Ausstellung im Stuttgarter Naturkundemuseum Packende Dramen aus der Urzeit

Von Klaus Zintz 

Die neue Austellung „Leben im Bernsteinwald“ im Stuttgarter Naturkundemuseum ist ein spannender Streifzug durch 100 Millionen Jahre Naturgeschichte.

Stuttgart - Verzweifelt versucht die Ameisengesellschaft, dem drohenden Unheil zu entkommen. Vergebens: im Harz, das aus einer Wunde im Stamm einer mächtigen Araukarie quillt, kleben viele der kleinen Tiere fest. Der Versuch, ihre Brut vor der zähen Flüssigkeit zu retten, kostet sie das Leben. Dokumentiert ist dieses urzeitliche Drama auf einem nachgebildeten Baumstamm am Eingang des Bernsteinkabinetts im Stuttgarter Naturkundemuseum. Dieser 1985 im Zuge des Museumsneubaus am Löwentor entstandene Ausstellungsteil ist nun völlig neu gestaltet worden – und zwar im Rahmen der Großen Landesausstellung „Leben im Bersteinwald“, die jetzt eröffnet wurde.

Drei unterschiedliche Bernsteinwälder bilden den Schwerpunkt der Sonderausstellung. Die jüngste Fundstätte dokumentiert das im fossilen Harz von Nadelbäumen konservierte Leben vor 16 bis 20 Millionen Jahren auf dem Gebiet der heutigen Dominikanischen Republik. Der Streifzug durch die urgeschichtliche Tier- und Pflanzenwelt geht mit dem baltischen Bernsteinwald weiter, der vor 35 bis 45 Millionen Jahren existierte. Die ältesten Exponate stammen aus Myanmar. Die dortigen Lagerstätten entstanden vor fast 100 Millionen Jahren, also zu einer Zeit, in der noch die Dinosaurier die Erde bevölkerten. Da sich das Land derzeit langsam der übrigen Welt öffnet, gelangen immer mehr Bernsteinfunde aus dieser Gegend in den Handel. Zur Freude der Urzeit-Biologen: „Für uns ist jedes einzelne Objekt spektakulär“, begeistert sich der Ausstellungskurator Arnold Staniczek für die teilweise sensationellen Einschlüsse insbesondere in den Fundstücken aus Myanmar. Darunter sind noch zahlreiche Arten, die bisher völlig unbekannt waren.

30 000 Fundstücke

Für die Museumsdirektorin Johanna Eder ist die Große Landesausstellung denn auch eine hervorragende Gelegenheit, die weltweit bedeutsame Stuttgarter Bernsteinsammlung mit rund 30 000 Fundstücken einem breiten Publikum zu präsentieren. Mit dabei sind auch viele „ganz abgefahrene Tiere“, wie es Staniczek anschaulich formuliert. Der Kopf eines Saumfingerleguans zum Beispiel oder ein Kugelfingergecko. Oder der mit einem auffallenden Stirnzapfen dekorierte Termiten-Soldat, dessen Aufgabe die Verteidigung eines urzeitlichen Nests war. Auch die älteste bekannte Vogelfeder der Welt ist zu sehen – sie ist in einem 130 Millionen Jahre alten Bernstein aus dem Libanon eingeschlossen.

Nicht nur Wissenschaftler, auch jeder naturbegeisterte Laie ist fasziniert, wie detailgenau die Tiere in dem fossilen Harz erhalten sind. So können die Biologen im Mikroskop bei einem in dominikanischem Bernstein eingebetteten Skorpion sogar den Giftkanal im Stachel erkennen. Wobei die dort im Bernstein gefundenen Arten noch sehr enge Bezüge zur heutigen mittelamerikanischen Fauna aufweisen. „Wenn man die Tiere vollständig herauspräparieren und auf einen Ast setzen könnte, dann würden wohl viele Biologen nicht erkennen, dass es sich um fossile Exemplare handeln würde“, sagt Johanna Eder.

Für die Museumsdirektorin ist deshalb auch der zweite große Aspekt dieser Ausstellung wichtig: „Was sagen uns die im Bernstein konservierten Tiere und Pflanzen? Welche Lebensräume und Ökosysteme können wir daraus rekonstruieren?“ Die Vielfalt und der hervorragende Erhaltungszustand der konservierten Tiere und Pflanzen geben einzigartige Einblicke in das Leben vor vielen Millionen Jahren.

Bernsteinzimmer im Maßstab 1:12

Neben der wissenschaftlichen Bedeutung der Bernstein-Funde kommt auch deren kulturhistorische Bedeutung in der Landesausstellung nicht zu kurz. So kann der Zuschauer zum Beispiel eine detailgetreue Miniatur-Nachbildung des legendären Bernsteinzimmers im Maßstab 1 zu 12 bewundern, das der Künstler und Modellbauer Uwe Habermann in zehnjähriger Kleinarbeit geschaffen hat. Die Spuren des Originals, das der Preußenkönig Friedrich I bauen ließ, verlieren sich in den Wirren des Zweiten Weltkriegs bei Königsberg. Doch seit 2003 steht eine exakte Rekonstruktion im St. Petersburger Katharinenpalast.

Es ist die Mischung aus kulturhistorischen, naturkundlichen und wissenschaftlichne Geschichten, die diese Ausstellung so sehenswert macht. Natürlich dürfen auch die dunklen Seiten nicht fehlen: Wo immer es um wertvolle Steine geht, sind Fälscher nicht weit. Aber wie testet man Bernstein auf Echtheit? Dass dies nicht so einfach ist, zeigt die Ausstellung, die auch den Raubbau der wertvollen Steine dokumentiert.

Fake Fly in Kunstharz

Die Wissenschaft bekommt ebenfalls ihr Fett ab: mit der berühmten Fake Fly, der Latrinenfliege, die – eingeschlossen im baltischen Bernstein – vor 45 Millionen Jahren genauso ausgesehen haben soll wie heute. Das jedenfalls beschrieb der Bernsteinexperte Willi Hennig 1966 in einer Publikation des Stuttgarter Naturkundemuseums. Doch 1993 stellte sich das Fossil als Fälschung heraus: Es war mit Kunstharz in echten Bernstein eingebettet, der aufgesägt und ausgehöhlt worden war. Hennig war also einem Betrüger aufgesessen. Oder wusste der Begründer der Stuttgarter Bernsteinforschung vielleicht sogar Bescheid? Die Veröffentlichung erschien am 1. April 1966.

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