Die gewaltigen Tunnelvortriebsmaschinen im Albvorlandtunnel haben einen Durchmesser von elf Metern. Eine davon ist jetzt mit ihrer Arbeit fertig. Foto: Pressefoto Horst Rudel

Knapp zwei Jahre lang hat sich Sibylle durch den Untergrund zwischen Kirchheim/Teck und Wendlingen gefressen. Jetzt wird die 2300 Tonnen schwere Tunnelvortriebsmaschine unter Tage auseinandergenommen.

Wendlingen - Hinter den letzten Häusern von Wendlingen geht es hinunter in eine Baugrube und hinein in den künftigen Albvorlandtunnel. Dereinst sollen hier die Züge mit 250 Kilometern pro Stunde auf der Neubaustrecke zwischen Ulm und Stuttgart unterwegs sein. Jetzt sind noch die Mineure am Werk. Nach einem kurzen Stück weitet sich die enge Röhre. Plötzlich steht man in einer gewaltigen Halle unter der Erde, 250 Meter lang und 25 Meter breit. „Eine solche Kathedrale unter Tage sieht man nicht oft“, sagt Michael Frahm und schaut einmal um sich herum. Bergleute bringen Dichtungsbahnen aus Kunststoff an den Wänden an. An dieser Stelle treffen sich zwei Tunnel, hier zweigt die Güterzuganbindung zum Neckartal von der Neubaustrecke Richtung Flughafen ab. Eine gewaltige Kreuzung.

Frahm leitet für die Bahn den Tunnelbau im Abschnitt zwischen Wendlingen und Kirchheim/Teck. Zentrales Bauwerk ist der Albvorlandtunnel mit zwei Röhren, die jeweils gut acht Kilometer lang sind. Bei diesen Dimensionen lohnt sich der Einsatz von gewaltigen, je 120 Meter langen Vortriebsmaschinen. An keiner anderen Stelle der zusammenhängenden Projekte Stuttgart 21 und Neubaustrecke kommen gleich zwei davon zum Einsatz. Und für eine davon ist jetzt genau am Ende der Kathedrale unter Tage Schluss. Sibylle heißt der 2300 Tonnen schwere Koloss in der Nordröhre, der seine Arbeit jetzt erledigt hat. Schon ein Stückchen vor Wendlingen, weil die Verzweigung, in der Frahm steht, zu komplex für Sibylle ist. „Das ist ein spannender Vortrieb hier, von der Form her ein schräg liegendes Ei, das kann man nicht mit einer Maschine machen“, erläutert der Ingenieur. Deshalb kommt hier die Spritzbetonbauweise zum Einsatz. Für die Tunnelbauer ist das eine handfeste Sache: „Man sieht jeden Meter des Gebirges.“

Die erste Maschine ist fertig

Sibylle parkt derweil am hinteren Ende der Verzweigung. Das Tageslicht erblicken wird sie erst einmal nicht. Derzeit wird eine Wetterwand errichtet, um sie von der Baustelle abzuschotten und starke Luftströmungen abzuhalten. Damit es mit dem Bau weitergehen kann, wird die Maschine nicht bei Wendlingen aus dem Tunnel geholt, sondern an Ort und Stelle demontiert.

Die einzelnen Teile werden durch die Tunnelröhre zur Baueinrichtungsfläche in Kirchheim/Teck zurückgezogen. Bis Jahresende soll das dauern. Derzeit beginnen Fachkräfte damit, das im Durchmesser elf Meter große Schneidrad in sechs Stücke zu zerlegen. Sie werden zwischengelagert und ganz zuletzt aus dem Tunnel gebracht.

Wenn alles draußen ist, gehen die Teile, die noch verwendbar sind, zurück zum Hersteller Herrenknecht. Sie werden generalüberholt und kommen auf einer anderen Baustelle zum Einsatz. Die Firma Herrenknecht kauft die rund 20 Millionen Euro teure Maschine dafür zurück.

Stromverbrauch einer Kleinstadt

Sibylle hat in den vergangenen knapp zwei Jahren 7700 Meter zurückgelegt. Die Riesenmaschine hat eine Antriebsleistung von 4400 Kilowatt. Das entspricht dem Stromverbrauch einer Kleinstadt. Deshalb hat die Bahn am Ostportal ein eigenes Umspannwerk aufgebaut. Das wird auch weiterhin benötigt, denn Sibylles Schwester Wanda in der Südröhre hat noch etwa 300 Meter vor sich. Diese zweite Tunnelvortriebsmaschine soll ihre Arbeit im Herbst beenden. Dann wird auch sie demontiert und großteils durch den Tunnel abtransportiert. Der gesamte Abschnitt soll Ende 2022 in Betrieb gehen.

Für die Anwohner entlang der Transportwege bedeutet Sibylles Ende eine Erleichterung. Denn in den nächsten Monaten fällt nur noch halb so viel Erdaushub an wie bisher. Das halbiert die Zahl der Lkw-Fahrten von 500 auf 250 pro Tag. Und wenn dann Wanda folgt, herrscht weitgehend Entwarnung. „Das geht jetzt vollends ruckzuck“, sagt Frahm, durchschreitet noch einmal die Kathedrale unter Tage und schaut nach vorn. Am Ende des Tunnels ist das Licht schon zu sehen.

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