Die Bubecks und Klaus Müller (re.) leben in dem bunten Gebäude-Komplex und gehören zur Eigentümergemeinschaft. In Sachen Wohnen können sie sich nichts Schöneres vorstellen. Foto: Horst Rudel

In Plochingen steht seit 25 Jahren ein Haus, das von seinen Bewohnern und der Stadt hoch geschätzt wird. Gestaltet haben es Architekten und der Wiener Künstler Friedensreich Hundertwasser. Ein Besuch vor Ort.

Plochingen - Von Weitem leuchtet das bekannteste Haus in Plochingen. Etwa von der B 10 oder der Bahnstrecke aus fällt das Hundertwasser-Gebäude mit seinen goldenen Kugeln und der bunten Fassade sofort ins Auge. In der Stadt ist es spätestens seit seiner Fertigstellung 1994 omnipräsent. In diesem Jahr feiert der Ort im Kreis Esslingen den 25. Geburtstag des Hundertwasser-Hauses „Wohnen unterm Regenturm“ – wie der Gebäude-Komplex zwischen der Zehntgasse, der Neckarstraße und der Schorndorfer Straße heißt.

Der Turm mit seinen 33 Metern Höhe ist das höchste Bauwerk in der rund 14 000 Einwohner fassenden Kleinstadt am Neckar. Er gehört zu einer Anlage, die für Besucher nur von außen einsehbar ist – es sei denn man ist mit einem der Bewohner befreundet und wird nach Hause eingeladen. Gartentörchen beschränken den Zugang zum farbenfrohen Innenhof der Anlage, der das künstlerische Kernstück ist – Privatsphäre muss schließlich auch in einem berühmten Wohnhaus sein.

Ein Leuchten flackert in Astrid Bubecks Augen auf, wenn sie von ihrer Wohnung in der Anlage erzählt: „Von unserem Essplatz aus können wir jeden Tag diese Aussicht auf die bunte Häuserfassade und den grünen Garten genießen. Als wir das erste Mal hier gefrühstückt haben, sagte ich zu meinem Mann: ,Das ist wie Urlaub, nur, dass wir das jetzt jeden Tag haben‘.“ Seit 2011 leben die Bubecks in einer Drei-Zimmer-Wohnung des Hundertwasser-Gebäudes mit eigener Dachterrasse. „Wir sind durch Zufall hier gelandet, die Faszination für die Anlage war schnell da. Jetzt wollen wir hier nicht mehr weg.“ Klaus Müller wohnt von Beginn an im Hundertwasser-Gebäude, seit 1998 penthouse-ähnlich oben im Regenturm. „Ich komme ursprünglich vom Bodensee. Nur der Blick auf das Wasser könnte das hier noch toppen. Jeder Blickwinkel ist ein eigenes Kunstwerk“, findet der 61-Jährige.

Noch mehr Einblicke gibt’s im Video:

Müller kann in dem Plochinger Bau die Nachahmung zum Markusplatz in Venedig, den Hundertwasser sehr geschätzt haben soll, erkennen. „Der Innenhof ist ein geschlossener Raum, der nach oben hin offen und von vier Zugängen zu erreichen ist“, sagt er. In den vergangenen 25 Jahren habe sich die Gemeinschaft der Eigentümer und Bewohner verändert, sagt er. „Früher haben hier viele Familien mit Kindern und jüngere Menschen gewohnt. Im Pavillon im Garten gab es Fest­e – heute ist es etwas ruhiger, und für viele sind die Wohnungen zu klein geworden.“ Eineinhalb bis drei Zimmer hat jede der 64 Wohnungen, wovon keine baugleich sei. Auch 16 gewerbliche Flächen gehören zu dem Komplex. Das Miteinander sei sehr freundlich. „Man winkt sich hier von Balkon zu Balkon zu.“

„Vorher gab es in Plochingen keinen Tourismus“

„Jeder, der zum ersten Mal den Innenhof betritt, hat sofort ein Lächeln im Gesicht“, sagt Susanne Martin, die in Plochingen den Kultur- und Tourismus-Bereich leitet. Martin hat zahlreiche Führungen zum Hundertwasser-Bau geleitet. „Das Haus ist ein Türöffner. Vorher gab es in Plochingen gar keinen Tourismus. Die meisten Besucher kommen wegen des Hauses und entdecken dann, dass da auch ein ganz schönes Städtchen ist“, sagt sie. Der bunte Hundertwasser-Bau begleitet die Plochingerin seit ihrem Amtsantritt. „Am Einweihungstag hat es geschüttet. Unser damaliger Bürgermeister, Eugen Beck, der das Ganze mit dem Künstler Friedensreich Hundertwasser aus Wien initiiert und eingeleitet hatte, telefonierte kurz vorher mit dem Meister. Der meinte nur: ‚Das ist doch wunderbar – bei Regen kommen meine Farben zum Leuchten‘.“

Das Blau auf den Fassaden stehe für die Regentropfen, die vom Himmel herabfallen, die roten Balken, die sich an den Gebäuden auf der Innenhofseite emporschlängeln, stünden für die aufsteigende Energie der Erde. „Hundertwasser war es wichtig, dass der Raum, den man der Erde zum Bau eines Gebäudes nimmt, ihr in Form von Bepflanzung wieder zurückgegeben wird. Daher sei der Innenhof, der auf dem Gebäude eines Supermarktes angelegt ist, begrünt worden und die Dächer der Anlage seien ebenfalls Grünflächen.

