Hans-Christoph Rademann Foto: Holger Schneider

Mit einem ungewöhnlichen Programm und großer Wirkung hat die Konzertreihe der Internationalen Bachakademie Stuttgart begonnen: Hans-Christoph Rademann dirigierte Psalmvertonungen von Bach, Bernstein und Kodály.

Vom „Untergang Gottes und der Tonalität“ hat Leonard Bernstein, der sich auch mit Worten oft klug und unterhaltsam der Musik näherte, einmal geschrieben – und beide für ziemlich lebendig befunden. „Gestorben“, so der Komponist, „sind nur unsere eigenen abgenutzten Begriffe.“ Hört man vor diesem Hintergrund seine 1965 uraufgeführten „Chichester Psalms“, dann wirken diese groß besetzten Psalmenvertonungen so, als habe er mit ihrer Hilfe seine These beweisen wollen, dass man heute zu „einer neuen Vorstellung von Gott und einer neuen Auffassung von Tonalität“ gelangen müsse.

Am Samstagabend war das wirkungsvolle Stück im ersten Saisonkonzert der Bachakademie zu hören. Etwa eine Hundertschaft von Sängern umfasste bei Bernstein die Gächinger Kantorei, das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR war mit Harfen, vielfältigem Schlagwerk und einem differenziert behandelten, großen Bläserapparat zugegen, im „Jauchzet dem Herrn, alle Welt!“ zog das Musical ein in den Beethovensaal, und ein paar klitzekleine Kitschnischen gab es vor dem letzten unbegleiteten Chorsatz auch noch.

Aber was für eine Wirkung machte dieses Stück! Und wie stark empfand man den Gegensatz zur vorangegangenen Bach-Kantate „Aus der Tiefen“ (BWV 131), in der sich nur 17 (sehr gerade und homogen agierende, dynamisch und stimmlich fein ausbalancierte) Sänger rund um ein kleines Orchester geschart hatten! Es war an diesem Abend nicht Hans-Christoph Rademanns kleinstes Verdienst, dass er jedem Stück genau das gab, was es braucht.

Vor Bachs Werk begegnete man dem kaum je aufgeführten „Psalmus Hungaricus“, den Zoltán Kodály 1923 schrieb. Vom fast schüchternen einstimmigen Psalmodieren des Chors zu Beginn führt der Bogen über gewaltige dramatische Steigerungen (leider auch mit Hilfe des stimmlich beschädigten und überforderten Tenor-Solisten Mati Turi) wieder zum Tonfall des Anfangs zurück. Die Musik hat überlebt. Auch ohne Lenny geht sie nie unter.

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