Der Journalist Jörg Armbruster (der Erste von links) gilt als einer der renommiertesten Experten für die arabischen Länder. Er ist auch ein gern gesehener Gast in Talkshows. Am 22. Juni diskutierte er mit Politikern und Publizisten bei „Günther Jauch“ über den Feldzug der ISIS-Extremisten im Irak. Foto: imago stock&people

Das Hoffeld hatte Anfang dieser Woche prominenten Besuch: Jörg Armbruster, der Nahost-Korrespondent für die ARD, war zu Gast bei der evangelischen Kirchengemeinde und hat aus dem Nähkästchen geplaudert.

Hoffeld - Jörg Armbruster ist ein Mann, der es nicht nötig hat, sich selbst bierernst zu nehmen. Er beginnt seinen Parforceritt durch die Wirren des Mittleren Ostens vor den Zuhörern im Gemeindesaal der Hoffeldkirche mit einem Scherz. Glück habe er ja, dass an diesem Abend kein Fußballspiel sei, sagt er angesichts der bis auf den letzten Platz besetzten Reihen.

Am Ende der Veranstaltung wird klar sein, dass die Menschen im Publikum wohl auch ein Fußballabend hätten sausen lassen, um dem Nahostkorrespondenten zuzuhören. Die Fragen an den Reporter nehmen nach dem eineinhalbstündigen Vortrag kein Ende. Als Armbruster nach der Veranstaltung an einem Tisch sein neues Buch über die Region signiert, ist die Schlange lang. An der Ausgangstür füllt sich derweil ein Kollektenbeutel mit Scheinen statt Münzen. Sie sollen den Grünhelmen Rupert Neudecks zugute kommen, die von der Türkei aus Hilfe in die von der Versorgung abgeschnittenen Rebellengebiete Syriens bringen.

2011 hat er den Rücktritt Mubaraks verkündet

Es ist sicher die Aura Jörg Armbrusters, die das Publikum in Hoffeld in den Bann zieht. Da sitzt der Mann vor den Zuhörern, der 2011 während einer Live-Schaltung nach Kairo den Deutschen die Nachricht vom Rücktritt Hosni Mubaraks verkündete. Da sitzt der Mann auf dem Podium, der seit Beginn des arabischen Frühlings in Nachrichten und Talkshows immer wieder die Häutungen und Schüttelkrämpfe der Region erklärt. Da sitzt letztlich der Mann, der auch nach seiner Pensionierung 2012 im vergangenen Jahr noch einmal in den syrischen Bürgerkrieg reist und beinahe nicht mehr zurückkommt.

Seine schwere Verletzung macht der Reporter nicht zum Thema an diesem Abend. Es bleibt den Zuschauern überlassen, sich zu fragen, ob und wenn ja, welche Spuren die Verletzung bei dem Journalisten hinterlassen hat. Armbruster macht stattdessen, was was er am besten kann. Mit großer Sachkenntnis und analytischer Schärfe entwirrt Armbruster das Knäuel von Machtinteressen im Mittleren Osten in zumindest leichter verdaubare Häppchen.

Es gibt nicht eine Quelle für diese Art der Gewalt

Diese noch nie leichte Aufgabe ist in den vergangenen Wochen noch schwieriger geworden. Der Grund sind die schwarzmaskierten Krieger des sogenannten „Islamischen Staates in Irak und Syrien“ (ISIS), die für die auf die Ukraine blickende Weltöffentlichkeit überraschend im Irak ganze Regionen erobert haben. Armbruster nimmt sich die Zeit, das Phänomen ISIS zu erklären, um das sich viele Mythen ranken.

Er stellt klar, dass es nicht eine Quelle gibt für das Erstarken der überaus rabiaten Gotteskrieger. Das Assad-Regime, das ISIS vorgibt bekämpfen zu wollen, pflegt mit den radikalsten Dschihadisten eine Art Interessengemeinschaft gegen den Rest der bewaffneten Anti-Assad-Opposition.

ISIS habe das Zeug zum neuen Gesicht des Dschihadismus

Im Irak helfen enttäuschte Anhänger des früheren Diktators Saddam Hussein ISIS ebenso wie Sunniten, die sich laut Armbruster zu recht von dem schiitischen Ministerpräsidenten Maliki diskriminiert fühlen. ISIS habe derweil das Potenzial, zum neuen Gesicht des internationalen Dschihadismus zu werden. „ISIS könnte es schaffen, Al Quaida auf das Altenteil zu schicken“, sagt Armbruster. Die Organisation spreche geschickt die Instinkte junger frustrierter Männer an. Von denen gäbe es angesichts einer Kette ungelöster Problem viele in der Region. Der Reporter unterstreicht, das menschliche Leid, das nicht zuletzt ISIS über die syrische Bevölkerung bringt. Denn ISIS vertreibt die einheimische sunnitische Bevölkerung, während sie andere religiöse Gruppen erbarmungslos ausmerzt. Der Reporter fordert Solidarität mit den Zivilisten in Syrien und Hilfe für die fast vergessenen Kräfte der Zivilgesellschaft. Sie haben den Aufstand gegen die Diktatur 2011 als friedlichen Protest initiiert, werden aber inzwischen im Schraubstock zwischen Regime und Islamisten aufgerieben.

Armbruster sagt dann doch noch einen Satz über seine Verwundung. Er äußert seinen Respekt für die syrischen Ärzte, die ihm das Leben gerettet haben und in Lebensgefahr ausharren, weil sie wissen, dass sie gebraucht werden. „Solchen Menschen müssen wir helfen“, sagt Armbruster.

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