Kampf gegen Verkehrsbelastung: Ziegen sollen Autos bremsen Foto: dpa

Gruibingen rüstet sich wieder für den Kampf gegen die Blechlawine. Denn durch die Vollsperrung der A 8 in Richtung Ulm erwartet das 2000-Seelen-Dorf von Freitag, 22 Uhr, bis Samstag, 21 Uhr, massive Lärm- und Staubelastung durch den Ausweichverkehr. Auch Ziegen sollen zum Einsatz kommen.

Stuttgart - Gruibingen rüstet sich wieder für den Kampf gegen die Blechlawine. Denn durch die Vollsperrung der A 8 in Richtung Ulm erwartet das 2000-Seelen-Dorf von Freitag, 22 Uhr, bis Samstag, 21 Uhr, massive Lärm- und Staubelastung durch den Ausweichverkehr. Schon bei der letzten Sperrung aufgrund der Sanierung des Lämmerbuckeltunnels Ende Mai wehrte sich das Dorf mit dem Aktionsbündnis Gegenverkehr und störte den Fahrfluss – etwa an der Hauptstraße, die das Dorf teilt.„Natürlich leiden wir alle unter dem Verkehr, der durch unser Dorf umgeleitet wird“, klagte ein Anwohner aus Gruibingen, der sich vom Regierungspräsidium übergangen fühlt, „das geht schon seit Jahren so“. In der Tat wurden Lämmerbuckeltunnel und A 8 in den vergangenen Jahren immer wieder ­gesperrt. Zuletzt war das 2011 der Fall. Doch dann begannen die Gruibinger damit, sich zu wehren.

Hier wird die A 8 gesperrt - für eine größere Ansicht klicken Sie bitte auf die Grafik.

 Sperrung der A8

Genervtes Hupen, aggressives Auffahren: Dass drei Traktoren Schleife durchs Dorf gefahren sind, hat bei der ersten Aktion des Aktionsbündnisses Gegenverkehr so manchen Autofahrer zur Weißglut gebracht. Zusätzlich parkten die Aktivisten extra an der Hauptstraße oder drückten dauernd auf die Ampeln, um möglichst viele Rotphasen zu verursachen. Dieses Mal gehen die Gruibinger allerdings noch weiter: Mit einer Ziegenherde wollen sie die Hauptstraße, die das Dorf teilt, zeitweise komplett sperren.

„Wir denken nicht daran, aufzuhören“, sagt Johannes Stumpf, Initiator des Aktionsbündnisses Gegenverkehr. Vor zwei Wochen haben sich die etwa 40 Aktivisten erneut im Gasthof zur Krone zusammengefunden, um Ungehorsam zu planen. Der Gasthof zur Krone, so darf man getrost ­sagen, ist die Dorfkneipe in Gruibingen. „Dieses Mal werden wir auch Transparente aufhängen, die unseren Forderungen ­Nachdruck verleihen “, sagt Stumpf. Vor ­allem die Ortsdurchfahrt zur Tempo-30-Zone zu erklären ist den Gruibingern wichtig. Bis September sollen Lämmerbuckeltunnel und A 8 noch sechs Mal gesperrt werden. Darauf ist Gruibingen allerdings nicht unvorbereitet.

Diesmal haben die Aktivisten eine Geheimwaffe. „Wir haben 40 bis 50 Ziegen in unserer Weidengemeinschaft“, erklärt Stumpf stolz, „die werden am Wochenende leider die Weide über die Hauptstraße wechseln müssen.“ Stumpf sagt das nicht ohne Süffisanz. Den Auftrag dazu hat er vom Vorsitzenden der Evangelischen Gemeinde Gruibingen, Walter Kuhn, bekommen. „Es ist doch prima – wir können unser Pfarrgartenfest unter dem seit Anfang des Jahres geplanten Motto ,Ziegen‘ feiern, und das Aktionsbündnis hat auch was davon.“ Eine knappe Stunde sollen die Ziegen die Blechlawine komplett zum Stillstand bringen, wenn es nach Stumpf geht.

Behörde setzt auf Zurückhaltung

Beim Regierungspräsidium versucht man sich dagegen versöhnlich zu geben. „Wir wissen um den wahnsinnigen Druck im kommunalen Bereich“, sagt Clemens Homoth-Kuhs, Pressesprecher bei der Planungsbehörde. Ein Problem sei, dass Gruibingen gar nicht auf der offiziellen Umleitungsstrecke von der AS Mühlhausen über die B 466 nach Geislingen liege – die Autofahrer aber trotzdem dorthin ausweichen würden.

