Mobbing in den sozialen Medien ist ein Problem, vor allem unter Jugendlichen. Foto: dpa

Bei einigen Jugendlichen ist es gerade angesagt, über die App Tellonym anonyme Nachrichten an Freunde zu verschicken. Meist sind es Komplimente. Die Plattform Klicksafe indes hält die App für problematisch.

Stuttgart - Manchmal möchte man einer Person gerne etwas sagen, traut sich das aber nicht persönlich. Immer mehr junge Menschen nutzen daher die App Tellonym, mit der man Freunden und Bekannten anonym etwas mitteilen kann. „Damit möchten wir eine Konversation ohne soziale Zwänge ermöglichen“, sagt Maximilian Rellin, Miterfinder der App. Zum Beispiel könnte man einer Person schreiben, dass sie gut aussieht. Die Anonymität sei hierfür ein geeignetes Mittel Angst vor Zurückweisung entgegenzuwirken.

Ob die angeschriebene Person auf den Kommentar antwortet, kann sie selbst entscheiden. Kommentiert sie die Nachricht, können andere Nutzer öffentlich an der Diskussion teilnehmen. Außerdem kann eine solche Diskussion per Link auf anderen anderen sozialen Medien wie Instagram oder Snapchat geteilt werden. Vor allem bei jungen Mädchen sei Tellonym beliebt, sagt Rellin. Von den täglich und weltweit mehreren Millionen Nutzern unter 24 Jahre seien drei Viertel weiblich.

Ein hohes Bedürfnis nach Anerkennung haben gerade junge Menschen, die sich in der Entwicklung befinden, und wo es um Fragen der eigenen Identität geht, sagt Birgit Kimmel, die Leiterin der EU-Initiative Klicksafe. Im Offline-Leben sei diese Möglichkeit weniger gegeben als im Netz. Online erreichen die Menschen eine breitere Öffentlichkeit, zum Beispiel für ein Fotoshooting mit der Freundin.

„Teenager glauben häufig, mit verletzenden Kommentaren gut umgehen zu können“

Aus Gesprächen mit Jugendlichen weiß Kimmel, dass diese denken, für ihre Veröffentlichungen eher positives als negatives Feedback bekommen. Doch die Funktion, jemandem etwas anonym mitzuteilen, hält sie für problematisch. Es bestehe ein Risiko von Belästigungen, auch sexueller Natur.

„Häufig glauben Teenager mit verletzenden Kommentaren gut umgehen zu können“, erläutert Kimmel. Doch wie leicht oder eben schwer dies fällt, hänge von der jeweiligen Persönlichkeit ab, und ob die Betroffenen Unterstützung erhalten beziehungsweise sich Hilfe holen. Daher empfiehlt sie den Nutzern von Tello, darüber nachzudenken, ob man überhaupt auf beleidigende Kommentare antwortet. Vor dem Abschicken einer Nachricht müsse man sich zusätzlich darüber Gedanken machen, welche Informationen man über sich preisgibt. Auch über einen Kommentar müsse reflektiert werden: „Schreibe ich etwas, das den anderen beleidigen könnte?“

Wie bei allen sozialen Medien sei auch bei Tellonym die Gefahr von Cybermobbing vorhanden. Wird zum Beispiel geschrieben: „Du siehst nur mit Filter gut aus“, könne die psychosoziale Belastung durchaus hoch sein. Ist ein verletzender Satz einmal in der Öffentlichkeit, sei es für die betroffene Person immer relevant zu wissen: „Wie viele haben davon bereits erfahren? Wem kann ich noch vertrauen?“, sagt Kimmel.

App könnte Misstrauen zwischen Jugendlichen steigern

Studien haben laut Kimmel gezeigt, dass Cybermobbing in den wenigsten Fällen durch völlig Fremde geschehe. Häufig seien es Freunde, Klassenkameraden oder Bekannte. Dies sei besonders problematisch, weil Betroffene nie genau wissen, wer den Vorfall schon kennt, und sich vielleicht hinter deren Rücken schon längst lustig macht.

Neueste Forschungen zeigten zudem, dass Mobbing unter Kindern und Jugendlichen offline und online nicht getrennt voneinander passiere. „Jugendliche leben in beiden Welten“, so Kimmel. Deshalb sei es nachvollziehbar, dass Betroffene beispielsweise in der Schule und auch im Netz gemobbt werden. Ein Konflikt beginne auf Tellonym und werde in der Schule weiter geführt, oder umgekehrt.

Nach Angaben des App-Mit-Entwicklers Maximilian Rellin gebe es in den Konversationen durchaus unangebrachte Inhalte. „Offensichtlich ist das ein Problem der Anonymität“, sagt der Jungunternehmer, der das Thema mit seinem Team sehr ernst nehme. Im sei bewusst, dass sie Verantwortung gegenüber den jungen Nutzern haben. Daher sollen Sprachfilter Ausdrücke aussortieren und unangemessene Themen blockieren.

Mehr Feedback-Runden im Offline-Leben

In diesem Zusammenhang sei es für Kimmel problematisch, dass die App in den Online-Stores für unterschiedliche Altersstufen wie neun oder zwölf Jahre angeboten werde, obwohl die EU-Datenschutzverordnung solche Apps erst ab 16 Jahre erlaube. Zwar werde vor dem Download das Alter abgefragt, überprüft werde es aber nicht. Daher sei es laut Kimmel wichtig, dass sich Eltern die App mit ihren Kindern vor Gebrauch gemeinsam anschauen. Die höchstmöglichen Sicherheitseinstellungen, wie das Blockieren oder Melden einer Person, sollten beachtet und gemeinsam eingestellt werden.

Egal mit welchen Einstellungen die App genutzt wird, das natürliche Bedürfnis nach Anerkennung bleibe, sagt Kimmel. Da es so hoch sei, sollte es die Möglichkeit geben in anderen Kontexten positives Feedback zu bekommen und wertschätzendes Verhalten einzuüben – zum Beispiel im Elternhaus oder in der Schule. Kimmel empfiehlt regelmäßige Feedback-Runden im Klassenzimmer. „Kontinuierliche Kommunikationsräume für die Klassengruppe zu erschaffen, erachte ich als besonders wichtig, denn hier sollte immer auch Raum gegeben werden, um Konflikte zu besprechen.“, sagt die Leiterin der EU-Initiative Klicksafe. Denn prosoziales Verhalten zu fördern, sei eine besonders wichtige Präventionsmaßnahme gegen Mobbing.

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