Beim Quempas-Singen der Bosch-Musikgruppen zugunsten der Aktion Weihnachten war die Stiftskirche bis auf den letzten Platz besetzt. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

In vier Stiftskirchenecken haben sich Gruppen des Salier-Schülerchors verteilt, um verstärkt durch Blockflöten die Hirten-Weise anzustimmen. Das Quempas-Singen zugunsten der Aktion Weihnachten wurde ein voller Erfolg – auch finanziell.

Stuttgart - Nicht Ochs’ oder Esel, sondern der Hirsch firmierte als Leittier beim Quempas-Konzert der Bosch-Musikgruppen. So bildete bei der traditionsreichen Weihnachtsveranstaltung am Dienstagabend in der Stiftskirche keine reinrassige Weihnachtskomposition das Hauptwerk des Abends.

Womit sich der noch Frischlingsstatus genießende Leiter des Bosch-Chors, Till Drömann, treu bleibt. Vergangenes Jahr hatte er als Nachfolger von Ulrich Walddörfer, der 25 Jahre lang das Quempas-Konzert geleitet hatte, für seine Quempas-Premiere als Dirigent mit Händels Utrechter Te Deum auch kein typisches Weihnachtswerk ausgesucht.

„Wie der Hirsch schreit“ verkündete nun die diesjährige Programmbroschüre in dicken Lettern, mit denen lediglich die Anfangszeilen einer der populärsten geistlichen Chorwerke Felix Mendelssohn-Bartholdys zitiert werden, die Vertonung von Psalm 42.

Mendelssohn ist das Musikschwergewicht des Abends

Wenn schon, dann richtig – so in etwa haben der Bosch-Chorleiter und der Leiter des Bosch-Sinfonieorchesters, Hannes Reich, gedacht, als sie das Programmgerüst für das Quempas-Konzert gemeinsam konstruierten und den Hirsch-Psalm setzten. Denn schlussendlich ist Mendelssohn das Musikschwergewicht des Abends. Für den hatte Organist Martin Kaleschke, inspiriert vom Programmdenken der beiden Dirigenten, zur Ouvertüre einen Mendelssohn-Orgelsatz vorgeschlagen. „Damit war es eine runde Sache“, erzählt Dirigent Drömann.

So startet der Abend rassig mit dem spektakulären Kopfsatz von Mendelssohns Orgelsonate Nr. 4, dem der weihnachtliche Kontrapunkt folgt: Angestimmt zunächst vom 80 Stimmen starken Bosch-Chor und unterlegt vom kompletten Orchester, gefolgt vom Unterstufenchor des Waiblinger Salier-Gymnasiums mit gedämpfter Streicherbegleitung singen Aktive und Publikum gemeinsam „Es ist ein Ros entsprungen“.

Die Sopranistin überragt

Die Mendelssohn-Spiele führen weiter über den hochromantisch-ländlichen Eingangschor aus Psalm 42. Dessen weitere sechs Sätze aber werden aufgeschoben für den ersten Auftritt der überragenden Frau dieses Abends. Sopranistin Andrea Nübel gibt mit Mendelssohns weniger bekanntem „Salve Regina“ eine erste Stimmschmelzprobe, steht im ebenfalls von Mendelssohn für Solosopran und Orchester komponierten, indes deutlich opernhaft-virtuoseren „Ave maris stella“ nochmals im Rampenlicht, bevor sie gegen Konzertende in den umfangreichen Solopartien mit den am Stück gegebenen Restsätzen des Hirsch-Psalms letzte Ausrufezeichen setzt.

Zwischendurch aber weihnachtet es beträchtlich. Gemäß dem Ros-Entsprungen-Muster erfüllen mit „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ und „Lobt Gott, ihr Christen allzugleich“ weitere, von Bosch-, Schülerchor und Publikum wechselweise und tutti gesungene Weihnachtschoräle die nahezu ausverkaufte Kirche. Mit „In Dulci Jubilo“ gibt das neun Köpfe starke Bosch-Blechbläserensemble von Kirsten Schatz eine kunstvoll-festliche Einlage, bevor Dirigent Till Drömann nicht fürs Hauptwerk, aber für die Hauptsache des Abends ans Dirigierpult geht: den Quempas.

Traditionelles Lied zur Christmette

Dieser kuriose Name ist schlicht volkstümliches Kürzel für das alte lateinische Lied „Quem pastores laudavere“ (Den Hirten lobeten sehre), das in vergangenen Jahrhunderten zur Christmette von der Gemeinde reihum aus allen vier Kirchenecken gesungen wurde. In den Stiftskirchenecken verteilen sich dazu vier mit Kerzen und Blockflöte verstärkte Grüppchen des Salier-Schülerchors und stimmen gegen den Uhrzeigersinn die Hirten-Weise an, in die Bosch-Chor und zur Schlusszeile die Besucher einstimmen.

Reihum-Taktik pflegen auch Till Drömann und Hannes Reich. Sie wechseln sich im Dirigieren an diesem Abend ab, wobei Chorleiter Drömann vom Quempas über Hirsch-Psalm bis zum Abschluss mit „O du fröhliche“ die gesamte Finalpartie leitet, derweil Hannes Reich dazu mit Cello das Orchester verstärkt, das instrumentale Leistungssportler zum Hirsch-Psalm-Schlusschor bei sehr zügigem Tempo bestens gebrauchen kann.

Minutenlanger Applaus krönt den Erfolg

Minutenlangen Applaus erheischt am Ende dieser Quempas-Mendelssohn-Abend. Dass dabei auch ein Vokalquartett aus Männerstimmen, das nur eine kleine Konzert-Rolle spielt, mächtig beklatscht wird, kann nur Außenseiter überraschen: Neben drei zugekauften Profis hat da mit dem promovierten Physiker Joachim Kunz ein echter Boschler mitgesungen.

Von gewaltiger Anziehungskraft hat sich schließlich der Lockruf des Hirsches entpuppt. 12 434 Euro aus dem Kartenverkauf erzielt dieser Quempas für die Aktion Weihnachten der Stuttgarter Nachrichten.

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