Yusuf Oksaz gehören drei Clubs in Stuttgart, das Dilayla ist der älteste. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Das Dilayla ist eine Institution im Stuttgarter Nachtleben. Dorthin geht das Stuttgarter Ausgehpublikum dann, wenn sonst fast gar nichts mehr auf hat. Am Samstag feiert Yusuf Oksaz in seinem Club das 20-jährige Bestehen.

Stuttgart - Wasen oder Dilayla – „da geht immer noch was, wenn man einsam ist“. Das wird einem gerne als junge Studentin im ersten Semester und Neu-Stuttgarterin mit auf den Weg gegeben – ungefragt natürlich. „Fummelbunker“ nannten die Mitbewohnerinnen das Dilayla deshalb. Darüber muss Jusuf Oksaz ein bisschen lachen, gekränkt fühlt sich der 46-Jährige ob dieser Bezeichnung für seinen Club keineswegs. „Zu plumpe Anmache versuchen wir zu unterbinden, wenn wir es sehen“, sagt er dazu nur. Wenn er sehe, eine Frau signalisiere keine Begeisterung, wenn ein Mann diese nachdrücklich zu ­erwecken versuche, rate er dem auch mal nachdrücklich, „sich anderweitig zu orientieren“. Wenn es ganz extrem werde, sei der schneller draußen, als er denken könne.

Das Dilayla gehört zu den Endstationen des Stuttgarter Nachtlebens. Es ist eine Art Auffangbecken für alle Gestrandeten, die noch nicht nach Hause wollen. Morgens gegen fünf Uhr hat es dort für jeden noch ein Plätzchen frei – egal ob jung oder alt, reich oder arm und unabhängig von der ­Nationalität. Es sei der „größte gemeinsame Nenner, der hier feiert“, sagt YusufOksaz. Von den einen wird es dafür geliebt, von vielen anderen wiederum ist es deswegen verpönt – auch wegen des Rufs als „Abschleppschuppen“.

Im Dilayla findet sich am frühen Morgen alles zusammen, was noch nicht nach Hause will

Zu den Anfangszeiten, als in der Stuttgarter Innenstadt abends noch tote Hose herrschte, seien die Leute oft schon Schlange gestanden und hätten gewartet, bis das Dilayla endlich um 21 Uhr seine Pforten öffnete. Heute ist die Vielfalt im Stuttgarter Nachtleben wesentlich größer, das Dilayla würde man heute wohl als Mainstream-Laden bezeichnen. Auch musiktechnisch gibt es von allem etwas: ein bisschen Siebziger, ein bisschen Achtziger und ein bisschen was Aktuelles – da ist jeder irgendwie daheim. „Wir haben keine Etikette und sind kein Minderheitentreff“, sagt der Clubbetreiber. „Wer ­ordentlich gekleidet, nett und freundlich ist, ist bei uns willkommen.“

Inzwischen öffnet Oksaz seinen Laden erst um 23 Uhr. Richtig voll wird es meistens gegen 2 Uhr. „Die meisten sind davor woanders“, sagt er. Nüchtern kommen deshalb die wenigsten Gäste bei ihm an, woraus im Laufe der letzten 20 Jahre eben auch die eine oder andere absurde Geschichte entstanden ist. „Mehr als einmal“ ist es wohl in den letzten zwei Jahrzehnten bei einigen Partygästen nicht beim Fummeln geblieben. Sex auf und am Rande der Tanzfläche habe es schon mal gegeben, erinnert sich der Clubbesitzer und fügt hinzu: Das müsse man dann schon unterbinden. „Auch wenn manche Paarungen das dann wohl eher doof fanden“, sagt er und lacht.

