Verkehrsminister Winfried Hermann (vorne) bei der Testfahrt im autonom fahrenden Kleinbus Foto: dpa

Grünes Licht für das Testfeld für autonomes Fahren in der Region Karlsruhe-Bruchsal-Heilbronn: Fünf Jahre lang soll hier auf dem normalen Straßennetz das selbstständige Fahren erforscht werden.

Karlsruhe - Es kann losgehen. Mit der zeremoniellen Übergabe eines 2,5-Millionen-Schecks und einer Testfahrt haben rund 200 Ehrengäste am Montag das neue Zeitalter des autonomen Fahrens in Karlsruhe eingeläutet. Die Residenzstadt sowie Bruchsal und Heilbronn sind die drei Fixpunkte für das Testfeld autonomes Fahren in Baden-Württemberg. Fünf Jahre lang soll hier auf dem normalen Straßennetz das selbstständige Fahren trainiert, erforscht und beobachtet worden.

Als neun Honoratioren, darunter Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), auf dem Gelände des Karlsruher Verkehrsverbunds einen Elektrokleinbus – genannt Olli, gebaut von der Firma Local Motors – bestiegen, sah wirklich alles nach Neuzeit aus: Das einer Seilbahnkabine ähnelnde Gefährt fährt in der Spitze sechs Kilometer pro Stunde, hat Sitzbänke, ist ohne Lenkrad oder Gaspedal – nur ein Joystick ist vorhanden, falls man doch mal per Hand rangieren muss. Eine Sekunde nach der Abfahrt ein Schreck: Olli stoppte abrupt – Vollbremsung, Minister Hermann klammerte sich an einen Griff. „Ein Fotograf ist vor das Fahrzeug gelaufen, es hat sofort reagiert“, sagte Wolfgang Bern von der Herstellerfirma. Olli kann als Zwischenglied zwischen autonom fahrenden Privatfahrzeugen und dem ÖPNV-Anschluss oder auch vom Parkplatz direkt zum Zielort eingesetzt werden. „From last mile to first mile“, heißt das im Fachjargon, oder auf gut Deutsch, wie es Bern erklärte: „Da, wo man sonst nicht hinkommt – etwa auch im ländlichen Bereich.“

Im November 2017 soll Probebetrieb starten

Um die Landesförderung für das Testfeld autonomes Fahren hatte es ein starkes Gerangel der Regionen gegeben. „Selten war so viel Lobby zu mir gekommen“, berichtete Minister Hermann. An Karlsruhe habe ihn erstens die Stärke als IT-Region beeindruckt. Das federführende Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sowie das Forschungszentrum Informationstechnik (FZI) hätten eine „brillante Expertise“ abgegeben. Zweitens überzeugte ihn das Auftreten des KVV, der als Betreibergesellschaft für das Testfeld auftreten wird und Erfahrungen mit seinem Projekt Regiomove gesammelt hat, mit dem er den Sprung vom klassischen Verkehrsverbund zum Mobilitätsverbund schaffen will: Der PNV soll sich vernetzen mit Carsharing und Leihräderangeboten. Für Hermann ist es wichtig, dass der ÖPNV eingebunden ist: „Wir sind gerade dabei, die Dominanz des Autos in den Städten zurückzudrängen.“ Durch die Hintertür des autonomen Fahrens soll sie nicht zurückkehren. Hermann sagte, dass derzeit im Durchschnitt 1,2 Personen in einem Auto säßen: „Beim autonomen Fahren wird es weniger als eine Person sein, da fährt das Fahrzeug auch mal allein, um jemanden abzuholen.“

Die Aufgaben für das neue Testfeld sind immens, wie Marius Zöllner vom FZI ausführte. Elf Aufgabenpakete habe man geschnürt. Da geht es um Messtechnik, Sensoren, Wetteranalysen, Livedaten, aber auch um rechtliche Fragen und den Datenschutz. Mit dem Aufbau des Testfeldes, zu dem eine Leitstelle, Werkstätten und ein abgeschlossenes Testgelände am Campus Ost gehören, wird jetzt begonnen; im November 2017 soll der Probebetrieb starten. „Die Mobilität der Zukunft wird elektrisch, automatisiert und vernetzt sein“, sagte Zöllner, „das müssen wir real erproben.“

Normalbürger wird vom Test wenig mitbekommen

Getragen wird das Testfeld von einem Konsortium von 30 Partnern – Städten, Forschungseinrichtungen, Hochschulen. Aber es ist offen für Unternehmen, die hier bestimmte Fragestellungen testen wollen. Das KIT stellt ein halbes Dutzend autonom fahrende Autos zur Verfügung – von Audi, aus der E-Klasse sowie den Smart. Das Interesse der Wirtschaft ist groß – schon 60 Interessenten haben sich gemeldet.

Der Normalbürger wird vom autonomen Fahren wenig mitbekommen: In jedem Auto wird ein Sicherheitsfahrer auf dem Fahrersitz sitzen. Ob er die Arme verschränkt, das ist seine Sache. Das Testfeld wird mit Sensoren ausgestattet – den sogenannten Road-Site-Units. Sie werden an Ampeln installiert, an den Autobahnen genügen sie alle zwei Kilometer, denn die Fahrzeuge haben „ihre eigenen Quellen“, wie es heißt, aus denen sie sich steuern.

Die gesamte Stadt Karlsruhe (mit einem Straßennetz von fast 1000 Kilometern), aber auch die Autobahn-Verbindung Karlsruhe–Bruchsal–Walldorfer Kreuz, sodann Heilbronn, Stuttgart und zurück über die A 8 nach Karlsruhe sollen zum Testfeld gehören. Die bundesweite Besonderheit des Versuches liegt darin, dass sowohl ­sämtliche Straßentypen von der Dorfstraße bis zur Autobahn mit eingeschlossen sind. Neben der Landesförderung von 2,5 Millionen Euro wird es noch einmal die gleiche Summe aus Forschungsgeldern vom Land geben. Außerdem bringen industrielle ­Partner im Konsortium weitere 4,2 Millionen Euro mit ein – alles in allem also gut neun Millionen Euro, was nicht allzu viel ist für einen Großversuch. Allerdings ist angedacht, dass Unternehmen, die das ­Testfeld nutzen, auch Gebühren dafür be­zahlen.

Der Karlsruher Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) zeigte sich jedenfalls hochzufrieden: „Das Testfeld ist ein großer Imagegewinn. Unsere Bürger werden hier Zeugen einer digitalen Revolution.“

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