Jugendliche ab 14 Jahren können das Segelfliegen lernen. Foto: Archiv factum/granville

In einem Tag an die Rhône und zurück: So weit fliegen Flugbegeisterte des Aeroclubs Stuttgart.

Vaihingen - In dem Moment, in dem man im Segelflugzeug sitzt, ist der Alltag ausgeblendet,“ sagt Günther Voss. Er ist seit 1995 der Leiter der Segelfluggruppe des Aeroclubs Stuttgart mit Sitz in Vaihingen. „Es macht Spaß, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten.“

Bei Tim Schmidt war das Fliegen ein Kindheitstraum. Mit 16 Jahren wurde der Traum im Aeroclub Wirklichkeit. Heute schätzt der 26-Jährige am Fliegen die Grenzenlosigkeit: „Man fühlt sich frei wie ein Vogel,“ sagt Schmidt. „Und man kommt in nur wenigen Stunden in ganz Deutschland und darüber hinaus herum.“ Vormittags im Schwarzwald, nachmittags an der Rhône in Frankreich. „Wenn es in Stuttgart regnet, fliege ich einfach dorthin, wo schöneres Wetter ist.“ Oft realisiere man erst nach dem Flug, wo man überall gewesen sei. Spezielle Geräte zeichnen die Flugrouten auf.

Ab 14 Jahren geht’s in die Luft

Schmidts bislang längster Flug dauerte sieben Stunden und 46 Minuten. Bis man solche Strecken meistern kann, bedarf es viel Übung. Schmidt erinnert sich an seinen ersten Flug: „Es ging mir so schlecht wie nie zuvor.“ Auch nach zehn Jahren Training wird ihm in der Luft manchmal noch übel. „Doch so geht es auch einigen Leistungspiloten.“ Ausreichend Essen während des Fluges kann die Übelkeit verhindern. Für die Konzentration ist es wichtig, viel zu trinken.

Mit 14 Jahren kann man die Ausbildung zum Segelflugpiloten beginnen. Im Aeroclub fliegen derzeit auch zwei 13-Jährige, die sich ihre körperliche und geistige Reife vom Hausarzt haben bescheinigen lassen. Für Neugierige, die das Fliegen testen möchten, gibt es das Pfingsten-Camp auf dem Stamm-Flugplatz Hahnweide bei Kirchheim unter Teck. Dort wird einmal im Jahr für 14 Tage gezeltet. Für die Teilnahme daran ist keine fliegerärztliche Untersuchung nötig.

„Segelfliegen ist ein Mannschaftssport.“

Die sechs Fluglehrer des Aeroclubs sind Ehrenamtler. So spart man als Mitglied Ausbildungskosten. „Segelfliegen ist ein relativ günstiger Sport,“ sagt Voss. „Ein Durchschnittsflieger kommt im Jahr mit 1000 bis 1200 Euro aus.“ Allerdings müsse man für das „Fulltime-Hobby“ viel Zeit aufbringen. Außer der Arbeit am Wochenende auf dem Flugplatz sei ein Abend in der Werkstatt Pflicht. Das zeitliche Verhältnis zwischen dem Fliegen und der Arbeit am Boden betrage in etwa 1:5. „Es braucht viele Helfer, um einen Mann per Windenstart in die Luft zu bekommen und um die Technik instand zu halten“, sagt Voss. „Segelfliegen ist ein Mannschaftssport.“

1965 hat die Flugleidenschaft Voss gepackt. Einen Unfall hatte er bis heute nicht. „Entgegen der Annahme ist Segelfliegen ein ungefährlicher Sport, gerade bei Anfängern.“ Denn in der Ausbildung sitzt stets ein Lehrer mit im Flieger. Erst nach etwa zwei bis drei Jahren darf man alleine fliegen. Dann sei die Erfahrung auch groß genug. „Vielleicht ist das Segelfliegen ein bisschen riskanter als Autofahren, aber weniger riskant als Motorradfahren,“ sagt Voss. Wie auch im Straßenverkehr gehe es in der Luft darum, zu sehen und gesehen zu werden. „Wir werden ja nicht wie die Airliner von der Flugsicherung geleitet,“ sagt Voss, „sondern wir fliegen im dauernden Höhen- und Richtungswechsel“. Auf der Hahnweide sind acht Vereine vertreten. In der Nähe des Startplatzes kommt es daher vor, dass zehn bis 20 Flugzeuge in einem Aufwind fliegen. Weiter draußen seien es manchmal bis zu fünf Flugzeuge. „Da muss man natürlich sehr aufeinander achten.“

Nächstes Spektakel im Mai

Darüber hinaus gilt es, die Wetterbedingungen zu beobachten. Wolken sind häufig ein Indiz für Aufwinde. „Diese möchte man erreichen, um mit nach oben transportiert zu werden,“ sagt Voss. „Die erreichte Höhe setzt man dann in Strecke um.“ Wind braucht man für das Segelfliegen nicht. Aber Sonne, die den Boden erwärmt und so für aufsteigende Luft sorgt. Nicht immer klappt es mit den Aufwinden wie gewünscht. Landet das Flugzeug auf dem Acker, wird es per Anhänger abgeholt. „Doch das ist kein Problem,“ sagt Voss. „Das Segelflugzeug ist so gebaut, dass man es schnell auf- und abbauen kann.“

Das nächste große Ereignis für die Segelflieger steht im Mai an. Bei dem internationalen Hahnweide-Segelflugwettbewerb tritt eine Jugendgruppe an. Schmidt freut sich auf das Spektakel: „Es ist beeindruckend, wie 120 Segelflugzeuge in einer Reihe am Start stehen.“ Zwölf Schleppmaschinen bringen sie in die Höhe. Dann wird innerhalb von anderthalb Stunden eine festgelegte Strecke abgeflogen. „Auf Höhe der Ziellinie fliegen die Flugzeuge rund 20 Meter über den Köpfen der Zuschauer.“

Im Segelflugsport kreist man in den Lüften häufig auf Augenhöhe mit den Vögeln. Denn diese zeigen genauso wie die Wolken Aufwinde an. Hin und wieder kann man beobachten, wie sich das Prinzip umkehrt. Schmidt: „Auf der Hahnweide gibt es inzwischen auch Vögel, die sich nach unseren Flugzeugen richten.“

AEROCLUB STUTTGART – SEGELFLUG

Anschrift: Heßbrühlstraße 40, 70565 Stuttgart

Telefonnummer: 794 66 43

Mail-Adresse: info@aeroclub-stuttgart.de

Homepage: www.aeroclub-stuttgart.de

Gruppenvorsitzender: Günther Voss

Gründungsjahr: 1950

Mitgliederzahl: 105

Abteilungen: Motorflug, Modellflug, Fallschirmspringen

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