Der Innenhof ist eine bewohnte Hundertwasser-Welt – wer aus den Fenstern schaut, sieht nur Hundertwasser-Kunst und Architektur, Himmel und Pflanzen – und die anderen Bewohner. „Das war der Hauptgrund für Hundertwasser, dieses Projekt zu gestalten“, sagt Martin. Der berühmte Künstler, der sich auch in Sachen Umweltschutz engagierte, gab dem Gebäudekomplex seinen bunten Anstrich.

1985 bekamen die Architekten Heinz M. Springmann und Siegfried Kaltenbach den Auftrag für den Bau eines Wohn- und Geschäftshauses als Ringbau um einen Innenhof. Verantwortlich für die Entwurfs- und Genehmigungsplanung innerhalb der Architektengemeinschaft Springmann und Kaltenbach waren die Architekten Elmar Flassak und Sousan Tehrani. Unter anderem mit Hilfe von Kontakten über die österreichische Partnerstadt Zwettl gelang es dem damaligen Bürgermeister Beck Friedensreich Hundertwasser für die Gestaltung des Innenhofes und der Innenfassaden zu gewinnen.

Natur und natürliche Prozesse am Bauwerk

Der Künstler wandelte die Fassade in eine organische um und veränderte die Form und Anordnung der Fenster, die ungewöhnlich anmutet. „Das Besondere ist das Unkonventionelle“, meint der Eigentümer Müller. Nachteile in der Anlage zu wohnen, sehen weder die Bubecks noch Müller. „Mit Interessierten muss man rechnen, wenn man hier wohnt“, sagt Astrid Bubeck. Müller meint: „Ich denke, jeder, der hier lebt, gibt gerne Auskunft, wenn er gefragt wird. Viele sind ja stolz hier zu wohnen.“

An den Zeichen der Zeit, die sich nach einem Vierteljahrhundert an den Fassaden in Form von Flecken bemerkbar machen, hätte sich der Künstler laut Susanne Martin gefreut. „Er wollte, dass sich alles natürlich zusammenfügt und die Natur ihre Spuren hinterlässt.“ Daher werde das nicht beschönigt. Derzeit werden jedoch die Dachterrassen saniert. Im Laufe der Zeit wurden diese undicht und müssen neu angelegt werden, damit im Sommer wieder alle Bewohner ihren Hundertwasser-Innenhof uneingeschränkt genießen können.

Der Künstler und das Projekt

Friedensreich Hundertwasser
Der in Wien geborene Künstler wurde 1928 unter dem Namen Friedrich Stowasser geboren. Er arbeitete als Maler, schuf Objekte angewandter Kunst und war im Umweltschutz aktiv. Er war gegen alles geradlinige und standardisierte. Das und die Einbeziehung der Natur spiegelten sich in seiner Kunst und der Gestaltung von Bauwerken wider. Hundertwasser starb im Jahr 2000.

Plochinger Gebäude
Von 1991 bis 1994 wurde das Hundertwasser-Gebäude errichtet. Die Baukosten für das Projekt beziffert die Stadt auf 60 Millionen DM. Die 64 Wohnungen sind Eigentumswohnungen, die zum Teil vermietet, teils von den Eigentümern bewohnt werden.

Weitere Bauwerke
In Österreich hat Hundertwasser mehrere Gebäude gestaltet, etwa das Hundertwasser-Haus in Wien. In Deutschland stehen unter anderem in Uelzen, Darmstadt und Magdeburg Bauten des Künstlers.

Führungen und Veranstaltungen

Rundgang
Die Stadt Plochingen bietet Führungen auf dem Hundertwasser-Gelände an. Die nächsten Termine sind am 24. März, um 14 Uhr, am 17. April, um 15 Uhr, am 11. Mai, um 11 Uhr, am 10. Juni, um 14 Uhr, am 5. Juli, um 16 Uhr, am 11. August, um 14 Uhr, am 4. September, um 11 Uhr, am 21. September, um 14 Uhr, am 11. Oktober, um 16 Uhr und am 30. November, um 12 Uhr. Anmeldung bei Plochingen Info, Marktstraße 36, Plochingen, Tel. 0 71 53/7 00 52 50 und per E-Mail an tourismus@plochingen.de

Filme über Hundertwasser
An einem Abend stehen gleich zwei Filme rund um Hundertwasser auf dem Programm. Die oscar-nominierte Doku von Peter Schamoni „Hundertwassers Regentag“ sowie der zehnminütige Streifen „20 Jahre Wohnen unterm Regenturm“ werden am 20. März im Union-Theater, Esslinger Straße 5, Plochingen, von 19 Uhr an gezeigt.

Aktionen und Vorträge
Die Stadt Plochingen lädt zu einem Instawalk ein, bei dem Blogger und Instagramer die Kleinstadt und den Hundertwasser-Komplex erkunden. Termin: 12. April, Anmeldung unter: tourismus@plochingen.de. Am 22. Mai, um 19 Uhr, hält Joachim Hahn als Experte für jüdische Geschichte einen Vortrag in der Stadthalle über die Einflüsse der jüdischen Herkunft auf Hundertwassers Werk. Vom 29. August bis zum 12. Oktober sind Werke des Künstlers in der Ausstellung „Hundertwassers ökologische Visionen“ in der Galerie der Stadt Plochingen zu sehen.

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