Der Direktor des Amtsgerichts, Michael Kirbach, erzählt den kleinen Gästen, dass es manchmal ganz schön schwierig ist, die Wahrheit herauszufinden. Foto: Gottfried Stoppel

Rund ein Dutzend Buben und Mädchen sind auf Stippvisite beim Amtsgericht Waiblingen. Besonder spannend ist der Besuch der Zellen im Kellergeschoss.

Waiblingen - Als Zeugin fühle sie sich arg beobachtet, sagt Liliana. „Alle schauen mich an.“ Wie auf einem Präsentierteller sei das, so die Schülerin, die an diesem Vormittag zusammen mit rund einem Dutzend anderen Kindern das Amtsgericht Waiblingen besucht und eben an einem gespielten Prozess vor dem Kadi teilgenommen hat.

Während Liliana ein mulmiges Gefühl hat, ist das bei Levent, der den Richter mimt, ganz anders. Das sei doch echt cool, sagt der Bub und deutet stolz auf die Robe, die er trägt. Und auch Julian, der Staatsanwalt, ist sehr zufrieden mit seiner Rolle. Soeben wurde der Fall abgeschlossen. Ein 14-Jähriger ist wegen des Diebstahls einer CD aus einem Kaufhaus und wegen Körperverletzung vergleichsweise glimpflich davon gekommen: Er wurde vom Schöffengericht zu sechs Arbeitsstunden in einem Jugendhaus verurteilt.

Die Mädchen und Buben aus Waiblingen und aus Fellbach gucken im Rahmen des kommunalen Ferienprogramms der beiden Städte und zusammen mit der Sozialarbeiterin Patricia Kögel hinter die Kulissen des altehrwürdigen Amtsgerichts in der Bahnhofstraße. Kögel arbeitet bei der Prävent-Sozial Justiznahe Soziale Dienste gGmbH, einer Tochter des Vereins Bewährungshilfe Stuttgart. In ihrem Berufsalltag begleitet sie Opfer von Straftaten oder Zeugen – vor, während und nach Gerichtsverhandlungen.

Fußfesseln für die Angeklagten

Der Tag vor dem Kadi beginnt für die Kinder mit einem Treffen mit dem Direktor des Amtsgerichts, Michael Kirbach. Der Richter erzählt von seinem Arbeitsalltag, sagt, dass es manchmal ganz schön schwierig sei, die Wahrheit herauszufinden. Für die Gäste weit interessanter werden der Besuch der Zellen im Kellergeschoss und die Gespräche mit dem Wachtmeister Benny Rohrwasser, der seit gut zehn Jahren beim Amtsgericht arbeitet und kein Blatt vor den Mund nimmt.

Rohrwasser sagt zum Beispiel, dass er sich wünschte, dass die Eingänge der Amtsgerichte in Baden-Württemberg kontrolliert würden – so wie in anderen Ländern auch. Er fände es auch besser, wenn Angeklagte, die bereits im Gefängnis sitzen, immer Fußfesseln tragen würden. Besonders spannend ist für die Kinder die Geschichte von einem gescheiterten Fluchtversuch aus dem großen Sitzungssaal in Waiblingen.

Tageszeitung als Schlagwerkzeug

Als Rohrwasser präparierte Gegenstände zeigt, die bei Besuchern gefunden wurden, unter anderem einen Schlüssel mit messerscharfer Klinge und ein Deospray, das im Nu zu einem kleinen Flammenwerfer wird, ruft Jonas spontan: „Ich gehe nie wieder in ein Gericht.“ Selbst eine schnöde Tageszeitung könne – eng zusammengerollt – zu einem Schlagwerkzeug werden, sagt der Wachtmeister, der während seiner Dienstzeit immer im Hab-Acht-Stellung ist und alle Leute im Gericht ganz genau beobachtet. Seinen Schlagstock am Gürtel und das Pfefferspray habe er bis dato aber noch nie einsetzen müssen.

Gegen Ende dieses langen Vormittags haben ein paar Jungs endgültig genug vom Gericht und von der gespielten Verhandlung. „Ist das langweilig“, sagt einer. Wachtmeister Rohrwasser mit seiner stoischen Ruhe antwortet: „Geduld ist wichtig.“ Doch dann muss er hart durchgreifen und zwei Jungs, die nur noch Blödsinn machen, des Saales verwiesen – so wie mitunter in seinem richtigen Berufsleben.

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