Petra Hermanutz gefällt es an der Liebknechtstraße. Sie will bleiben. Foto: Schultheiss

Was, wenn man aus der Wohnung raus soll – aber nicht will? So geht es dem Ehepaar Hermannutz. Die Häuser der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft in Stuttgart-Vaihingen sollen dem Allianz-Neubau weichen. Und nun?

Vaihingen - Am Rande der Gewerbeballung in würfelförmiger Welteinheitsarchitektur des Synergieparks wirkt das Ensemble der in die Jahre gekommenen Reihenhäuser an der Liebknechtstraße wie ein liebenswertes Relikt vergangener Zeiten. An einigen der Häuser sind die Jalousien geschlossen, auch die Hausnummern sind nicht mehr sichtbar. Drei weitere der ockerfarbenen Reihenhäuser wirken bewohnt, und Bobbycars, Kinderwagen und Spielzeug vor dem Haus 43 signalisieren: Hier ist pralles Leben, aber wie lange noch? Ein Schild am Eingang trägt den Schriftzug „Kein Abriss unserer Häuser, Wir wollen hier bleiben.“ Der Schatten des Allianz-Neubaus liegt über der Siedlung.

Im Haus 43 wohnt das Ehepaar Hermanutz. Der Ehemann Reiner arbeitet bei der Stadt, seine Frau Petra lebt inmitten einer kleinen Schar von Kindern. Als Tagesmutter und Hausfrau hält sie die Stellung. „Ich habe Einzelhandelskauffrau gelernt, bin aber seit 30 Jahren daheim“, sagt die 56-Jährige. Im Jahre 2013 habe sie vom Jugendamt Kinder zugewiesen bekommen. Sie wirkt glücklich mit den Kindern, die in der Wohnung spielen und herumtollen, aber sie ist auch bedrückt.

Auf das Schild am Hauseingang angesprochen, sagt sie: „Ich weiß, das bringt nichts.“ Irgendwann wird sie ihre Umgebung verlassen müssen, so wie die meisten ihrer Nachbarn: „Uns gefällt es hier sehr. Wir waren so eine tolle Gemeinschaft, fast wie eine Familie.“

Der Verkehr im Bereich der Liebknechtstraße wird immer schlimmer

In den 1950er Jahren sind die Wohnungen für Mitarbeiter der Stadt entstanden. „Wir sind die Letzten, die hier noch über die Stadt mieten“, sagt Petra Hermanutz. Die Landeshauptstadt habe die Gebäude schließlich ihrer Tochter, der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) übergeben, die sie jetzt an die Allianz verkaufe, welche die Häuser abreißen lassen will, um dort zu bauen.

Neun Familien sind schon weggezogen. Sie leben übers Stadtgebiet verstreut: in Möhringen, Giebel, Dürrlewang und auf der Rohrer Höhe. Von der SWSG haben sie zwar Ersatzwohnungen bekommen, aber die familiäre Nachbarschaft ist Vergangenheit, obwohl der Kontakt noch hält. Auch die beiden älteren Söhne des Ehepaars Hermanutz sind der unsicheren Zukunft wegen ausgezogen. „Das hat unsere Familie vor der Zeit auseinandergerissen. Jetzt sind wir noch zu dritt an der Liebknechtstraße. Der Verkehr wird immer schlimmer. Das ist der Vorgeschmack auf die Allianz-Ansiedlung“, sagt Petra Hermanutz.

Genau weiß die Tagesmutter nicht, wie es weitergehen wird: „Wir bekommen keine Kündigung. Es gibt da wohl noch ein Erbbaurecht über 99 Jahre, die SWSG könnte nur auf Eigenbedarf kündigen.“ Klar, dass sich das Ehepaar Hermanutz schon nach anderen Wohnungen umgeschaut hat. „Mein Mann ist ein alter Stuttgarter. Er hat sich schon im Olga-Areal umgesehen, aber dort ist uns die SWSG nicht entgegengekommen“, sagt Petra Hermanutz. Allerdings habe sie die Gesellschaft zur Besichtigung ihrer Wohnungen auf der Rohrer Höhe eingeladen: „Wir sind hingegangen, konnten die Wohnung aber nicht anschauen, weil Platten verlegt wurden. Wir sind uns deshalb veralbert vorgekommen. Sowieso hätten die Wohnungspreise dort unseren Geldbeutel gesprengt, denn die Miete wäre 100 Prozent teurer gewesen. Nach dieser Einladung kam von der SWSG nichts mehr.“

Eine günstige Mietwohnung zu finden ist sehr schwer

100,43 Quadratmeter ist die Wohnung an der Liebknechtstraße groß, 70 Quadratmeter davon sind Nutzfläche: „Dafür zahlen wir kalt 800 Euro. So etwas kriegen wir in Stuttgart nie wieder.“ Auf viel Platz ist das Ehepaar angewiesen. „Wir müssen unseren Sohn mitnehmen. Er wird 21 Jahre alt, aber er lernt noch und verdient zu wenig, um sich anderswo eine Wohnung mieten zu können.“

Obwohl sie den Vorgarten und die Terrasse des Hauses an der Liebknechtstraße vermissen würde, könnte sich die Familie auch eine Wohnung vorstellen. „Für die gleiche Miete wäre das auch in Ordnung“, sagt Petra Hermanutz. Allerdings sollte sie für die Arbeit als Tagesmutter möglichst im Erdgeschoss liegen. Das wäre auch gut für die beiden Katzen Cindy und Mandy, die ja auch mal ins Freie wollen.

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