Cansu Aydinogullari ist für die Heimpremiere bereit. Foto: Pressefoto Baumann

Der deutsche Volleyball-Meister Allianz MTV Stuttgart hat am Samstag (15.30 Uhr) das erste Heimspiel der Saison gegen Dresden. Mit dabei: die neue Zuspielerin Cansu Aydinogullari.

Stuttgart - Erfolg ist planbar, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Nachdem die Volleyballerinnen von Allianz MTV Stuttgart im Mai endlich das große Ziel „Meisterschaft“ erstmals in der Vereinsgeschichte perfekt gemacht hatten, begannen die Verantwortlichen um Sportchefin Kim Renkema sofort das Projekt Titelverteidigung. Alles schien auf einem guten Weg, doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Kathleen Weiß (35), die ehemalige Nationalspielerin, die als Kapitänin mit ihrer Erfahrung auf der wichtigen Zuspielposition helfen sollte, Jungnationspielerin Pia Kästner (21) weiterzuentwickeln, sagte plötzlich ab, weil sie bei der Polizei eine Ausbildung beginnen konnte.

Das traf den Verein unvermittelt, doch innerhalb einer Woche stand Ersatz parat. Dank der Kontakte von Trainer Giannis Athanasopoulos wurde die damals vereinslose Türkin Cansu Aydinogullari an den Neckar geholt. Renkema atmete auf: „Sie ist ein Glücksgriff, eine starke Spielerin, die über sehr viel Erfahrung verfügt. Wir gehen davon aus, dass sie gemeinsam mit Pia Kästner ein großartiges Duo bilden wird.“ Denkste. Denn nachdem Kästner von der Nationalmannschaft-Tournee (oder besser: -Tortur) im Sommer zurückgekommen war, wurde bei ihr eine Osteochondrose diagnostiziert, eine Verschleißerkrankung der Wirbelsäule, die erst einmal eine mehrwöchige Pause erfordert. Weshalb beim Meister schon wieder eine Lücke klafft auf der im Volleyball so wichtigen Position der Zuspielerin, auf der in sekundenschnelle die Entscheidungen für den nächsten Angriff getroffen werden.

Alexandra Bura hilft aus

Damit zumindest ein geregelter Trainingsbetrieb möglich ist, sprang Alexandra Bura aushilfsweise ein, die früher in der zweiten Mannschaft aktiv war. „Wir brauchen zwei Zuspielerinnen, um sechs gegen sechs spielen zu können“, sagt Renkema – verbunden mit einem Dankeschön an Bura.

Ein Dauerzustand ist das jedoch nicht. Was also tun? „Wir prüfen derzeit alle Optionen“, sagt die Niederländerin. Wobei es im Grunde genommen nur zwei gibt. Ruhe zu bewahren und darauf zu setzen, dass der Heilungsprozess von Kästner positiv verläuft. Renkema: „Das hoffen wir natürlich alle.“ Das Problem dabei ist, dass bei dieser Art von Rückenverletzung eine Prognose schwierig ist. Bliebe als zweite Alternative, sich nochmals extern zu verstärken. Wobei geeignete Zuspielerinnen nicht gerade im Supermarkt zu finden sind. Guter Rat ist deshalb teuer. „Jetzt jemanden zu finden, kostet Geld“, gibt der Trainer zu bedenken. Athanasopoulos setzt auf Aydinogullari, auch wenn diese beim 3:1-Sieg zum Auftakt in Münster noch Luft nach oben hatte. Was kein Wunder ist. „Sie wurde ins kalte Wasser geworfen“, sagt Renkema, fügt aber hinzu: „Sie ist keine 19 mehr.“ Sondern 27 Jahre alt.

Videos als Lockmittel

Allerdings ist Stuttgart ihre erste Auslandsstation. Als der Anruf des MTV kam, nahm sie sich fünf Tage Bedenkzeit. „Meine Familie und Freunde unterstützen mich“, sagt Aydinogullari, „und ich habe eine neue Herausforderung gesucht.“ Als erste türkische Spielerin in der Bundesliga. Wobei sie vorneweg sagt: Der Kulturschock hielt sich in Grenzen, „weil viele Türken hier in Stuttgart leben“. Etwas schwieriger ist es auf dem Feld. Ihre erste Einschätzung: „Hier wird schnell gespielt und viel wert auf die Defensivarbeit gelegt.“ An ihrem Ehrgeiz wird die Integration nicht scheitern. Bundesliga, Pokal, Supercup, Champions League – „ich will Titel gewinnen.“ Zumal sie mit Galatasary Istanbul schon in der europäischen Königsklasse gespielt hat, außerdem mit Burse und Besiktas im Challenge Cup.

Auch wenn sie aus Istanbul stammt, hat Aydinogullari die vergangenen fünf Jahr außerhalb der Hauptstadt gespielt, ist also die Trennung von der Familie gewohnt. Wobei eine Cousine der Mutter in der Nähe von Stuttgart lebt, sobald sie mal Zeit findet, will sie diese besuchen. Auf dem Volksfest war die Türkin immerhin schon: „Das war lustig“, sagt sie auf Englisch, „ich liebe die Stadt.“ Lediglich das Meer vermisst sie ein wenig.

Dafür will Aydinogullari sportlich auf einer Erfolgswelle schwimmen. „Wir denken Schritt für Schritt, der Fokus liegt immer auf dem nächsten Spiel.“ Also auf dem Dresdner SC an diesem Samstag (15.30 Uhr). Es ist ihre Premiere in der Scharrena. Die Zuspielerin ist gespannt. Denn vor der Vertragsunterschrift hat Renkema ihr schnell noch ein paar Videos mit Stimmungsszenen geschickt. Diese haben ihre Wirkung nicht verfehlt, nachdem in der Türkei im Liga-Alltag – oft unter der Woche und dann noch mittags – meist nur wenige Zuschauer kommen. Das wird nun anders sein, auch wenn es zum Heimspielstart noch 250 Karten gibt.

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