In Holzgerlingen wird die Trasse sieben Meter in die Tiefe verlegt. Foto: factum/Granville Foto:  

Der 100 Millionen Euro teure Ausbau der Schönbuchbahn holpert auf der Zielgeraden. Der Anschluss an das Strom- und Schienennetz der Deutschen Bahn ist ungeklärt.

Böblingen - Das Rätsel sind die letzten Meter. 17 Kilometer legt die Schönbuchbahn auf dem Weg von Dettenhausen nach Böblingen zurück, demnächst auf ausgebauter Strecke und in einigen Jahren mit Elektro- statt mit Dieselloks. Unmittelbar vor dem Ziel, dem Böblinger Bahnhof, verlassen die Züge die Gleise der Württembergischen Eisenbahn-Gesellschaft und schwenken ein auf das Schienennetz der Deutschen Bahn. Für diese letzte Weiche „fehlt uns die Lösung“, sagt der Eisenbahn-Ingenieur Kurt Retter.

Auf rund 100 Millionen Euro ist der Ausbau der Schönbuchbahn samt ihrer Elektrifizierung kalkuliert. „Wir vergraben viel Geld“, sagt der Landrat Roland Bernhard – mehr noch als ursprünglich geplant, denn die Baustellen bargen allerlei Probleme. In Holzgerlingen, wo die Tasse sieben Meter unter die Erdoberfläche verlegt wird, war der Untergrund zu felsig für gewöhnliche Bauverfahren, außerdem fand sich Arsen im Erdreich. Am Böblinger Bahnhof wächst die neue Betriebshalle mit drei Gleisen für das Waschen, die Wartung und die Reparatur der Züge. Dort hielt die Gefahr von Bombenfunden die Bauarbeiten auf. Zwei Kilometer entfernt spannt sich seit Mitte Februar eine aus Beton gegossene Brücke über die tiefergelegte Herrenberger Straße. Dort stießen die Bauingenieure auf schlammiges Erdreich, das zunächst abgetragen und ersetzt werden musste.

Eidechsen werden zum Dauerproblem von Großprojekten

Hinzu gesellten sich Probleme mit Eidechsen. Der Naturschutz gebietet, dass die Tiere umgesiedelt werden müssen, bevor Bagger ihre alte Heimat überrollen. Was längst zum allgemeinen Problem von Großbauvorhaben geworden ist. Daraus ist inzwischen ein ganzes Geschäftsmodell erwachsen. „Eidechsenhabitate sind dringend gesucht“, sagt Retter. Privateigentümer von für die Tiere geeignetem Gelände „verlangen horrende Preise“ – und bekommen sie, weil Verzögerungen am Bau noch teurer wären.

Ungeachtet aller unerwarteter Schwierigkeiten sind die Verspätungen an den Baustellen nahezu aufgeholt. Zum nächsten Winterbeginn soll die Strecke ungehindert befahrbar sein. Dass sich die Bauarbeiten ihrem Ende nähern, wird von Mitte März an unüberhörbar. Dann wird eine Spezialmaschine die Pfähle für die Oberleitung sechs Meter tief in die Erde rammen.

Der Verlauf der Starkstromleitung ist strittig

Ungeklärt ist allerdings, wie die Leitungen an das Starkstromnetz der Deutschen Bahn angeschlossen werden. Absprachen mit dem Konzern „sind immer schwierig“, sagt Retter, „vorsichtig ausgedrückt“. Dies sei nicht mit Unwillen zu erklären, sondern mit den Hierarchie-Ebenen des Unternehmens. Die nächste Versorgungsstation mit Starkstrom steht rund einen Kilometer vom Böblinger Bahnhof entfernt. Strittig ist, wo die Leitung verlegt werden soll. Bisher hat die Deutsche Bahn sieben Vorschläge dazu abgelehnt. Ein Anschluss ans gewöhnliche Stromnetz ist mangels Spannung unmöglich, es sei denn, der Landkreis würde sein eigenes Umspannwerk bauen lassen. Was wiederum „wirtschaftlich jenseits von gut und böse wäre“, sagt Retter.

Das Problem der letzten Weiche ist nicht nur eines der Absprache, sondern ein Grundsätzliches. Das Böblinger Stellwerk „ist Uralttechnik, an die sich nur noch wenige Kollegen erinnern“, sagt Retter, „da muss was gebastelt werden“. Ein Stellwerk ist die Schaltzentrale jedes Bahnhofs. Wie die Uralttechnik in Einklang mit der künftig modernsten Technik der Schönbuchbahn zu bringen ist, muss erst erdacht werden. Bisher wurde dies schlicht noch nie versucht. Sofern der Zusammenschluss gelingt, darf die letzte Weiche noch immer nicht umgestellt werden. Nach grundlegenden Eingriffen erlischt die Betriebsgenehmigung von Stellwerken, aus Sicherheitsgründen. Das Eisenbahnbundesamt muss die neue Schnittstelle genehmigen. „Das sind unsere zwei offenen Flanken“, sagt Retter, „ich bin sicher, dass wir eine Lösung finden, aber ich weiß noch nicht wann“. Folglich ist unklar, zu welchem Termin der Landkreis zur feierlichen Einweihung der Trasse einladen kann.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: