Eine Selbsthilfegruppe bei KISS. Foto: KISS

Gemeinschaftliche Selbsthilfe bekommt nicht nur bei Krankheiten eine wachsende Bedeutung. Wer das Wachstum der Angebote bei der Selbsthilfekontaktstelle KISS Stuttgart betrachtet, wird sogar von einem Trend sprechen. Einen Geschmack dieses Trends kann man an diesem Samstag beim Selbsthilfe-Aktionstag im Treffpunkt Rotebühlplatz gewinnen.

Stuttgart - Die gemeinschaftliche Selbsthilfe ist aus Stuttgart nicht mehr wegzudenken. Seit 27 Jahren verbindet sich damit die Selbsthilfekontaktstelle KISS Stuttgart. „Seit der Gründung ist der Zuspruch ungebrochen“, sagt KISS-Vorstand Hilde Rutsch. Damit hat sie womöglich etwas untertrieben. Inzwischen finden sich unter dem Dach der Kontaktstelle in der Tübinger Straße 15 mehr als 500 Selbsthilfegruppen. Eine Grenze bei den Neugründungen ist nicht abzusehen. „Trotz Internet und sozialer Medien suchen die Menschen vermehrt Selbsthilfegruppen auf, um sich mit- und untereinander auszutauschen“, sagt Rutsch.

Dazu haben Stuttgarter am kommenden Samstag (10 bis 16 Uhr) im Treffpunkt Rotebühlplatz die Möglichkeit. KISS veranstaltet zusammen mit der Volkshochschule den 10. Aktionstag der Stuttgarter Selbsthilfegruppen unter dem Titel „Vom Ich zum Wir“. Genau genommen handelt es sich um eine Messe der Möglichkeiten, bei der sich etwa 70 Gruppen vorstellen. Doch das ist nur ein Auszug aus dem Gesamtangebot. Denn die Themenliste der Selbsthilfegruppen scheint schier unendlich. Sie reicht von der gegenseitigen Förderung auf dem Arbeitsmarkt über die Gruppe zur Genesung von zwanghafter Desorganisation bis hin zur Hilfe bei unfreiwilligem Erröten (Erythrophobie).

Gruppen mit psychosozialen Themen wachsen

Freilich spielen Zeitphänomene bei dem Trend hin zu mehr gemeinschaftlicher Selbsthilfe eine Rolle. Ein Stichwort lautet: Belastung in der Arbeitswelt. Immer mehr Menschen suchen Hilfe oder Leidensgenossen bei psychosozialen Themen: Depressionen, Burn Out, Angststörungen. „Wir stellen fest, dass auch Männer immer offener damit umgehen“, sagt Rutsch, „dafür müssen wir den Fußballern danken.“ Sie meint den Ex-Bayern-Profi Sebastian Deisler, der sich 2007 unter anderem wegen einer Depression vom Fußballgeschäft zurückgezogen hatte. Oder den früheren VfB-Trainer Ralf Rangnick, der wegen eines Burn Outs eine Auszeit nahm.

Der Wandel in der Gesellschaft macht aus Sicht von Hilde Rutsch den Weg in eine Selbsthilfegruppe für viele erst möglich. „Meine 86-jährige Mutter wäre früher nie auf den Gedanken gekommen, in eine Selbsthilfegruppe zu gehen“, sagt Rutsch. Ihr Vater ebenso wenig: „Heute ist es selbstverständlich, vom Krieg traumatisierte Flüchtlinge zu behandeln. Daran hätten unsere Väter oder Großväter nie gedacht. Aber heute werden die Dinge eben benannt.“ Zum Beispiel: Menschen, die inzwischen in der Psychologie als Hochsensible (HSP) bezeichnet werden, wurden früher wegen ihrer höheren Empfindlichkeit verlacht oder ausgegrenzt.

Stadt bezuschusst KIS mit 210 000 Euro

Der veränderte Umgang von Problemen stärkt KISS. In der Gesellschaft schätzen viele die Arbeit der Kontaktstelle. Eine Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag der Krankenkasse DAK hat ergeben, dass fast die Hälfte aller Deutschen sich bei Problemen Rat in einer Selbsthilfegruppe suchen würden. Übrigens: Auch die Stadt Stuttgart weiß den Wert der Arbeit von KISS mit 210 000 Euro pro Jahr zu würdigen. 90 000 Euro des Etats kommen von den Krankenkassen und 16 500 Euro vom Land Baden-Württemberg. Die übrigen 15 Prozent des Jahresetats muss die Selbsthilfekontaktstelle über Spenden, Miet- oder Mitgliedsbeiträge selbst erwirtschaften.

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