„Wir können extrem kleine Teilchen erfassen“, sagt der Mann-und-Hummel-Chef Alfred Weber. Foto: factum/Weise

Mann und Hummel ist einer der größten Filterhersteller der Welt – und stark vom Verbrennungsmotor abhängig. Alfred Weber, der Chef des Unternehmens mit Sitz in Ludwigsburg, sieht den Wandel in der Autoindustrie dennoch gelassen. Und sucht neue Geschäftsfelder.

Ludwigsburg - Von seinem Büro aus hat Alfred Weber einen Blick über Ludwigsburg. Der Vorstandschef von Mann und Hummel residiert im fünften Stock eines im vergangenen Jahr eröffneten Technologiezentrums. Ein schmucker Neubau, äußerst funktional – und in diesem Sinne ein Symbol für die Innovationskraft des Filterherstellers, der seine Wurzeln in Ludwigsburg hat, aber weltweit agiert. Eineinhalb Stunden lang steht der Manager Rede und Antwort und führt die Gäste persönlich durch das Unternehmen. Es sind keine einfachen Zeiten: Mann und Hummel ist stark abhängig von der Automobilindustrie und speziell vom Verbrennungsmotor. Doch Weber zeigt sich gelassen: „Es gibt keinen Grund, die Nerven zu verlieren.“

