Das Schreiben müssen auch manche Erwachsene lernen. Foto: picture alliance / B./Bernd Wüstneck

Ein Kongress in Filderstadt hat sich mit der Lese- und Rechtschreibschwäche von Erwachsenen befasst. Kultusministerin Eisenmann (CDU) würdigt Initiativen wie „Deutsch und Mathematik für Köche“.

Filderstadt - Der Begriff Analphabet trifft bei Erwachsenen mit Lese- und Rechtschreibschwäche nicht zu, denn einige verfügen ja über Kenntnisse im Schreiben und Lesen – wenngleich nicht in ausreichendem Maße. Vom „Leben mit geringer Literalität“ sprechen die Bildungsforscher, und folgt man der sogenannten Leo-Studie der Universität Hamburg – die am Freitag auch auf einem Fachkongress zur Grundbildung in Filderstadt diskutiert worden ist – dann sind bundesweit 6,2 Millionen Menschen betroffen, also 12,1 Prozent der Erwerbsbevölkerung. Bricht man die Zahl auf Baden-Württemberg herunter – eine Landesstatistik gibt es dazu nicht – dann wären im Südwesten 750 000 Menschen betroffen, so eine Einschätzung des Kultusministeriums in Stuttgart.

Wegen Corona fielen viele Kurse aus

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) bezeichnete die Grundbildung als „elementar“ für die Gesellschaft und die Betroffenen, und das jetzt wegen der Corona-Krise zahlreiche Kurse ausgefallen sind, das sei ein Problem. Der Bund und die Länder hatten vor vier Jahren die „Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung“ ins Leben gerufen, auch im Südwesten gibt es ein Bündel von Maßnahmen und neun sogenannte Grundbildungszentren.

„Aber trotz Corona und ausgefallener Kurse haben viele Betroffene die Hilfe von den Kursleitern erhalten, sei es telefonisch, mittels Kurznachrichten oder über eine Lehr-Lernplattform“, sagt Eisenmann. Sie dankte in Filderstadt dem Lehrpersonal, dessen Arbeit sei „wichtig für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft – und das nicht nur in der Krise“.

Wenn Köche Deutsch und Mathe lernen

Wer nicht lesen und schreiben kann, der wird sich auch im Internet nicht bewegen können, weshalb die Digitalisierung im Mittelpunkt der Fachtagung – dem zweiten Grundbildungstag – stand. Das Digitale sei auch ein Bestandteil einer „Landesstrategie für Alphabetisierung und Grundbildung“, die Eisenmann noch vor Jahresende ins Kabinett einbringen will. Baden-Württemberg will mit diesem Konzept- an dem fünf Ministerien mitarbeiten – als erstes Flächenland ein Vorreiter sein. Und von 2022 an sollen Mittel des europäischen ESF-Programms für diese Aufgabe beansprucht werden. Neue Grundbildungszentren sind ein Ziel. Diese Zentren seien „ein Grundpfeiler der Alphabetisierung und Grundbildung“, so Eisenmann. Mit ihnen gelinge es Netzwerke aufzubauen, um die Betroffenen in ihrem Umfeld zu erreichen. So seien Kurse wie „Deutsch und Mathematik für Köche“ entstanden.

Ein neues Gütesiegel für gute Kommunikation

Zudem werden in Freiburg und Ulm Lernzentren in bestimmten Stadtteilen gefördert. Und noch eine Neuerung wurde in Filderstadt bekannt: Vom November an soll es ein Gütezeichen geben, das Alpha-Siegel. Es geht an die Einrichtungen, die eine besonders gute Kommunikation mit den Betroffenen aufbauen – sei es nun eine Arbeitsagentur, ein Jobcenter, eine Stadtverwaltung, eine Volkshochschule oder ein Unternehmen.

Für erwachsene Flüchtlinge mit Lese- und Schreibschwächen hat das Land eigene Angebote an 40 Standorten im Rahmen des Programms BEF-Alpha. Dabei geht es nicht nur um Alphabetisierung, sondern auch um Sprach- und Berufsförderung und die Bildung eines demokratischen Bewusstseins. Über solche Kurse erreiche man über die Frauen und Mütter auch die Kinder, und das sei für die Gesellschaft besonders wichtig, so Eisenmann.

Wie ausgeschlossen die Betroffenen von der gesellschaftlichen Teilhabe sind, das macht erneut die Hamburger Leo-Studie klar. Demnach sind gering literalisierte Erwachsene nicht weniger politisch interessiert als andere, dennoch gehen nur 62,2 Prozent wählen, in der Gesamtbevölkerung sind es 87,3 Prozent.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: