Muss sich vor Gericht verantworten: Martin Winterkorn Foto: dpa

Das Landgericht Braunschweig erhebt Anklage gegen Winterkorn im Dieselskandal. Das ist ein richtiger Schritt, meint Redakteurin Anne Guhlich.

Stuttgart - Als die Kunde über die Anklage des ehemaligen VW-Chefs Martin Winterkorn immer größere Kreise zog, verschickte Volkswagen zwei Pressemitteilungen. Doch darin geht es nicht um den Abgasskandal, sondern um die Automesse in Shanghai. Volkswagen will dieses Jahr acht neue SUV in China auf den Markt bringen, lautet eine Botschaft. Und die zweite: Bis 2028 werden mehr als die Hälfte der vom Konzern geplanten 22 Millionen E-Autos in China produziert.

Deutlicher kann der größte Autobauer der Welt nicht zeigen, dass es beim Thema Abgasskandal offenbar zwei Realitäten gibt: die Realität der Autohersteller und die Realität der restlichen Welt.

Während die einen so tun, als sei das Thema Abgasskandal erledigt und die Bahn längst frei für die großen Zukunftsthemen, fragen sich die anderen immer noch: Wer genau trägt eigentlich die Verantwortung für diesen beispiellosen Betrug, der die gesamte Branche seit 2015 in eine historische Krise gestürzt hat? Nach vorne zu schauen ist überlebenswichtig; die Automanager täten aber auch gut daran, die Schummel-Vergangenheit zu bewältigen.

Der Dieselskandal holt die Branche immer wieder ein

Denn so sehr sich die Branche um Normalität bemüht, so klar ist auch: Der Abgasskandal holt die Autoindustrie immer wieder ein. Das zeigt das Beispiel des beharrlich auf Unschuld pochenden Daimler-Konzerns, gegen den am Wochenende ein weiterer Verdacht der Abgasmanipulation öffentlich wurde. Und das zeigt einen Tag später schonungslos die Anklage Winterkorns durch die Staatsanwaltschaft Braunschweig. Neu ist, dass es bei der Anklage erstmals nicht mehr nur um einfache Ingenieure aus dem mittleren Management geht. Endlich!

Bislang galt die US-Justiz als Tempomacher bei der Aufarbeitung des Abgasskandals. In den USA wird Winterkorn zwar per Haftbefehl gesucht. Aber da Deutschland ihn nicht in die USA ausliefert, folgt daraus nichts. Stattdessen sitzen die einstigen VW-Mitarbeiter James Liang und Oliver Schmidt in den USA im Gefängnis, während Winterkorn in Deutschland auf freiem Fuß ist – bei einem Ruhegehalt von 3100 Euro am Tag.

Dass aber ausgerechnet ein detailverliebter Autoboss wie Winterkorn, der im Konzern mit harter Hand regiert hat, nichts von den Machenschaften gewusst haben soll, war von Anfang an unglaubwürdig. Es wird Zeit, dass sich die Gerichte mit der Frage befassen, wie tief die Automanager der ersten Führungsebene in den Abgasskandal verstrickt sind.

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