Arbeit für sozial Benachteiligte: Walther Specht (li.), Mitja Frank Foto: Lg/Willikonsky

Jubiläum
Im Kursaal Bad Cannstatt wurden 50 Jahre Mobile Jugendarbeit in Stuttgart gefeiert. Dabei war auch der Mann der ersten Stunde. Dieser erklärte auch, wie es zum Begriff Streetworker kam.

Stuttgart - Um sich noch genauer der Keimzelle anzunähern, hätte diese Feierstunde am Freitag nicht im Kleinen Kursaal in Bad Cannstatt, sondern irgendwo in Freiberg stattfinden müssen. Dort, in diesem nördlichen Stuttgarter Stadtteil, führte Walther Specht vor genau 50 Jahren erstmals eine Form der Jugendarbeit ein, die man so weder in Stuttgart noch sonst wo in Baden-Württemberg und noch nicht einmal in Deutschland in dieser Form kannte. „Ich habe das in Amerika kennengelernt, wo ich als Sozialarbeiter wortwörtlich auf der Straße tätig war“, erinnert sich Walther Specht an die Anfänge im Jahr 1967. Den Begriff des Streetworkers hat er mit über den großen Teich gebracht, er hält sich hierzulande im Grunde bis heute und steht für mobile und offene Jugendarbeit.

42 Vollzeitstellen

Über 200 Vertreter von Einrichtungen und Trägerinstitutionen aus dem ganzen Land feierten nun im Kursaal das Jubiläum. Aus den zarten Wurzeln, die Specht zusammen mit der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart und dem Stuttgarter Caritasverband legte, waren rasch stabile Strukturen entstanden. Schon 1970 gründete sich die erste Gesellschaft der Mobilen Jugendarbeit Stuttgart. Die evangelische und katholische Kirche waren gleich mit im Boot, sind bis in die Gegenwart die größten Stützen. Heute ist der Stuttgarter Dachverband in 17 Stadtteilen aktiv. Zu 42 Vollzeitstellen kommen rund 250 Ehrenamtliche aus dem kirchlichen Umfeld, die sich regelmäßig engagieren. Über das ganze Land verteilt sind rund 150 ähnliche Einrichtungen entstanden.

„Nachdem das Stuttgarter Modell gut lief, sind andere Kommunen aufmerksam geworden und haben nachgezogen“, freut sich Initiator Specht. Und auch das Land steht hinter der Idee. „Baden-Württemberg ist da ein echtes Vorzeigeland“, lobt der Landesverbandsvorsitzende Mitja Frank die finanzielle Unterstützung, wie sie im bundesweiten Vergleich sonst nur Sachsen gewährt.

700 Jugendliche nehmen die Angebote wahr

„Die Ansätze von damals haben sich im Prinzip nicht verändert“, sagt die Stuttgarter Dachverbandsvorsitzende Sabine Henninger über die Herangehensweise, wie die mobile Jugendarbeit aktiv an junge Menschen herantritt, die von anderen Organisationen und Ämtern oft nur schlecht oder gar nicht mehr erreicht werden. „Wir bieten das freiwillige Gespräch an, machen Beratungsangebote ohne jeglichen Sanktionsdruck“, so Frank. Ziel sei es, die Jugendlichen in die Gesellschaft zu integrieren – „aber auch mit ihren eigenen Lebensentwürfen“.

Auf rund 700 Jugendliche und junge Erwachsene beziffert Henninger die Zahl derjenigen, die in Stuttgart solche Angebote regelmäßig wahrnehmen. „Das gegenseitige Vertrauen ist heute wie damals die wichtigste Komponente“, glaubt Walther Specht. Für ihn ist mobile Jugendarbeit auf die Verbesserung der Lebenslagen von gefährdeten und sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen gerichtet. „Die Erfahrung von Ausgrenzung und Demütigung ist ein Nährboden für Gewalt“, so Specht. Alles, was man mit dieser Art der Jugendarbeit erreiche, sei „humaner, wirksamer und kostensparender als Hass, Abschreckung, Bestrafung und Gefängnisse“.

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