Mahmoud al-Saysed, Nasima Bakr und Andrea Stefania haben an der Werkstatt W4 teilgenommen und sich mit der Wohnungsnot in Stuttgart befasst. Foto: Cedric Rehman

Im Begegnungsraum zeigen Migranten und Geflüchtete Fotos, Texte und einen Film über ihre beengten Wohnverhältnisse und die schwierige Wohnungssuche in Stuttgart.

S-Mitte - Andrea Stefanias Wunsch ist jüngst in Erfüllung gegangen. Im Januar bezog die aus Rumänien zugewanderte 17-Jährige gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester endlich eine Wohnung, in der sie ihr eigenes Zimmer hat. Drei Jahre lang teilten sich die drei Personen einen Raum. Unter diesen Bedingungen für die Schule zu lernen, sei ein Kraftakt gewesen, erzählt Stefania.

Nicht selten gab es Streit mit der Mutter. „Wir konnten nicht einmal nicht miteinander sprechen, wenn wir sauer aufeinander waren. Das geht nicht, wenn alle in einem Raum leben“, sagt sie. Ihre Wut nahm sie dann nicht selten mit auf einen Spaziergang durch den Höhenpark am Killesberg. Das Gefühl der Weite habe sie dort wieder beruhigt, meint sie.

Fotos geben Gefühle wider

Im Begegnungsraum an der Breitscheidstraße sind bis Freitag, 25. Januar, Fotos zu sehen, die auch Stefanias Gefühle widergeben. Die Rumänin wirkte bei einer Fotowerkstatt mit, bei der junge Menschen ihre Gedanken zur Wohnungsnot in Wort, Bild und Ton umsetzten. Es entstanden Bilder, auf denen Geflüchtete zu sehen sind, wie sie zum Beispiel auf der Wiese im Höhenpark liegen. Die Gesichtszüge auf den Fotos wirken entspannt, so als atme jemand richtig durch.

Der Syrer Mahmoud al-Sayed kennt das Gefühl, dass die Wände viel zu eng sind. Er teilt sich mit weiteren jungen Männern seit drei Jahren ein Zimmer in einer Asylunterkunft in Obertürkheim. Ein Foto im Begegnungsraum zeigt ihn allein auf einer Couch vor dem Asylbewerberheim. Er lächelt, als genieße er es, dass sonst niemand um ihn herum ist.

Irakerin schreibt Texte

Die Irakerin Nasima Bakr hat sich für eine andere Art entschieden, ihre Gefühle angesichts ihrer beengten Wohnverhältnisse auszudrücken. Genau wie der 22-jährige Syrer macht die 18-Jährige gerade ihren Hauptschulabschluss. Das Lernen auf der fremden Sprache Deutsch sei ihr im Asylheim dabei ähnlich schwer gefallen wie der Rumänin Andrea Stefania in ihrer mit der Familie geteilten Einzimmerwohnung.

Die 18-Jährige und ihre Schwester haben zum Beispiel auf Postkarten festgehalten, was ihnen derzeit fehlt. Nasima beschreibt in einem Text ihre Wunschwohnung, in der sie von Ruhe und Natur umgeben ist. Die Rumänin Stefania, der Syrer al-Sayed und die Irakerin Bakr sind drei von zwölf Teilnehmern der von der Caritas und dem Begegnungsraum für Geflüchtete und Stuttgarter im vergangenen Jahr organisierten Wohnwerkstatt W4. Neben den Gruppen, die Impressionen in Fotos und Texten festhielten, arbeiteten andere an der Produktion eines Films mit. In ihm werden die Schwierigkeiten dargestellt, die gerade Geflüchtete auf der Suche nach dem raren Wohnraum in Stuttgart haben.

Caritas warnt vor sozialer Spaltung

Nadja Wenger von der Caritas hat die Werkstatt W4 und die Ausstellung im Begegnungsraum mit organisiert. Der Gedanke sei gewesen, verschiedene Gruppen zusammenzubringen, die bei der nicht zuletzt vom Budget abhängigen Suche nach einer Wohnung sich besonders schwertun. Der Caritas gehe es mit der Ausstellung darum, für eine Intensivierung der Bemühungen um neuen Wohnraum zu werben, sagt Wenger „Uns geht es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt“, sagt sie. Die Rumänin Andrea Stefania meint, dass sie bereits nach Rumänien zurückzukehren wollte, weil sie die Wohnsituation in Stuttgart unerträglich fand, sagt sie. Nun, da sie den beengten Verhältnissen entkommen ist, will Stefania eine Ausbildung als Krankenpflegerin in Stuttgart beginnen. Nadja Wenger weist darauf hin, dass Fachkräfte in Stuttgart dringend gesucht werden, bei denen das Gehalt nicht exorbitant hoch ist. „Eine Stadt braucht auch Hebammen und Polizisten“, sagt sie.

Ausstellung: Texte, Fotos und Film der Werkstatt W 4 sind bis Freitag, 25. Januar im Begegnungsraum an der Breitscheidstraße 2f montags von 13 bis 21 Uhr, dienstags und mittwochs von 13 bis 16 Uhr und freitags von 19 bis 21 Uhr zu sehen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: