Die Teilnehmer des Fotoprojekts haben vier unterschiedliche Fotostrecken produziert. Sie zeigen, was ihnen jeweils besonders wichtig ist. Foto: z

Vier Suchtkranke, die ihre Drogen- oder Alkoholabhängigkeit besiegt haben, stellen ihre Fotografien im Kontaktcafé High-Noon aus. Unterstützt wurden sie bei dem Projekt von dem Stuttgarter Fotofragen Boris Schmalenberger.

S-Mitte - Peter Disch würde heute seiner Sucht wahrscheinlich davon radeln. Der ehemalige Methamphetaminabhängige möchte seinen echten Namen nicht nennen. Er kam vor einigen Jahren nach Stuttgart, um Distanz zwischen sich und der Crystal-Meth-Szene in Sachsen zu schaffen. Der 29-Jährige arbeitet in einem Fahrradfachgeschäft und auch sonst scheint sich vieles in seinem Leben um schnelle Bikes zu drehen. Die Fotografien, die er im vergangenen Jahr für das Projekt „Nüchtern betrachtet“ gemacht hat, legen das nahe. Sie zeigen Sporträder aus allen Perspektiven. Einige sind verkehrt herum aufgestellt. Oder es sind nur Details zu sehen, etwa der Lenker in Großaufnahme.

Disch sitzt mit zwei weiteren Teilnehmern des Projekts, dem Fotografen Boris Schmalenberger und Mitarbeitern der Caritas an einem Tisch im Aufnahmehaus „Sleep Inn“ an der Hauptstätter Straße. Sie stellen die Ausstellung vor, die vom 21. Februar an im Kontaktcafé High Noon zu sehen sein wird. Schmalenberger, der unter anderem für „Spiegel“, „Stern“ und „taz“ arbeitet und auch in unserer Zeitung schon veröffentlicht hat, zeigte den vier Teilnehmern 2018 die Finessen, die nötig sind, um gute Fotos zu machen. Ihm ging es darum, den Blick für die Umgebung zu schärfen, meint ein Teilnehmer.

Die Gruppe arbeitete hart

So sind vier völlig unterschiedliche Fotostrecken entstanden. Sie zeigen jeweils, was jedem der Fotografen wichtig ist. Der Zeitaufwand der vier Teilnehmer und ihres Mentors Schmalenberger war dabei nicht unerheblich. Die Projektgruppe traf sich einmal in der Woche, übte und besprach sich stundenlang. „Im Sommer konnten wir das wegen der Hitze nur in den Abendstunden leisten“, so Schmalenberger. Er spricht von den Erfolgserlebnissen seiner vier Fotografen und meint damit, dass sie Ausdauer zeigen mussten und nun mit Genugtuung auf das Ergebnis blicken könnten.

Der Fotograf gibt eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob der auf den Bildern festgehaltene Blick von Suchtkranken ein anderer sei. Das sei nicht der Fall, sagt er. Die Teilnehmer sehen auch keinen generellen Unterschied in der Wahrnehmung zwischen Süchtigen und Nicht-Suchtkranken. Die Perspektive sei nur verschieden, wenn die Sucht akut ist, meinen sie.

Die Sucht bestimmt das Leben

Das sei ihm als trockenem Alkoholiker während des Fotoprojekts aufgefallen, sagt einer. „Wer süchtig ist, kommt gar nicht auf die Idee, sich irgendetwas genau anzuschauen“, sagt er. Der ältere Mann meint, dass Süchtige, die nicht abstinent leben, mit verschlossenen Augen durch die Gegend laufen, selbst wenn diese geöffnet sind. „Es bleibt nichts von der Aufmerksamkeit übrig für andere Dinge als in meinem Fall der Alkohol“, sagt er. Christiane Siller vom Wohnverbund Sucht der Caritas spricht von einem anderen Zeitempfinden der Suchtkranken. Nach dem Entzug gebe es plötzlich viele Stunden, die zu füllen sind, meint sie. Die Caritas habe deshalb Angebote entwickelt, die helfen sollen, mit der gewonnenen Lebenszeit umzugehen, erklärt sie.

Die Caritas erhofft sich von dem Fotoprojekt und der Ausstellung auch eine Wirkung bei den Betrachtern. Gerade im Leonhardsviertel gebe es aufgrund von Heroinsüchtigen liegengelassenen Spritzen oft Ärger bei den Anwohnern. Das Problem mit den Fixerutensilien wolle die Caritas nicht kleinreden. „Wir hoffen aber, dass eine solche Ausstellung hilft, Ressentiments abzubauen“, sagt sie.

Genuss entsteht ganz nüchtern

Für einen Teilnehmer, der Landschaften fotografiert hat, ist etwas anderes wichtig. Er habe gelernt, dass er sein mit einer Kamera ausgestattetes Smartphone nehmen und in die Natur gehen muss, um Genuss zu empfinden, erzählt er. Die Welt um ihn herum ist schön genug – ganz nüchtern betrachtet.

Vernissage
Die Fotoausstellung „Nüchtern betrachtet“ eröffnet am kommenden Donnerstag, 21. Februar, im Kontaktcafé High Noon an der Lazarettstraße 8. Die Vernissage beginnt um 18 Uhr. Die Ausstellung ist zu den Öffnungszeiten des High Noon bis zum 29. März zu sehen.

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