Schnell Motorrad fahren kann Tom Cruise nach wie vor – aber anders als früher lässt er die Zuschauer an seiner Reifung teilhaben Foto: Verleih

Im spektakulären Action-Thriller „Mission: Impossible 6 – Fallout“ arbeitet Tom Cruise (56) in seiner Paraderolle als Ethan Hunt weiter daran, seinem britischen Konkurrenten 007 den Rang abzulaufen. Dabei leugnet er nicht, dass er den Zahn der Zeit spürt.

Stuttgart - Jeder möchte gerne die Welt retten – oder zumindest anderen dabei zuschauen, wie sie es tun. Etwa vor dem Terroristen Solomon Lane (Sean Harris), der selbst im „Game of Thrones“-Zeitalter noch Furcht einflößt. In „M:I 5 – Rogue Nation“ (2015) gerade erst gefasst, droht er nun schon wieder, die Welt mit Plutonium zu erschüttern. Dies wollen Ethan Hunt und sein Team verhindern.

„M:I 5“ schien kaum zu übertreffen, so perfekt ist das Maskenspiel, so spektakulär die ­Action, so aktuell der Schwarzgeld-Plot mit extremen Wendungen, so glaubwürdig eine weibliche Doppelagentin auf Augenhöhe in Gestalt von Rebecca Ferguson. Darum wohl hat Tom Cruise, von Beginn an auch Produzent der Reihe, noch einmal dem Regisseur Christopher McQuarrie vertraut, der an Orten wie Paris und im Himalaya eine starke Fortsetzung gestrickt hat: Da tricksen und täuschen sie wieder nach allen Regeln der Kunst, Tom Cruise rennt, schießt, fällt aus schwindelnden Höhen und springt von Dach zu Dach, Kontrahenten verfolgen einander mit Autos, Motorrädern, Helikoptern – und die CIA, eigentlich ein Verbündeter, wird zum zweiten Antagonisten.

Ferguson spielt als Ilsa Faust erneut eine herrlich zwiespältige Rolle, Simon Pegg und Ving Rhames flankieren Tom Cruise in bewährter, humoristischer Manier, Henry Cavill glänzt als schnauzbärtiger CIA-Haudrauf, Alec Baldwin gibt den rätselhaften Vorgesetzten. Und eine streitbare „Weiße Wittwe“ möchte einfach nur „Deals“ machen – wie der aktuelle US-Präsident.

Das alles ist unterhaltsam, entscheidend Neues aber bringt Cruise selbst ein: Er und mit ihm der Superagent Hunt spüren den Zahn der Zeit und lassen die Kinozuschauer daran teilhaben. Cruise macht nach wie vor sämtliche Stunts selbst, auch die scheinbar völlig unmöglichen, er ist austrainiert und wahrscheinlich fitter als mancher Zwanzigjährige. Doch er zeigt, wie viel Mühe es einen 1,70 Meter großen 56-Jährigen kostet, in schwindelnder Höhe an einem Hubschrauber hängend dessen Kufen zu erklimmen oder ungesichert eine Felswand zu ersteigen, wo er in „M:I 2“ (2000) noch locker an einer Hand über dem Abgrund hing. Cruise hätte zwar noch nicht das Ende mit Schrecken ereilt, das Roger Moore 1985 als James Bond erlebte, der „Im Angesicht des Todes“ mit der Körpersprache eines Seniors seiner Rolle hinterherjapste. Dass Cruise sich den Realitäten aber trotzdem so offen stellt, zeugt von jenem Mut, den auch Robert Redford als einsamer Ozeansegler in „All is lost“ (2013) zeigte: Cruise geht sichtbar an seine physischen Grenzen. Einmal wird Hunt sogar richtig verprügelt von einem eindeutig überlegenen Gegner – auch das hat es noch nie gegeben.

Für Wodka-Martini bleibt wie immer keine Zeit. Gefahr und Spannung reißen nie ab in den atemberaubenden „Mission: Impossible“-Filmen. Die Reihe, eine Kino-Adaption der gleichnamigen US-Serie aus den 60ern, begann 1996 als mysteriöses „Trau, schau, wem!“-Maskenspiel, und der fokussierte Hunt gewährte den Zuschauern stets nur so viel Einblick, wie der Thriller-Plot forderte. Er besuchte Gesellschaften und Casinos nur, wenn es die Mission erforderte – ganz anders als der stilbewusste Kosmopolit James Bond, der die große Bühne brauchte. Über ihn wusste man immerhin so viel: Er war ein Genussmensch und Schwerenöter und ging dafür gerne ins Risiko.

Das trennte den glamourösen englischen Charmeur klar von dem Amerikaner Hunt, der wie ein Uhrwerk funktionierte, aber ein wenig blutleer wirkte in seiner Perfektion. 007 galt ohnehin als unangreifbar, selbst wenn er schwächelte wie Roger Moore. In „The World is not enough“ (1999) konnte Pierce Brosnan im Anzug alles tun, sogar ins Wasser fallen, er musste sich hinterher nur abklopfen, um wieder auszusehen wie ein aus dem Ei gepellter Parfümverkäufer.

Spätestens 2006 verschoben sich die Gewichte: J. J. Abrams, der später „Star Trek“ und „Star Wars“ zu neuer Größe verhalf, legte mit „M:I 3“ einen frischen Thriller vor, in dem Cruise von Wolkenkratzer zu Wolkenkratzer flog und eine spektakuläre Rutschpartie auf der gläsernen, schräg abfallenden Seite des Gebäudes absolvierte. Philipp Seymour Hoffmann als bitterböser Gegenspieler funkelte da ganz anders als die entrückten Möchtegern-Weltenherrscher von gestern. Die Bond-Macher antworteten mit „Casino Royale“, einem starken Neustart mit einem vitalen, erfrischend raubeinigen Daniel Craig – die Hierarchie schien wieder hergestellt. Doch in „Ein Quantum Trost“ (2008) wurde Bond allem Glamourösen beraubt, er war nun nackter Action in einer feindseligen Welt ausgesetzt – womit Hunt sich längst viel besser auskannte.

Der kehrte in „M:I 4 – Phantom Protokoll“ (2011) unter der Regie des Trickfilmers Brad Bird („Die Unglaublichen“) zurück mit einem Gefängnisaufstand zum Gesang von Frank Sinatra und einem unglaublichen Stunt: Er kletterte mit High-tech-Klebehandschuhen in schwindelnder Höhe die Fassade des welthöchsten Wolkenkratzers Burj Khalifa in Dubai hinauf.

Bond dagegen traf in dem starken Beziehungsdrama „Skyfall“ (2012) auf einen neuen Q, einen schnöseligen Pullunder-Nerd, der sich über explodierende Kugelschreiber lustig machte und dem Agenten seine Spielzeuge nahm. Seltsam kraftlos und beliebig wirkte dann „Spectre“ (2015) mit einem standardisiertem Weltenrettungsplot, hölzerner Action und einem verliebten James Bond. Nun hatte Tom Cruise die Nase vorn: „M:I 5“ erschien dagegen extrem inspiriert und zeitgemäß.

Wie weit sich der früher stets zugeknöpfte, oft maskenhafte Cruise im aktuellen Film öffnet, ist bemerkenswert. Ethan Hunt wirkt auf einmal sehr menschlich, er hat Skrupel, missachtet Befehle, nimmt größte Schwierigkeiten in Kauf, um Leben zu retten. Mitunter meint man fast, echte Emotionen zu erkennen im sonst so kontrollierten Antlitz des Tom Cruise: In einer Szene spendet Hunt einer unbeteiligten, angeschossenen Polizistin Trost – fast wie einst Clint Eastwood einem sterbenden Bürgerkriegs-Soldaten im Spätwestern „The Good, the Bad and the Ugly“ (1966).

Mit solchen Charakterauftritten hatte Cruise lange Mühe. Sein Kampfflieger in „Top Gun“ (1986) blieb eine strahlende Oberfläche, sein Kriegsveteran in „Born on the Fourth of July“ (1989) eine patriotische Folie fürs US-Publikum. In Stanley Kubricks „Traumnovellen“-Adaption „Eyes wide Shut“ (1999) stand er mit halboffenem Mund und ungläubigem Blick neben der Handlung wie ein zufälliger Passant, in „Operation Walküre“ (2009) blieb er als Hitler-Attentäter Stauffenberg seltsam blass inmitten einer starken Besetzung.

Tom Cruise hat sich erstaunlich entwickelt

Statur entwickelte Cruise immer dann, wenn er miese Typen spielte: den hartherzigen Bruder des Autisten Ray Babbitt in „Rain Man“(1988), den bösen Männertrainer und Frauenhasser in „Magnolia“ (1999), den zynischen Auftragskiller in „Collateral“ (2004), der sich zur „menschlichen Müllabfuhr“ stilisiert, den Filmproduzenten mit dem überdimensionalen Ego und dem bedrohlichem Fäkalwortschatz in der Kriegs-Farce „Tropic Thunder“ (2008).

Man muss Cruise nicht mögen, noch weniger die übergriffige Organisation, der er sich verschrieben hat, aber man darf anerkennen: Als Schauspieler und Produzent hat er sich erstaunlich entwickelt. Auch im Alien-Thriller „Edge of Tomorrow“ (2014) wandelt er sich: Vom Marketing-Opportunisten und Feigling, der wider Willen an die Front gerät, reift er in einer Zeitschleife zum Helden und rettet natürlich die Welt, die dabei immer aufs Neue gerne zuschaut. In „M:I 6“ tut er es nun erneut. James Bond muss sich warm anziehen – oder einfach wieder der alte werden.

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