Sänger Johannes Strate gab alles. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

In Zeiten von Corona laufen die Konzerte anders ab. Am Freitag spielten Revolverheld auf dem Cannstatter Wasen vor einem Publikum, das im Auto saß. Trotzdem hatte es etwas von Urlaub. Urlaub im Autokino.

Stuttgart - „Und heute im Autokino, nee?“, ruft er. Johannes Strate steht am Freitagabend mit Bart und tropischem Hemd auf der Bühne. Strate ist der Sänger von Revolverheld. Gerade begannen sie ihr Stuttgarter Konzert mit dem Hit „Freunde bleiben“. Revolverheld und Stuttgart sind alte Bekannte, die Band spielte oft schon in der Stadt – Johannes Strate erinnert sich an das LKA, die Röhre, den Killesberg, die Porsche-Arena, und er ist sich sicher: erst wenn man in ihrem Autokino gespielt hat, als Musiker, dann kennt man eine Stadt richtig gut.

Bei diesem Autokino freilich handelt es sich um einen Platz, auf dem, unter anderen Bedingungen, Zehntausende feierten. Nun füllen viele Autos den Cannstatter Wasen weitaus nicht vollständig. Eine Leinwand trägt das Bild von Revolverheld bis in die hinteren Reihen. Ihre Musik ist für die Besucher des Konzertes bei moderater Lautstärke im Freien vernehmbar, wird aber durch unzählige Autoradios verstärkt.

Wagendach als Tanzfläche

Erst lauscht das Gros der Konzertbesucher noch im Fahrzeug, später stehen viele in geöffneten Wagentüren, sitzen sich Paare in heruntergelassenen Seitenfenstern gegenüber; ein Kind tanzt auf einem Wagendach. Das Bedürfnis, das Konzert auch unter den gegebenen Bedingungen zu einem Gemeinschaftserlebnis werden zu lassen, ist unverkennbar stark.

Und Revolverheld wollen das natürlich auch. Johannes Strate, Kristoffer Hünecke, Nils Kristian Hansen und Jakob Sinn, live begleitet von Chris Rodriguez am Bass und Arne Straube an den Keyboards, erleben in Stuttgart einen Abend mit glänzendem Hochsommer-Feeling, einer Sonne, die hinter ihnen langsam auf die Stadt herabsinkt: „Urlaub im Autokino!“, ruft Johannes Strate.

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Revolverheld wurden vor 15 Jahren bekannt. Sie sangen Lieder für junge Menschen, die langsam und trotzig erwachsen wurden, Liebeskummer hatten, feiern wollten und an sich glauben. Revolverheld sind nun selbst knapp 40 Jahre oder älter. Auf ihrem jüngsten Album „Zimmer mit Blick“ von 2018 suchen sie nach neuen Themen. Sie feiern noch immer gerne und gehen in die Vollen, spielen aber auch Balladen wie „Unsere Geschichte ist erzählt“ – traurig desillusioniert, ein Beziehungsroman, der mehr als 700 Seiten füllt.

Der Trotz, der Wille guter Dinge zu sein und sich nicht unterkriegen zu lassen – sie sind geblieben und stehen Revolverheld gut zu Gesicht, auf dem Cannstatter Wasen, in den Zeiten von Corona. Und so jonglieren die Hamburger auch ein wenig mit der seltsamen Stimmung dieses Sommers. Ihr Applaus erreicht sie über Scheibenwischer, Lichthupe und Applaus-App – „Das fühlt sich an wie früher!“, ruft ein Revolverheld. „Oh Gott, ich muss weinen!“, ruft der andere. „Schön, dass Ihr da seid und dass Ihr echt seid!“, rufen sie ins Publikum.

Neues Album fast fertig

Schwierig wird es beim Mitsing-Part; besser gelingen die kurzen Soli im Stück „Ich kann nicht aufhören, unser Leben zu lieben.“ Allerdings: Wenn Johannes Strate singt: „So wie jetzt wird’s nie wieder sein“, dann klingt das irgendwie seltsam, im Sommer 2020.

Revolverheld, diese gute Nachricht bringen sie, haben während des Lockdowns mit der Arbeit an einem neuen Album begonnen, sie haben es fast fertiggestellt. Sie covern in Stuttgart, weil das sehr gut zur Diskussion des Tages passt, den Song „Denkmal“ von Wir sind Helden, nachdenklich und mit Piano-Intro. „Liebe auf Distanz“ heißt das erste Lied ihrer Zugabe; „Lass uns gehen“ das zweite und letzte. Die Autos drehen bei, und die Fans von Revolverheld nehmen ein wenig vom Glück und der Melancholie dieses Abends mit nach Hause.

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