jüngsten Fälle bei Ziegenmilch zeigen.

FSME: Krankheit und Impfung

Erreger Hervorgerufen wird die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) von einem Virus. Dieses wird in der Regel durch Zecken der Gattung Ixodes übertragen, und zwar ganz überwiegend vom sogenannten Gemeinen Holzbock (Ixodes ricinus). Darüber hinaus haben Forscher kürzlich auch die Auwaldzecke (Dermacentor reticulatus) als möglichen Überträger ausgemacht. Noch ist aber nicht klar, welche Bedeutung dieser Art bei der FSME-Übertragung auf den Menschen zukommt.

Krankheit Anfängliche typische Symptome einer FSME-Infektion sind grippeähnliche Beschwerden wie Kopf- und Gliederschmerzen sowie Fieber. Bei manchen Menschen ist die Krankheit damit überstanden, bei anderen kann es zu einer Hirnhautentzündung (Meningitis) kommen mit hohem Fieber, starken Kopfschmerzen und steifem Nacken. Bei noch schwererer Erkrankung ist eine Entzündung von Gehirn und Rückenmark möglich. In solchen Fällen kann es bei manchen Patienten zu lang anhaltenden oder bleibenden Nervenschäden kommen. Eine ursächliche Behandlung ist nicht möglich, die Ärzte können nur die Symptome behandeln und lindern.

Impfung Der beste Schutz gegen die FSME ist die Impfung gegen den Erreger. Dabei regen abgetötete FSME-Viren das körpereigene Immunsystem zur Produktion spezieller Abwehrstoffe an. Experten weisen darauf hin, dass die Impfung in der Regel für Erwachsene wie für Kinder gut verträglich ist. Infos unter: www. zecken.de.

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