Das Porsche-Team um Brendon Hartley, Earl Bamber und Timo Bernhard feiern ihren Sieg beim 24-Stunden-Rennen. Foto: Getty Images Europe

Porsche siegt beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans nach einer beeindruckenden Aufholjagd und schafft damit einen Hattrick. Für Fahrer Timo Bernhard geht ein Traum in Erfüllung.

Le Mans - Der Volkswagen-Vorstand Matthias Müller spazierte am Sonntag gut gelaunt in die Porsche-Hospitality, doch kaum hatte er alle bekannten Mitarbeiter begrüßt, schaute auch er nur noch fassungslos auf den Bildschirm.

Keine drei Minuten nach dem Auftritt des Konzernchefs, tuckerte der turmhoch in Führung liegende Porsche 919 hybrid mit André Lotterer am Steuer den Seitenstreifen entlang. Bei 13 Runden Vorsprung war der Le-Mans-Gesamtsieg für Lotterer und seine Teamkollegen Neel Jani und Nick Tandy nur noch im Sonntagsfahrer-Modus perfekt zu machen. Es war 11.08 Uhr, also nur noch knapp vier Stunden zu fahren – doch dann ging das Auto durch nachlassenden Öldruck kaputt.

Willkommen in Le Mans, dem 24-Stunden-Klassiker, der Träume erst am Sonntag um 15 Uhr wahr werden lässt – aber niemals davor. Das allgemeine Straucheln der Favoriten eines verrückten Rennens begann schon um Mitternacht, als die Defekt-Hexe innerhalb kurzer Zeit alle drei Toyotas aus dem Rennen zauberte. Nur einer der drei japanischen Rennwagen konnte noch ohne Hoffnung auf den Gesamtsieg weitermachen. Porsche und Toyota erlebten an der Sarthe Stand Sonntagmittag ein wahres Desaster.

Der Porsche-Rennwagen war schon so gut wie tot

Des einen Pech, ist des anderen Glück – auch das gehört zum Mythos Le Mans. So kam es doch zum wunderbaren Happy-End für die Stuttgarter, denn der zweite Porsche, in dem sich der Pfälzer Timo Bernhard und die Neuseeländer Brendon Hartley und Earl Bamber abwechselten, schnappte sich am Ende auf wundersame Weise doch noch den Sieg. Toyota, der hohe Favorit, war geschlagen. Im vergangenen Jahr verloren die Japaner den Gesamtsieg durch einen Ausfall in der letzten Runde an Porsche – und nun gab es das nächste Debakel. Timo Bernhard war es egal.

Auf seiner letzten Runde weinte der Deutsche im Rennwagen, während sie in der „Schwaben-Garage“ herum hüpften. Nach einer turbulenten Wettfahrt verbesserten die Zuffenhausener ihren Rekordwert auf 19 Gesamtsiege in Le Mans und schafften den Hattrick. „Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Die Jungs haben das Auto superschnell repariert. Hier zählt jede Runde und hier kann wirklich alles passieren – das ist der Spirit von Le Mans“, sagte Bernhard und befand sich ganz im Glück.

Dabei war der Rennwagen mit der Nummer zwei schon so gut wie tot. Bereits am Samstag um 18.33 Uhr machte das hochsensible Hybridsystem schlapp. Eine Stunde benötigten die Mechaniker, um den Fehler zu beheben, während Bernhard in der Hospitality zur Verarbeitung der Pleite die Nähe seiner Familie suchte und nicht ansprechbar war. Doch wie durch ein Wunder kam das Auto wieder zurück – weit hinten im Feld. Zu diesem Zeitpunkt lachten sich die in Führung liegenden Japaner von Toyota schon ins Fäustchen – ein Konkurrent weniger: Aber auch ihr Waterloo sollte noch kommen.

Ein „harter Ausfall“ für André Lotterer

Bernhard, Bamber und der forsche Angreifer Hartley legten eine beeindruckende Aufholjagd hin. Als das Lotterer-Auto eliminiert war, lagen noch drei Rennwagen aus der kleineren Klasse LMP2 vor ihnen. Erst überrumpelten sie die ersten zwei, dann galt es, den letzten Spielverderber aus dem Hause Vaillante Rebellion einzuholen. Noch drei Stunden zu fahren, bei zwei Runden Rückstand – da ging noch was, das spürten sie. Um 13.52 Uhr war der letzte Störfaktor dann fällig. Der gefühlte Chef des Trios, Timo Bernhard, saß höchst persönlich am Steuer und setzte spielerisch zum Überholmanöver an. „Gibt es schlimmere Rennen als Le Mans?“, fragte zeitgleich Bernhards Mutter.

Für die Zuschauer war es beste Unterhaltung. Bei traumhaftem Wetter zeigte sich, dass der Klassiker im Nordwesten Frankreichs das größte Rennen der Welt ist und an seiner Einzigartigkeit nichts verloren hat - bei Zuschauerzahlen jenseits der 200.000-Marke. Fresstempel, Frittenbuden, Bars – an jeder Ecke tummelten sich die Menschen. Von Aston-Martin-Shirts bis zur Rolex-Uhr für 68.700 Euro gab es wirklich alles, was das Herz begehrt - und der Geldbeutel zulässt. Vor allem Briten und Franzosen zeigen stolz ihre Schmuckstücke, vom Oldtimer bis zum aufgemotzten Jaguar. Und zu tausenden schlagen die Fans ihre Zelte auf und machen Le Mans zur Mutter aller Rennen.

Timo Bernhard hat die Legende jetzt zweimal gewonnen – einmal im Audi, einmal im Porsche. André Lotterer, der ebenfalls schon im Audi siegte, hatte das Marken-Double eigentlich auch anvisiert. „Dieser Ausfall ist hart“, sagte er nach der 24-Stunden-Tortour, die sich immer nur auf zwei Ebenen bewegt: Himmel und Hölle.

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