Steht hier das schönste Rathaus des Landes? Diese Stadt hat jedenfalls die meisten Stimmen bei einer nicht repräsentativen Umfrage unter unseren Leserinnen und Lesern erhalten. Foto: Martin Stollberg

Fast 250 Leserinnen und Leser haben sich an unserer Suche nach dem schönsten Rathaus im Land beteiligt. Viele Rathäuser wurden gleich mehrfach genannt, auch an der Spitze ging es knapp zu.

Stuttgart - Ein ganz klein wenig befangen ist Hans-Jürgen Weger schon, arbeitet er doch in einem wunderschönen Rathaus. Dieses befindet sich in Binsdorf, einem Stadtteil von Geislingen im Zollernalbkreis. „Na, wäre das ein Kandidat für ein schönes Rathaus im Land?“, fragt Weger und nennt auch gleich ein paar gute Gründe für seine Wahl, natürlich inklusive anschaulichem Bildmaterial. „Das Rathaus wurde im Jahr 1905 errichtet, nachdem das an gleicher Stelle stehende Rathaus dem großen Stadtbrand am 17. September 1904 zum Opfer gefallen war. Die Pläne für ein neues Rathaus wurden von den Architekten Bihl & Woltz, Bauräte aus Stuttgart, entworfen“, schreibt der Ortsvorsteher. Die Außenwände des neuen Rathauses seien im Erdgeschoss ganz aus verputztem Mauerwerk mit Werkstein-Einfassung. Laut Weger bestehen die oberen Stockwerk aus Holzfachwerk. Doch übertriebenen Pomp suche man vergeblich: „Die Räume sind sehr einfach gehalten. Einzige Schmuckstücke im Inneren sind das Treppenhaus und der Sitzungssaal mit einem Pitchpineboden.“ Eigentlich der perfekte Ort für lange Ratssitzungen.

Ist Gaildorf eine Reise wert?

Ein anderes wunderschönes Rathaus bringt Leser Daniel Kuhn ins Spiel. Für ihn ist das schönste Rathaus das ehemalige Adelspalais der Nachfahren der Schenken von Limpurg. Das steht in der Kocherstadt Gaildorf (Landkreis Schwäbisch Hall). Doch das ist laut Kuhn nicht die einzige Sehenswürdigkeit. Gaildorf habe auch ein Altes Schloss aus dem Jahr 1499 und noch ein Altes Rathaus, das immerhin aus dem Jahr 1812 stamme und das einzige vom Stadtbrand 1868 verschonte Gebäude in der Innenstadt sei. Von Stuttgart sei das gerade einmal eine Stunde mit dem Zug entfernt. Wenn das nicht mal eine Reise wert ist? Wir können da nicht widersprechen.

Moritz Heidecker hat einen ganz anderen Favoriten, aber auch er ist ein wenig befangen. Schließlich ist er Bürgermeister der badischen Stadt Ettlingen. Er verweist auf geschichtliche Aussagen über die Stadt. Bereits 1492 habe ein durchreisender Venezianer über Ettlingen geschrieben: „Wir fanden hier ansehnliche Palazzi in deutscher Art, schöne Straßen und köstliche Brunnen vor.“

Ein besonderes Rathaus in Ettlingen

In einem Protokoll des Bistums Speyer von 1683 ist zu lesen: „Ettlingen ist eine schöne Stadt in der Markgrafschaft Baden, geschmückt mit einem prachtvollen Fürstenschloss. Sechs Jahre später ist es damit vorbei. 1689 wird Ettlingen völlig zerstört. Truppen des französischen Königs Ludwig XIV. brandschatzten unter anderem Speyer, Heidelberg, Bruchsal, Pforzheim und Durlach. Am 15. August 1689 versinkt Ettlingen in Schutt und Asche“, schreibt Heidecker. Und was gibt es zum Rathaus zu sagen: 1737 wird das neue Rathaus fertiggestellt. 1738 feiert Ettlingen die Einweihung des neuen barocken Rathauses. 1893 wurde es erweitert. Dabei habe man sich um eine architektonische Harmonie mit dem historischen Rathaus bemüht, schreibt der Bürgermeister. Die westliche Giebelfront sei mit bunten Glasfenstern geschmückt, die zwei wichtige Daten aus der Geschichte der Stadt darstellten: die Erhebung Ettlingens zur Stadt 1192 und der Wiederaufbau der Martinskirche nach der Zerstörung 1689.

In die Top zehn haben es die drei Vorschläge leider nicht geschafft, obwohl auch sie es verdient hätten. Trost spendet aber ein Facebook-Post von Leser Axel Spellenberg: „Im Ländle und im Badischen gibt es viele gleichrangig schöne Rathäuser. Das schönste gibt es aus meiner Sicht nicht. Eines der schönsten deutschen Rathäuser steht bei uns im Norden, in Bremen. Es ist Weltkulturerbe.“

Und ein hässlicher Betonbunker

Insgesamt haben 250 Leser an unserer nicht repräsentativen Umfrage teilgenommen. Dumm nur, dass der Autor des ersten Textes ein Bild des Stuttgarter Rathauses ausgewählt hat. Das erntete teils bissige Kommentare: „Zumindest beim letzten Platz steht das Stuttgarter Rathaus unangefochten an der Spitze“, schreibt beispielsweise Philip Zeplin. René Krefta sagt: „Es gibt viele schöne Rathäuser in Baden-Württemberg. Das hässlichste steht allerdings in der Landeshauptstadt Stuttgart.“ Und Thomas Dimoff ergänzt: „Ich finde unser Rathaus gehört abgerissen und komplett neu geplant und gebaut! Das ist mal abgesehen vom Paternoster ein hässlicher Betonbunker – aber Geschmack ist nun einmal subjektiv.“

Doch der Stuttgarter und die Stuttgarterin müssen sich nicht zu arg grämen, denn immerhin drei Bezirksrathäusern wurde das Attribut schön verpasst: Vaihingen, Obertürkheim und Degerloch. Dass aber auch Rathäuser wie das Stuttgarter durchaus Fans haben, zeigt eine E-Mail von Wilhelm Christ, der hat das „ganz neue, das brutalistische, ganz aus Beton gegossene“ Rathaus in Aalen nominiert. Dieses habe sogar eine ganze Seite in der Rettungs-Aktion des Deutschen Architektur Zentrums „Rettet die Monster aus Beton“ bekommen. Seine Begründung: „Ich komme aus Aalen und habe das Teil vierzig Jahre lang gehasst, es als Beispiel völlig gefühlloser Architektur gesehen. Dann bin ich weggezogen, und als ich die Stadt wieder besuchte, fand ich es gar nicht so schlecht.“ Vor allem von innen, wo es ganz gut funktioniere und man seine aufdringliche Lage auf dem Marktplatz nicht mitkriege.

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