Was aus Sicht des Aktionsbündnisses bei der letzten Sperrung vor allem an einer Schranke am Rasthof Gruibingen gelegen hat, die eigentlich nicht geöffnet hätte werden dürfen.

Der Anwohner Uwe Sperling erinnert sich, wie er bei der ersten Vollsperrung als Späher an der Schranke stand. „Die stand sperrangelweit offen“, sagt der Unternehmer, „ich habe dann Fotos von den Autos gemacht, die durchgefahren sind. Nicht, dass ich den Autofahrern etwas wollte. Aber ich wollte den Herrschaften vom Regierungspräsidium zu zeigen, was bei uns in Gruibingen passiert.“ Dass die Bilder das Regierungspräsidium nie erreichten, liege daran, dass die Polizei ihn bat, die Bilder zu löschen – so Sperling zu unserer Zeitung während der ersten Sperrung.

Warum die Schranke der Bahn, die eigentlich eine Behelfsausfahrt für Baufahrzeuge ist, im April geöffnet war, ist bis heute ungeklärt. „Laut damaliger verkehrsrechtlicher Anordnung hätte die Schranke geschlossen bleiben müssen“, räumt Präsidiumssprecher Homoth-Kuhs ein. Er versichert, dass ihm ein Antwortschreiben der Bahn vorliegt und die Schranke während der kommenden Bauarbeiten nicht mehr geöffnet wird.

Nicht alle stehen hinter Aktionsbündnis

Ob das reichen wird, die von der Tunnelsperrung betroffenen Kommunen zu entlasten, weiß Gruibingens parteiloser Bürgermeister Roland Schweickert zu bezweifeln. „Durch die Blockabfertigung des Verkehrs am Tunnel verschlechtert sich unsere Situation noch weiter“, klagt er. Schweickert hat nicht nur mit dem Verkehr zu kämpfen, sondern auch damit, die Dorfgemeinde zusammenzuhalten. Denn nicht alle Gruibinger stehen hinter dem Aktionsbündnis.

Manche äußern sich verhalten, andere machen ihrem Unmut Luft und schreiben der lokalen Zeitung, dass ihnen das Verhalten der Verkehrsgegner stinkt. „Kompliment an das Aktionsbündnis! Es ist schon eine geniale Idee, durch absichtliche Behinderungen im Straßenverkehr Gefahrensituationen zu schaffen, wo keine sind, oder bestehende zu schärfen“, schreibt Claudia Trieloff aus Gruibingen in einem Leserbrief an die „Neue Württembergische Zeitung“, nachdem sich die Aktivisten mit einer kleineren Aktion gegen den Urlaubsverkehr an Pfingsten wehrten.

Andreas Hölzel, Sprecher beim ADAC, schätzt die Aktionen der Verkehrsbehinderer dagegen als nicht besonders gefährlich ein. „Bei Fahrbahnverengungen kann es zu brenzligen Überholsituationen kommen“, sagt er und gibt dabei aber auch zu bedenken, dass wir in Deutschland aktuell etwa 1000 Baustellen haben, bei denen die Fahrbahnen ebenfalls verengt sind. „Rote Ampeln an sich bergen kein erhöhtes Unfallrisiko“, sagt Hölzel. Laut ihm ist also auch notorisches Ampeldrücken harmlos.

Drohung mit „richtigem Stau“

Während man in Gruibingen mit allen Mitteln gegen die drohende Blechlawine kämpft, sind die Bürger in Deggingen deutlich toleranter. Obwohl die Verkehrsbelastung durch die Umleitung ähnlich hoch ist. „Der Tunnel muss saniert werden, was soll man da denn machen“, sagt Karl Weber (CDU), Deggingens Bürgermeister. Bei ihm habe sich niemand über die Belastung beschwert, auch wenn die Straße bei A 8-Sperrungen regelrecht „zugestopft“ sei.

Rechtlich ist den Verkehrsstörern aus Gruibingen kaum beizukommen. „Verbieten kann das denen niemand“, sagt Wolfgang Jürgens, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Ulm. Es gebe zwar einen Paragrafen, der unnötiges Hin- und Herfahren untersagt. Der sei aber praktisch so gut wie nicht anwendbar.

Für das Aktionsbündnis ist die Revolte indes noch nicht am Ende der Fahnenstange angekommen. „Warten wir mal, bis die Hauptferiensaison kommt“, sagt Stumpf, „dann machen wir richtig Stau!“

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