Gottesdienst statt Fußball: 21 000 Menschen strömen zum Christustag ins die Mercedes-Benz-Arena Foto: Max Kovalenko

21 000 Christen geben am Donnerstag in der Mercedes-Benz-Arena eine Kostprobe davon, was die Teilnehmer des Kirchentags 2015 in Stuttgart erwartet: ein lebensfrohes Glaubensfest. Zugleich beschworen die entgegensetzten Flügel der Evangelischen Kirche ihre gemeinsame Basis.

Stuttgart - 21 000 Christen geben am Donnerstag in der Mercedes-Benz-Arena eine Kostprobe davon, was die Teilnehmer des Kirchentags 2015 in Stuttgart erwartet: ein lebensfrohes Glaubensfest. Zugleich beschworen die entgegensetzten Flügel der Evangelischen Kirche ihre gemeinsame Basis.

Dort, wo sonst die Gasdruck-Fanfaren der VfB-Fans den Bundesliga-Kickern Beine machen sollen, erschallten an Fronleichnam die Klänge von 600 Bläsern mit Posaunen und Trompeten. So war die Arena auch eine Festung, aber diesmal eine des christlichen Glaubens. Denn an diesem Tag verehrten die 21 000 Teilnehmer des Christustags nicht die zu Ikonen stilisierten Fußball-Profis, sondern den „einzig wahren Champion“, wie Moderator Johannes Kuhn meinte: Jesus Christus.

In einer Evangelischen Kirche, die zuletzt nicht immer einen geschlossenen Eindruck in der Öffentlichkeit abgab, war dies Botschaft des Tages: „Wir sind alle ein Teil seiner Geschichte.“ Auch Dekan Ralf Albrecht vom Mitveranstalter Lebendige Gemeinde schmetterte dies in die Arena. Aber nicht nur der Organisator war bemüht, die Einheit der Protestanten zu bekräftigen. Auch die frühere Ratspräsidentin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, beschwor in ihrem Grußwort die Gemeinsamkeiten der evangelischen Christen.

Zum Hintergrund: Auf dem Kirchentag 1969 in Stuttgart kam es zu einer Zersplitterung innerhalb der Evangelischen Kirche. Fortan veranstaltete der konservative Flügel unter dem Namen Gemeindetag unter dem Wort eine Gegenveranstaltung zum ­Kirchentag, die heute unter dem Namen Christustag firmiert. Die Dimension ist zwar kleiner als beim Kirchentag, mit einen Etat von 650 000 Euro und den 21 000 Besuchern in der Mercedes-Benz-Arena erreichte der Christustag allerdings eine ganz beachtliche Größe.

Daher ist es bemerkenswert, dass auf jener Veranstaltung die als liberal geltende Luther-Botschafterin Käßmann das Grußwort sprechen durfte. Sie selbst wertete dies auch als Akt der Brüderlichkeit. „Ich fühle mich willkommen. Ich bin gerne in Stuttgart“, sagte sie im Bewusstsein, dass das pietistische Württemberg nicht gerade zu ihrem „Stamm-Revier“ zähle. „Im Grunde haben sich die Flügel der Evangelischen Kirche angenähert“, erklärte sie, „denn am Ende geht es doch um dieselbe Sache.“ Sie hätte auch sagen können: Wir sind doch alle Teil seiner Geschichte.

Käßmann sieht sich sogar als Anstifterin dieses Versöhnungsprozesses. Als Generalsekretärin des Kirchentags 1999 in Stuttgart habe sie erstmals seit der Spaltung ­wieder ein pietistisches Zentrum etabliert. Ohnedies sei sie froh, einer Kirche anzugehören, in der Pluralität möglich sei: „Es darf in unserer Kirche Spannungen und Auseinandersetzungen geben, wenn es um das Ringen um die Wahrheit und die Bibel geht. Das gehört zum Protestantismus dazu.“ Als Kronzeugen rief sie dazu den Reformator Martin Luther auf: „Luther wollte keinen Glauben, der sich unter Dogmen ducken muss. Wir dürfen die Bibel auch kritisch lesen. Auch das ist reformatorische Freiheit.“

Wie zur Bekräftigung spielte die Stadion-Regie im Anschluss daran die Videobotschaft des württembergischen Landesbischofs Frank Otfried July ein, der sich auf einer Konferenz des Lutherischen Weltbunds in Indonesien befindet. „Die Vielfalt, die ich im Lutherischen Weltbund finde, finde ich auch in Württemberg und in Stuttgart wieder“, sagte July, betonte aber im nächsten Atemzug die Gemeinsamkeiten. Will sagen: Im kommenden Jahr wächst wieder zusammen, was ursprünglich zusammengehörte. Christustag und Kirchentag. An Fronleichnam 2015 wird der Christustag das Programm des Kirchentags in der Porsche-Arena bestimmen.

„Darauf freuen wir uns“, sagte Constantin Knall, Geschäftsführer des Kirchentags: „Von diesem Christustag geht das Zeichen aus, dass die Fronten nicht mehr so verhärtet sind. Dies spiegelt im Übrigen auch die Stimmung in der kirchlichen Landschaft und der Basis wider.“ Oder wie es Landesbischof July auf den Punkt bringt: „Christus ist dann auch die Mitte des Kirchentags. Und das wird im kommenden Jahr ein Fest ohne Ende.“

Eine Kostprobe davon gaben die Protestanten an Fronleichnam in der Mercedes-Benz-Arena.

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