Yusuf Oksaz ist das, was man als Gastro-Urgestein bezeichnet. Schon während seiner Ausbildung zum Restaurantfachmann jobbte er im Dilayla. Damals hieß es noch Octave. Von dort aus arbeitete er sich durch die In-Lokale der Stadt: La Concha, Musicland und Sonderbar – bis er eben am 13. Dezember 1996 seinen ersten eigenen Club mit seinem Partner Ioannis Finas, Janni genannt, eröffnete: das Dilayla. „Für viele ist das ein ­Unglückstag, für uns war es ein Glückstag“, sagt der Mann mit dem langen schwarzen Zopf. Inzwischen gehört ihm noch das Mrs. ­Jones und das Romy S.

Die Namen seiner Clubs sind ihm übrigens beim Autofahren gekommen. Das Dilayla – türkisch geschrieben – hat er nach dem gleichnamigen Tom-Jones-Song benannt, weil der gerade im Radio lief, als er die Übernahme des Clubs plante. Und weil das Dilayla als sein erster Club einen besonderen Stellenwert hat, hat Oksaz ­seiner Tochter den Namen Dilayla gegeben.

Ohne Teppich geht im Dilayla gar nichts

Seinen ersten Club richtete Oksaz liebevoll im Wohnzimmerstil ein – mit Sesseln, Sofas und alten Bildern an der Wand. Und nicht zu vergessen, der wichtigste Gegenstand in dem Club: der Teppich. Der ziert das Dilayla seit der ersten Stunde. „Ich bin Türke“, sagt Oksaz. „Ein Türke ohne Orientteppich geht nicht.“ Und ergänzt, um das sich konstant haltende Gerücht zu entkräften: „Es ist nicht seit 20 Jahren derselbe.“ Fast alle drei Monate tausche er aus. Im Laufe von zwei Jahrzehnten hatte er also einen Verschleiß von rund 80 Orientteppichen. Aber ohne den Teppich läuft der Laden nicht: „Es tanzt keiner, wenn der Teppich weg ist. Ein Teppich strahlt eben Wärme aus.“

Als er zum 15. Geburtstag dem Dilayla ­optisch einen neuen Schliff verpasste – das Wohnzimmerzeugs flog raus – und seinem Laden ein „Erwachsenengesicht“ mit geordneten Möbeln gab, war die größte Sorge der Stammgäste, der Teppich könnte ausgedient haben. Umso schlimmer, dass es tatsächlich eine Gruppe männlicher Besucher einst wagte, das wertvolle Stück während des laufenden Betriebes zu klauen. „Wir haben das tatsächlich erst gar nicht bemerkt“, erzählt Oksaz. Erst als die Herren am Treppenaufgang stecken geblieben sind, sei der Diebstahl aufgeflogen. „Da haben wir sie rausgeworfen.“ Der Teppich blieb.

Auch nach 20 Jahren steht der Chef am Wochenende oft hinter dem Tresen und bleibt, bis morgens gegen sieben der letzte Gast gegangen ist. „Jetzt im Alter muss ich aber vorschlafen“, gesteht er. Aufhören mit der Gastronomie wollte er nie: „Ich kann ja nichts anderes.“ In Stuttgart geboren, verbrachte er in der Jugend noch einmal vier Jahre in der Türkei, weil sein Vater Heimweh hatte. Mit 18 Jahren und 400 Mark in der ­Tasche kam er alleine nach Deutschland zurück, weil es für ihn „das bessere Land“ war.

Ab Samstag wird ab 21 Uhr der runde Geburtstag gefeiert

In 20 Jahren Gastronomie hat er inzwischen viel erlebt: Neben dem Teppichklau erinnert er sich auch noch an den Mann, der auf Krücken kam und ohne die Gehhilfen heimging. „Der war geheilt.“ Und neben den sicherlich vielen Kurzzeitbeziehungen in seinem Club hat Oksaz auch die ein oder andere Langzeitbeziehung entstehen sehen – vor allem bei seinen Angestellten. Manch einer ist seit dem ersten Tag mit dem Dilayla verbandelt, etwa DJ Dex. Der ist natürlich am Samstag beim 20. Geburtstag von 21 Uhr an dabei – bestimmt mit dem ­Besten aus den 70ern, 80ern und 90ern.

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