Foto: dpa

Die Organisation Les Morts de la Rue (Tote der Straße) führt detailliert Buch über das Sterben von Obdachlosen. Bereits 327 von ihnen sind in diesem Jahr ums Leben gekommen.

Paris - Die Organisation Les Morts de la Rue (Tote der Straße) führt detailliert Buch über das Sterben von Obdachlosen. Bereits 327 von ihnen sind in diesem Jahr ums Leben gekommen. Mit dem Aktionsplan Grand Froid (Große Kälte) stemmt sich Frankreich nun gegen den kalten Tod auf der Straße.

Weil die vorhandenen Unterkünfte für die über 100.000 SDF (sans domicile fixe, ohne festen Wohnsitz) aus allen Nähten platzen, werden im Ernstfall Turnhallen zu Notasylen umfunktioniert. In Paris öffnen die ersten Kirchen ihre Pforten.

Auf dem weitläufigen Gelände des altehrwürdigen Hôpital Salpêtrière, nur einen Steinwurf von der Gare d'Austerlitz entfernt, hat die vom legendären Abbè Pierre gegründete Hilfsorganisation Emmaus eine Anlaufstelle eingerichtet. Jeden Tag finden sich hier an die 200 Männer und Frauen ein, um sich aufzuwärmen. Die meisten sind SDF, immer häufiger treibt einfach nur bittere Armut die Menschen hierher.

Morgens um viertel nach neun stehen sie an für eine Tasse Kaffee und knusprige Baguettes, eine Spende der umliegenden Bäckereien. 38 Jahre lang war Obdachlosigkeit für Marc (54) ein Fremdwort, zuletzt verdiente er seine Brötchen als Lkw-Fahrer. "Ich war überall, sogar in Moskau", erzählt er. Doch vor ein paar Jahren fuhr er sein Leben ziemlich gegen die Wand: zuerst die Trennung von seiner Frau, dann der Alkohol und die Arbeitslosigkeit, nun der völlige Absturz. Marc steht neben sich selbst, er lebt im Exil vom Selbst, so die philosophische Umschreibung des Obdachlosendaseins. "Seit sieben Monaten lebe ich auf der Straße", berichtet er und fügt hinzu: "Im Sommer habe ich auf einer Parkbank geschlafen, das geht jetzt leider nicht mehr."

Mit mehr als 25.000 Obdachlosen ist der Großraum Paris die Hauptstadt des Elends. Von der verklärenden Clochard-Romantik unter den Brücken der Seine ist bei dieser grimmigen Kälte jedoch keine Spur. Ein Heer von Helfern, darunter viele Ehrenamtliche, ist rund um die Uhr im Einsatz, um frierende Männer und Frauen in Sicherheit zu bringen. Wer eine hilflose Person entdeckt, braucht nur die speziell eingerichtete, kostenlose Notrufnummer 115 zu wählen, und kurz darauf ist ein Helferteam des sogenannten Samu Social zur Stelle. Zusätzlich zu den bereits vorhandenen Schlafstellen hat der Große-Kälte-Plan allein in Paris über 2000 provisorische Betten geschaffen. Marc hat nach langer Suche einen Platz bei der Organisation Restos du Cœur gefunden, den Restaurants der Herzen.

Ohne die vielen Schutzengel wären die Obdachlosen verloren. Neuerdings hat sogar Carla Bruni-Sarkozy, die Frau des Staatspräsidenten, ihr Herz für die Clochards entdeckt. Nicht weit von ihrer Wohnung im schicken 16. Arrondissement unterhält sich die Première Dame regelmäßig mit einem Mann namens Denis. "Ich bleibe manchmal stehen, um ihn zu grüßen, und dann reden wir sehr schnell über Literatur und Musik", schilderte die Präsidentengattin dem Obdachlosenblatt "Macadam" ihre fast schon freundschaftliche Beziehung. Angeblich wollte der Präsident ihn im Winter in einem Hotel unterbringen. Doch das hat Denis abgelehnt, er zieht die Freiheit im Freien vor.

Hubert, Mohamed, Rachid und Jean-Pierre hingegen haben das Wohnungsangebot nicht ausgeschlagen. Sobald die Dunkelheit anbricht und die Temperaturen noch tiefer unter den Gefrierpunkt fallen, ziehen sie von ihrem Tagesquartier am Kanal La Villette zur Kirche Saint-Jacques-Saint-Christophe. Seit einer Woche hat Pfarrer Bernard Queruel die Pforten seiner Basilika für frierende Obdachlose geöffnet. Ein 20-köpfiges Helferteam aus der Gemeinde betreut die Bedürftigen. Sie erledigen die Einkäufe, kochen das Abendessen, plaudern mit den Gästen und geben ihnen so ihre verlorene Würde zurück. Besonders anrührend: Einer der Helfer ist kürzlich aus dem Gefängnis entlassen worden. "Er möchte jetzt etwas Gutes tun", sagt der Pfarrer.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: