Flamur Shala von der Abfallwirtschaft Stuttgart trug seine auch unter T-Shirts kaum sichtbare Kühlweste im Sommer unter der Signalkleidung. Foto: Jürgen Brand

Im Stadtzentrum ist bei der Müllabfuhr im Sommer Kühlkleidung getestet worden, die jetzt auch den Medaillengewinnern bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Doha half.

S-Ost - Was haben Mitarbeiter der Stuttgarter Müllabfuhr und die deutschen Spitzenathleten bei der gerade zu Ende gegangenen Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Doha gemeinsam? Sie kämpfen mit der Hitze – die einen im Sommer im Stuttgarter Kessel, die anderen bis vergangenen Sonntag im für Hochleistungssport eigentlich viel zu heißen Katar – und im kommenden Jahr erneut bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio, wo die Bedingungen noch härter sein sollen. Um mit der großen Hitze klarzukommen, verwenden die Müllmänner und die Sportler die gleichen Mittel: Kühlkleidung des Ulmer Unternehmens pervormance international GmbH, gegründet und geleitet von den Schwestern Gabriele Renner und Sabine Stein. Die Idee dafür entstand bei einer Familien-Weihnachtsfeier.

Diskuswerferin und Kugelstoßerin

Sabine Stein fühlt sich am Hans-im-Glück-Brunnen mitten in Stuttgart, wo auch das Stadtbüro von Stuttgarter Zeitung und Nachrichten ist, fast ein bisschen zu Hause. Als sie in Stuttgart studierte, war das ihr Quartier. Dass Sabine Stein einst eine der großen Nachwuchshoffnungen des Deutschen Leichtathletik-Verbandes im Diskuswerfen und Kugelstoßen war, sieht man ihr nicht an. Sie war Zweite bei den Deutschen Jugendmeisterschaften, gehörte zum Bundeskader – aber dann machte der Rücken nicht mehr mit.

Sie packte auf ihr Sportstudium mit den Nebenfächern BWL und VWL und dem Schwerpunkt Marketing noch ein Fernstudium Personalmanagement drauf und arbeitete einige Jahre in dem Bereich, berät immer wieder auch Stuttgarter Unternehmen. In dieser Zeit hatte ihre Schwester Gabriele Renner ein Unternehmen für Pharmadienstleistungen gegründet, das stark expandierte. „Da haben wir zusammen gearbeitet und festgestellt, dass es funktioniert.“ Bei einer Familien-Weihnachtsfeier kam das Gespräch auf die Probleme der örtlichen Feuerwehrmänner mit der Hitze bei Löscheinsätzen. Ihr Bruder hatte die Idee, eine Kühlweste zu entwickeln. Die Schwestern setzten die Idee um, zunächst vor allem für Anwendungen im medizinischen Bereich, beispielsweise für MS-Kranke.

Das Hightech-Vlies bindet Wasser

Dann waren zwei Sportwissenschaftler von den Westen so begeistert, dass sie auch im Sportbereich angewendet wurden. So kam es, dass schon im Jahr 2010 die Leichtathletik-Nationalmannschaft mit den ersten Westen ausgestattet wurde. Damals hatten die Schwestern die Westen im Lizenzverfahren herstellen lassen, 2010 beschlossen sie dann, diese neue Art der Funktionskleidung selbst herstellen zu lassen.

Die E-Cooline-Textilien bestehen aus einem speziellen Hightech-Vlies, das Wasser sekundenschnell bindet, ohne, dass sie sich feucht oder nass anfühlen. Durch die Körperwärme verdunsten die Wassermoleküle und sorgen über Stunden für einen spürbaren Abkühlungseffekt, den auch die Mitarbeiter der Müllabfuhr bei ihrem Test im Sommer bestätigten.

Große Nachfrage seit dem Sommer 2018

Anfangs sei die Nachfrage der neuen Funktionskleidung nur langsam angestiegen, erzählt Sabine Stein, die mit ihrer Familie in Kirchheim/Teck lebt. Dann kam der heiße Sommer 2018 und plötzlich meldeten sich Bauunternehmen, die dringend Kühlwesten wollten, weil die Bauarbeiter sonst nicht hätten weiterarbeiten können. Dazu kamen „alle Arten von Industrie, wo es warm ist“, so Sabine Stein. „Letztes Jahr haben viele Firmen unsere Produkte getestet, jetzt kommen die Bestellungen.“ Dieses Jahr sei die Produktion hochgefahren worden, trotzdem waren im Sommer einige Teile wegen der hohen Nachfrage nicht mehr lieferbar. Inzwischen ist pervormance international Marktführer für Kühltextilien in Deutschland und Europa – und seit 2013 das schon mehrfach ausgezeichnete weltweit erste klimaneutrale Textilunternehmen.

Für die Weltmeisterschaft in Doha lieferte das Ulmer Unternehmen der Leichtathletik-Nationalmannschaft 50 Kühlwesten, dazu kühlende Hals- und Armkühler. „Es war klar, dass die Bedingungen in Doha extrem sind“, sagte Geschäftsführerin Gabriele Renner dem Ulmer Nachrichten-Portal „ulm-news.de“. „Wir haben daher auch ein Konzept mit speziellen Kühltaschen und Eiswürfelbeuteln entwickelt. Damit können wir unsere Kühlwesten noch kälter machen.“ Und vielleicht profitieren davon dann ja auch die Mitarbeiter der Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS) im nächsten heißen Sommer.

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