Herr Weber, Mann und Hummel engagiert sich bei den Ludwigsburger Basketball-Riesen als Sponsor, aber auch im Motorsport der GT-3-Rennserie mit dem Mann-Filter-Team. Sitzen Sie da selbst auf der Tribüne?
Bei den Riesen gehöre ich dem Verwaltungsbeirat an und sehe viele Heimspiele. Das sind immer besondere emotionale Erlebnisse. Auch den Motorsport verfolge ich mit Interesse. Eine Affinität zu schnellen Autos ist sicher kein Nachteil, wenn man mit der Automobilbranche zu tun hat.
Mann und Hummel macht satte 90 Prozent seines gesamten Umsatzes mit der klassischen Automobilindustrie. Angesichts der anhaltenden Debatten über Elektromobilität und die Nachteile der Verbrennungsmotoren: Ist Ihnen nicht manchmal himmelangst vor der Zukunft der Firma?
Keine Frage, wir hängen mit unseren Produkten im Moment stark am Verbrennungsmotor. Sie können aber sicher sein: Wir verfolgen die Entwicklungen, auch die politischen, aufmerksam. Unabhängig davon kann ein Blick auf die Fakten helfen: Auf Deutschlands Straßen sind zurzeit etwa 50 Millionen Fahrzeuge unterwegs, darunter gerade einmal 50 000 Elektroautos. Es wird meiner Ansicht nach noch lange dauern, bis wir die immer wieder in den Raum gestellten Quoten von 20, 30 Prozent an Elektromobilen erreicht haben. Und auch weltweit sehe ich nicht, dass ein kompletter Verzicht auf den Verbrennungsmotor mittelfristig in irgendeiner Form darstellbar wäre.
Ihre Gelassenheit in Ehren. Aber die Grünen sprechen sich für ein Zulassungsverbot von Verbrennungsmotoren schon ab 2030 aus.
Ich möchte ja nur zum Ausdruck bringen, dass wir über längerfristige Prozesse reden und sich damit die Dramatik relativiert, die das Thema bisweilen zu haben scheint. So gesehen gibt es für uns als Unternehmen keinen Grund – und das ist auch die Botschaft an unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter –, die Nerven zu verlieren. Andererseits sind wir nicht blauäugig.
Inwiefern?
Wir nehmen die gesellschaftlichen Veränderungen und die daraus resultierenden neuen technischen Herausforderungen sehr ernst. Der Rahmen ist mittlerweile klar abgesteckt. Über allem steht: unsere Kernkompetenz ist die Filtration, sprich die Trennung des Schädlichen vom Nützlichen. Dazu bekennen wir uns, dafür wird es immer Bedarf geben. Deshalb müssen wir uns nicht auf ganz anderen Märkten tummeln, sondern können unsere Fähigkeiten auf andere Bereiche übertragen. Wichtige Treiber unserer Entwicklung sind die Digitalisierung, alternative Mobilitätslösungen, vom autonomen Fahren bis zu elektrischen oder anderen Antriebsformen, und die stetig zunehmende Bedeutung der Nachhaltigkeit. Für alle drei Geschäfts­felder entwickeln wir innovative Produkte und sehen viele neue Marktchancen.
Mann und Hummel ist eine der 50 größten Patentschmieden in Deutschland. Wird das reichen, um den Wandel zu schaffen?
Nehmen wir die Automobilindustrie. Sie finden mittlerweile in den allermeisten E-Fahrzeugen Produkte aus unserem Haus. Das heißt, es gibt selbst in diesem Sektor Chancen. Und Wachstumsmärkte sehen wir auch, wenn es um eine gute Raumluft und sauberes Wasser geht.
Wie das?
Schauen Sie sich um in der Welt: In unzähligen Metropolen ist die Luftverschmutzung das Problem Nummer eins. All die Städte mit regelmäßigem Smogalarm sind eine Zielgruppe, wenn es darum geht, wenigstens in den Innenräumen für ein gesundes Klima zu sorgen. Wir sammeln mit unseren Produkten Schadstoffe und unerwünschte Partikel jeder Art und sortieren diese aus. Dabei übertragen wir unser Know-how aus Fahrzeuginnenräumen in Gebäude und nutzen dabei auch die Möglichkeiten der Digitalisierung: Sensoren erfassen die Luftdaten, die über eine Cloud aufs Smartphone gehen, dort ausgewertet werden, um dann das Problem optimal zu lösen.
Was zeichnet eigentlich gute Filter aus?
Wir können heute extrem kleine Teilchen erfassen. Klebstoffe etwa, die aus Möbeln diffundieren, oder Dämpfe, die Farbanstriche ausströmen. Fest steht, dass Filtration immer wichtiger wird. Denken Sie an die Mikrokunststoffe unserer Waschmittel, die ganze Fischpopulationen verändern. Oder denken Sie an den Nitrateintrag durch eine intensive Landwirtschaft. Dabei haben wir in Deutschland ja noch eine vergleichsweise komfortable Situation. Weltweit aber wird die Situation in Meeren, Flüssen und Seen immer dramatischer. In China sind ganze Reisanbaugebiete regelrecht verseucht. Überall dort ist die Filtration des Wassers oder des Abwassers ein Thema. Zugegeben, das sind kleine Pflänzchen – aber mit Wachstumspotenzial.
Trotz aller Innovationen: Zuletzt hat es bei Mann und Hummel betriebsbedingte Kün­digungen und auch Veränderungen in der Geschäftsführung gegeben. Ist das Ausdruck eines extremen Marktdrucks?
Natürlich stehen wir unter Druck. Wir müssen finanziell erfolgreich sein, nicht zuletzt, um uns aufwendige, aber notwendige Forschung leisten zu können. Den Spagat, den wir dabei machen müssen, sehen Sie am Standort Ludwigsburg: hier unser neues Technologiezentrum – mit 30 Millionen Euro die größte Einzelinvestition in der Geschichte des Unternehmens – und auf der anderen Straßenseite eine Produktion, die einen schweren Stand hat. Das ist im Fall von Betroffenen sehr hart.
Sie sind ein Ludwigsburger Traditionsunternehmen. Wie sehen Sie Ihre Rolle in der Stadt und in der Region Stuttgart?
Wir fühlen uns hier stark verankert. Nicht ohne Grund haben wir in Ludwigsburg unseren Thinktank gebaut. Hier sitzen die kreativen Köpfe, hier laufen die Fäden zusammen. Wichtig ist uns auch ein lokales gesellschaftliches Engagement, das wir an allen Standorten zu pflegen versuchen. Dazu gehört im Falle von Ludwigsburg das Sponsoring der Basketballer und ebenso des Behindertensportvereins. Über unsere Stiftung unterstützen wir maßgeblich die Städtepartnerschaften Ludwigsburgs.
Fühlen Sie sich – umgekehrt – auch von der Stadt unterstützt?
Absolut. Das gilt nicht nur bei Bauplanungen oder ähnlichen Dingen. Auch wenn es darum geht, neue Produkte zu testen, ist die Stadt ein Partner. Generell freut es uns natürlich auch, wie sich die Weststadt entwickelt, in der wir sitzen.
Oberbürgermeister Spec spricht bescheiden vom Silicon Valley der Region.
Ich war neulich im echten Silicon Valley, um einige Start-ups zu besuchen. Wir brauchen diese Offenheit für Neues und viel Kreativität. Insofern hilft es uns, wenn sich in unserem direkten Umfeld Firmen wie Bosch oder Porsche digital ansiedeln. Das schafft eine gute Atmosphäre.
Dennoch expandieren Sie gezielt auch in anderen Ecken der Welt. Warum?
Das ist ein anderes Thema. Wir stehen dazu, dass unsere Schlüsselkompetenz hier sitzt. Wir müssen jedoch auch andernorts vertreten sein. Gerade in der Forschung gilt immer stärker, dass in der Welt Lösungen für die Welt gefunden werden müssen, dass die für bestimmte Gegenden und Kulturen spezifischen Sichtweisen in die Problem­lösungen mit einfließen. Deshalb haben wir ein Forschungszentrum in den USA und eines in Shanghai. Und deshalb haben wir Singapur als Standort dazugenommen, um das Internet der Dinge voranzutreiben.
Letzte Frage, mit der sich der Bogen schließt: Wo steht das Unternehmen Mann und Hummel in zehn Jahren, vor allem hinsichtlich der Abhängigkeit vom Automobil?
Wir haben eine gute Mannschaft, mit der wir den Umsatz in diesem Jahr auf 3,8 Milliarden Euro steigern werden. Wir wollen organisch sowie durch Zukäufe weiter wachsen. Und wenn wir dann in zehn Jahren ein Drittel des Umsatzes nicht mit Autos machen, wären wir gut vorangekommen.
Das Gespräch führten Achim Wörner und Tim Höhn

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: