Aus aller Welt gekommen, bei Atlanta zuhause: Beschäftigte des Antriebssysteme-Herstellers bei der Probe für die „kollaborative Aufführung“ im Kronenzentrum Foto: factum/Granville

Die Firma als Arche, die Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammenbringt und ihnen sogar ein Stück Heimat wird? Mitarbeiter von Atlanta Antriebssysteme in Bietigheim-Bissingen sehen das so – und zeigen in einer Performance, was ihnen ihr Unternehmen bedeutet.

Bietigheim-Bissingen - Pathos scheut Cateno Baiunco nicht. „Ich liebe diese Firma“, sagt der 50-Jährige über seinen Arbeitgeber. Woanders sein Brot zu verdienen als bei Atlanta, das kann er sich kaum mehr vorstellen. Und das, obwohl er, als er einst von Sizilien nach Deutschland kam, nur einen Ferienjob machen wollte. Zuhause hatte er eine Marine-Karriere angestrebt, „und außer eins, zwei, drei, vier, fünf und Kartoffel hab’ ich kein Wort Deutsch gekonnt“, erinnert er sich lachend. Heute koordiniert er die Transport-Abteilung von Atlanta und lässt mit Vorliebe seine Gabelstapler-Fahrkünste zum Einsatz kommen.

Pia Lanzinger: „Jeder für sich ist ein Original“

Warum er sich bei dem Unternehmen für Antriebstechnik – es wurde 1929 von Eugen Seidenspinner gegründet und beschäftigt heute rund 300 Mitarbeiter – , so wohl fühlt, tut Cateno Baiunco an diesem Dienstagabend öffentlich kund. Statt ins Werk 1 in der Carl-Benz-Straße begibt er sich ins Kronenzentrum vor das Publikum. Ebenso wie die Maschinenbauingenieurin Andrea Gansemer oder der Gratmaschinen-Bediener Gurprit Singh Kurana. „Ich verdanke der Firma so viel“, erklärt Kurana. „Da will ich etwas zurückgeben. Auch wenn ich noch nie im Leben auf einer Bühne gestanden habe.“

Industriearbeiter als Darsteller? Pia Lanzinger, die das Projekt „Arche Atlanta – eine kollaborative Aufführung“ als heitere, nachdenkliche, auch mal traurige Szenen- Collage konzipiert hat, ist angetan von ihren Protagonisten: „Es sind tolle, auratische Typen. Jeder für sich ist ein Original.“ Lanzinger wurde für das regionale Produktionskunst-Festival „Drehmoment“, das Kunstschaffende und Firmen zusammenbrachte, mit Atlanta verkoppelt. Schnell war die in Berlin lebende Künstlerin von den Biografien der internationalen Belegschaft in den Bann gezogen, schnell stand fest, dass sie diese Menschen im Mittelpunkt ihrer Arbeit für das Festival rücken wollte. Für ihren Beitrag in der Städtischen Galerie in Bietigheim, der bis 14. Oktober zu sehen ist, schuf sie Fotoporträts der Beschäftigten an ihren Arbeitsplätzen, gruppierte sie um eine große, stilisierte Zahnstrange – das meisthergestellte Produkt von Atlanta – und pflanzte ein riesiges Zahnrad darauf. Das Motto „Arche Atlanta“ habe sich geradezu angeboten, findet sie, sei die Arche doch „Metapher für einen rettenden Ort und für eine stabile Grundlage in schwankender Umgebung – mit Kurs auf eine wünschenswerte Zukunft“.

Blendende Aussichten

In dem schwäbischen Unternehmen sieht sie ein Paradebeispiel, um Migrationsgeschichte zu beleuchten, denn die Beschäftigten verschlug es aus aller Herren Länder hierher. Manche sind auch Rückkehrer, deren Vorfahren einst in der Hoffnung auf bessere Zeiten auswanderten. Bei Atlanta, so Lanzingers Eindruck, fühlen sie sich angekommen und angenommen: „Ich war total überrascht, wie empathisch die Mitarbeiter über ihre Firma sprechen. Sogar junge Leute wollen am liebsten bis zur Rente bleiben.“

Auch für den 29-jährigen Gurprit Singh Kurana wäre das eine blendende Aussicht. Er wurde in Kabul geboren, hat indische Wurzeln, kam als Kleinkind nach Deutschland. Seine Stukkateurlehre konnte er nach einem Unfall nicht beenden, über eine Leiharbeitsfirma kam er als Hilfsarbeiter zu Atlanta. „Ich wurde aufgenommen, als sei ich schon immer einer von ihnen“, sagt er. Kurana wurde übernommen, bekam einen unbefristeten Vertrag, baute sich mit dieser Sicherheit ein Haus und ist demnächst Familienvater. „Ich sehe ein bisschen exotisch aus und bin öfter schon als Taliban oder Mujahedin beschimpft worden“, erzählt er. „Dabei bin ich kein Muslim, sondern Sikh. Aber hier in der Firma habe ich nie einen blöden Spruch gehört. Ich kann hier sein, wie ich bin. Es gibt eine große familiäre Verbundenheit.“

Die Arche hat Anker geworfen

Eine eigene Migrationsgeschichte hat Andrea Gansemer: „Ich bin als Frau in einen Männerberuf migriert, und das im gebärfähigen Alter und zu einer Zeit, als es 50 Bewerbungen auf eine Stelle gab.“ Bei Atlanta arbeitet die 56-Jährige seit 23 Jahren in der Konstruktion. „Falls es Vorbehalte gab, waren die Kollegen jedenfalls sehr diskret damit“, sagt die Rheinhessin.

Mit der „kollaborativen Aufführung“ will Pia Lanzinger die Menschen, die sie porträtiert hat, zu Wort kommen lassen. Ein gutes Dutzend Atlanta-Beschäftigter wagt das Experiment. Dass die Arche Anker geworfen hat, versinnbildlicht eine kleine, feine Probenszene. Die Mitarbeiter sind je nach der Himmelsrichtung, aus der sie stammen, auf der Bühne verteilt, und nennen ihre Herkunftsländer. Libanon, Tunesien, Kasachstan, Italien, Griechenland, so schallen die Rufe. Als es in einer zweiten Runde darum geht, wo die Mitarbeiter nun daheim sind, hört man: Ingersheim. Tamm. Kornwestheim. Bietigheim.

Die Aufführung beginnt am Dienstag, 9. Oktober, um 19.30 Uhr im Kronenzentrum Bietigheim-Bissingen.

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