Mathias Peterle vom Kampfmittelbeseitigungsdienst hat die Blindgänger in Sindelfingen und Böblingen im Frühjahr entschärft. Foto: factum/Bach

In unserem Adventskalender öffnen wir jeden Tag ein spannendes Türchen für Sie. Am 2. Dezember sind wir in den Bunkern des Kampfmittelbeseitigungsdienstes in Böblingen. Wenn irgendwo in Baden-Württemberg eine Bombe gefunden wird, rücken die Spezialisten von hier an.

Böblingen - Tief im Wald bei Böblingen lagern gut verborgen unter Bäumen und weitab von neugierigen Blicken unzählige Bomben, Granaten und Mienen – allesamt entschärft, versteht sich. In den Bunkern des Kampfmittelbeseitigungsdienstes warten sie auf ihre Vernichtung.

Ralf Vendel ist auf dem 5,5 Hektar großen Gelände seit vier Jahren der Dienststellenleiter. Vom Böblinger Stützpunkt aus, der der einzige in Baden-Württemberg ist, brechen seine 24 Mitarbeiter auf, wenn eine Meldung über einen Kampfmittelfund eingeht. „Das kommt im Jahr rund 850 bis 950 Mal vor“, rechnet der 52-Jährige vor. Ob an den Bodensee, auf die Schwäbische Alb oder bis nach Mannheim: seine Mannschaft fährt überall im Land hin.

Hirsche halten das Gras kurz

Der Zugang zu den Bunkern ist durch mehrere Sicherheitssysteme geschützt. Wer einen Blick hinein werfen will, der muss mit Ralf Vendel oder seinem Stellvertreter Mathias Peterle unterwegs sein. Im Nieselregen geht es mit ihnen einen geteerten Weg entlang, an dessen Rändern Hirsche im unwirtlichen Wetter ausharren. Die Tiere leben auf dem Gelände, sagt Mathias Peterle, sie sorgen dafür, dass das Gras kurz bleibt.

Der Weg wird gesäumt von den mit Gras bewachsenen Bunkern, die je mit einer dicken grünen Schiebetür gesichert sind. Mit Hilfe einer Kette öffnet Vendel eine von ihnen. Dahinter liegen unzählige Bomben – manche sehr groß, andere eher klein, aber alle angenagt vom Zahn der Zeit. Säuberlich gestapelt lagern sie auf Holzpaletten. Nach und nach werden die Blindgänger zunächst zersägt und dann verbrannt.

An diesem grauen Novembertag sind die Bunker gut gefüllt, 20 bis 25 Tonnen Munition lagern zu diesem Zeitpunkt dort, schätzt Vendel. Mathias Peterle, der bei der Entschärfung der drei auf dem Sindelfinger Daimler-Gelände gefundenen Bomben sowie bei der der Bombe auf der Böblinger Schönbuchbahnbaustelle dabei war, weist in die hintere rechte Ecke. „Die Bombe dort, mit dem blauen Kreuz, die wurde im Februar in Sindelfingen gefunden“, sagt er. Auch der Böblinger Blindgänger lagert noch dort. An dessen vorderem Ende kann man eine starke Verformung erkennen. „Deshalb war die Entschärfung extrem schwierig“, erinnert sich der 37-Jährige.

Ausbildung in der Lehrmittelsammlung

In einem anderen Bunker befindet sich ausschließlich Kleinmunition, ein dritter ist für Brandmunition reserviert. Manche Kampfmittel werden in Wassereimern verstaut, andere liegen feinsäuberlich nebeneinander in Regalen. Ralf Vendel greift nach einem verwitterten, rechteckigen Kästchen, das eher an eine alte Schmuckschatulle erinnert, als an schweres Kampfgerät. „Auch so kann eine Miene aussehen“, sagt er. Bei dem Exemplar handele es sich um eine amerikanische Schützenmine M3.

Auf dem Rückweg zu den Baracken am Eingangstor des Geländes schlägt Vendel vor, einen Abstecher zu einem langgestreckten Gebäude zu unternehmen. „Das ist die Lehrmittelsammlung“, erklärt er. Der Raum ist vollgestopft mit Kampfmitteln aller Art, die feinsäuberlich in Glasvitrinen stehen. „Hier bilden wir Kollegen und Rettungspersonal aus“, erklärt Mathias Peterle.

Handgranate auf dem Dachboden

Ob blau, rot oder gestreift: Kampfmittel gibt es in allen Farben, Größen und Formen. Und: es gibt viel davon. Ralf Vendel geht davon aus, dass auch in 50 bis 100 Jahren in Deutschland noch Munitionsteile gefunden werden. Umso wichtiger sei es, dass Menschen, die einen verdächtigen Gegenstand entdeckten, richtig reagierten. „Wer ein Kampfmittel findet, soll es entweder gar nicht anfassen oder es ruhig und langsam wieder hinlegen“, sagt der 52-jährige Dienststellenleiter. Dann solle man die Polizei rufen, die wiederrum den Kampfmittelräumdienst alarmiere.

Viele Menschen reagierten beim Anblick beispielsweise einer Handgranate allerdings kopflos. „Ich hatte mal einen Fall, da hat ein Vater auf seinem Dachboden eine Handgranate gefunden und sie aus dem Fenster geworfen“, sagt Vendel. Erst danach sei ihm eingefallen, dass unten im Garten seine Kinder spielten. Zum Glück sei die Granate beim Aufprall aber nicht explodiert.

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